32. Belluard Bollwerk International 25.06.2015

Geschichten von der Grenze

Anja Dirks und Sandino Scheidegger wollen mit «Festung Europa» Begegnungen auf Augenhöhe ermöglichen.Bild Aldo Ellena
Heute beginnt in Freiburg das 32. Belluard Bollwerk International. Das Kunstfestival startet fulminant mit einem Schwerpunkt zum Thema «Festung Europa». Es geht um Abschottung, um Grenzen und um zufällige Privilegien.

«Wir steuern auf ein globales Apartheidsystem zu, in dem einige Menschen sehr viele Rechte haben und viele Menschen sehr wenige Rechte.» Das sagt Anja Dirks, die letzten Herbst die Leitung des Belluard Bollwerk International übernommen hat und ab heute ihre erste Festivalausgabe präsentiert. Diese startet mit einem Schwerpunkt zum Thema «Festung Europa», bei dem sich Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern mit eben diesen brennenden Fragen befassen: Wie soll Europa mit den aktuellen Asyldebatten und Flüchtlingsdramen umgehen? Was sind eigentlich Grenzen? Gibt es ein Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit? Und wie rechtfertigen wir die Privilegien, mit denen wir in Europa zufällig geboren wurden?

Menschliche Geschichten

All diese Fragen seien nicht nur dringlich für Europa und die Welt, sagt Anja Dirks. Sie beschäftigten auch viele Kunstschaffende in vielen Ländern. «Das ist symptomatisch, denn Künstler haben oft besonders feine Antennen.» Darum widmete Dirks den Projektwettbewerb des diesjährigen Bollwerk-Festivals dem Thema «Festung Europa». Dabei ist der Dramaturgin und Kuratorin bewusst, dass ein Kunstfestival keine politischen und gesellschaftlichen Probleme lösen kann. «Aber wir können neue Perspektiven eröffnen. Die Stärke der Kunst liegt darin, Nähe und Empathie herzustellen, indem sie das Publikum an menschlichen Geschichten teilhaben lässt.» Als Beispiel nennt sie das iranische Theaterstück «Welcher Wind trägt dich?», in dem fünf Flüchtlinge an der Grenze stranden, von der Mutter mit Kind bis zum Kriegsdeserteur. «Plötzlich bekommen diese Flüchtlinge eine Stimme, die sie in den täglichen Nachrichtensendungen niemals haben», so Dirks.

 432 Künstler aus 48 Ländern haben Projekte eingereicht, sieben davon hat die Festivaljury zur Realisierung ausgewählt. Dabei habe sich gezeigt, dass das Thema eine künstlerische Gratwanderung sei, sagt Anja Dirks. «Gerade für europäische Künstler, die aus ihrer komfortablen Situation heraus über das Thema nachdenken, besteht die Gefahr von übertriebener Betroffenheit oder vorschnellen Urteilen.»

Die «richtige Seite»

Einer, dem die Gratwanderung geglückt ist, ist der Schweizer Ausstellungsmacher Sandino Scheidegger. Der 31-Jährige präsentiert mit seinem Kollektiv «Random Institute» das Projekt «Consider Yourself Invited». Die Ausstellung erzählt in zwei Szenarien die Geschichten zweier marokkanischer Künstler. Einer von ihnen hat die Visumsbedingungen erfüllt und konnte zum Festival nach Freiburg reisen, der andere nicht. Der Clou: Per Zufallsprinzip werden zwei Besucher ausgewählt, um mit je einem der Künstler ein Gespräch zu führen. Der eine wird dies bei sich zu Hause tun, der andere wird auf Kosten der Veranstalter nach Marokko reisen.

«Aus der Sicht der marokkanischen Künstler sind wir diejenigen, die sich auf der ‹richtigen Seite› befinden», sagt Scheidegger. «Sie orientieren sich stark nach Westeuropa und besonders nach Paris–obwohl viele von ihnen da nicht hin können.» Um die Erfahrung von Grenzen, um die Migration als Utopie und um die Freiheit der Gedanken gehe es in seinem Projekt, so der gebürtige Bösinger, der heute in Zürich und Paris lebt und arbeitet. Den Grenzen, denen die Kunst dabei selber ausgesetzt ist, ist er sich durchaus bewusst: «Alles, was wir tun können, ist, Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. So können wir den Blick schärfen für aktuelle Probleme–obwohl oder gerade weil diese für einmal unpolitisch präsentiert werden.»

Festival: Fast 30 Projekte aus allen Sparten

D as Belluard Bollwerk International wird heute Abend eröffnet und dauert bis zum 4. Juli. Insgesamt zeigt es knapp 30 Projekte aus den verschiedensten Kunstsparten, aus der Schweiz und aus dem Ausland. Die Wettbewerbsbeiträge zum Thema «Festung Europa» sind konzentriert von heute bis Sonntag zu entdecken. Weitere Höhepunkte sind eine Audioinstallation in TPF-Zügen der Freiburgerin Joséphine de Weck, ein Autoballett des Zürcher Kollektivs Mercimax oder ein Konzertprogramm, das in Zusammenarbeit mit dem Bad Bonn in Düdingen entstanden ist. cs

Eröffnung: Heute Donnerstag, 19.30 Uhr, im Bollwerk Freiburg. Programm: www.belluard.ch

Programm

«Festung Europa» auf einen Blick

«Consider Yourself Invited»(CH/F): Zweiteilige Ausstellung (s. Haupttext).

«Welcher Wind trägt dich?»(IRN): Theater (s. Haupttext).

«Mobile Border Unit»(GB): Spielerische Happenings der Grenzüberschreitung.

«Beheld (Alone) Weisslingen»(GB): Installation über Flüchtlinge, die sich in den Fahrwerkschächten von Flugzeugen verstecken.

«Orpheus im Äther»(D): Hörstück mit Live-Musik.

«Zauberstücke für ausländischen Bräutigam»(UKR): Performance.

«Toxu»(SEN): Tanzstück.

«Realitätenkabinett»(eigenes Angebot der Festivalmacher): Expertengespräche im intimen Rahmen.cs