Freiburg 18.04.2013

«Wer etwas zu sagen haben will, muss sich den Respekt der Kollegen verdienen»

Im Januar dieses Jahres wurde die Liip AG mit Hauptsitz in Freiburg mit dem Nachhaltigkeitspreis der Zürcher Kantonalbank ausgezeichnet. Dies auch dank ihrer liberalen Teilzeitkultur.

 «Ich halte die Behauptung von Unternehmen, Teilzeitarbeit sei in Führungspositionen nicht zu verwirklichen, für fragwürdig», sagt Gerhard Andrey, Mitgründer der Liip AG, die an den Standorten Freiburg, Zürich, Lausanne und Bern vertreten ist. Das beste Beispiel für diese These liefert das auf die Entwicklung von Webapplikationen spezialisierte Unternehmen gleich selbst: Knapp zwei Drittel der rund 80 Angestellten arbeiten Teilzeit, darunter auch fünf von sechs Mitgliedern der Geschäftsleitung.

Teilzeit ist kein Problem

«Wer als Mann auch seine Familie betreut, ist karrieretechnisch in vielen Unternehmen weg vom Fenster», sagt Andrey. Die liberale Teilzeitkultur der Liip AG, bei der ein 80-Prozent-Pensum kein Karriererisiko beinhaltet, sieht er denn auch als einen der Hauptgründe für den im Januar erhaltenen Nachhaltigkeitspreis der Zürcher Kantonalbank (siehe Kasten).

Flache Hierarchie

«Wir sind überzeugt, dass zufriedene Mitarbeiter bessere Arbeit leisten», sagt Andrey. Deshalb gewährt die Liip AG auch den Männern seit einigen Jahren vier Wochen Vaterschaftsurlaub. Lohngleichheit sowie eine ökologische Produktionsweise sind selbstverständlich.

Zudem würden die meisten Entscheide demokratisch getroffen und es gebe im Betrieb nur sehr flache Hierarchien, sagt Gerhard Andrey: «Es gibt keine Teamleiter. Wer etwas zu sagen haben will, muss sich den Respekt der Kollegen verdienen.»

Ein grosses Experiment

Weder Gerhard Andrey noch die meisten anderen Mitgründer haben längere Zeit in grösseren Unternehmen als der Liip AG gearbeitet. Deshalb, so führt Andrey aus, habe man auch vieles ausprobiert: «Die Liip AG ist wie ein grosses Laboratorium, ein riesiges Experiment sozusagen.»

Dass auch gut gemeinte Ideen nicht immer gelingen, mussten die Unternehmensgründer vor einigen Jahren feststellen. «Bis 2006 bezahlten wir einen Einheitslohn. Aber mit der zunehmenden Grösse war das einfach nicht mehr kompatibel mit dem Arbeitsmarkt», sagt Andrey. Deshalb habe man die Lohnschere geöffnet, jedoch ist die Differenz mit einem Faktor von 1:2 vom niedrigsten zum höchsten Lohn noch überschaubar.

Die Bemühungen um einangenehmes Arbeitsklima werden von den Angestellten geschätzt. So auch von Tamara Aeby, die seit bald drei Jahren in der Administration arbeitet. «Die Familie hat einen hohen Stellenwert und die Geschäftsleitung geht auf unsere Anliegen ein.»

Nachhaltigkeitspreis: Eine gewisse Orientierung für Kunden

Z um vierten Mal hat die Zürcher Kantonalbank (ZKB) im Januar drei kleine und mittlere Unternehmen mit dem ZKB-Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Damit fördert und honoriert die ZKB Unternehmen, die einen herausragenden Beitrag im Bereich der nachhaltigen Entwicklung leisten, wobei wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Aspekte gleichwertig beurteilt werden.

Nach Interviews mit Mitarbeitenden und der Geschäftsleitung sowie einer genauen Überprüfung der Zahlen hat sich die ZKB entschieden, die Liip AG mit dem zweiten Rang des Nachhaltigkeitspreises und einer Preissumme von 40 000 Franken auszuzeichnen. «Natürlich sind solche Preise kein absoluter Massstab, aber für Kunden können sie doch eine gewisse Orientierung bieten», ist Gerhard Andrey, Mitgründer der Liip AG, überzeugt. Zumal die Firma Liip nicht nur beim Nachhaltigkeitspreis der ZKB vorne mitmischt, sondern auch auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform «kununu» oder beim Agenturranking der Best of Swiss Web Association gut abschneidet. rb