Christine Bulliard-Marbach 26.08.2015

Eine Politikerin mit Ausdauer

Die Kandidatinnen und Kandidaten posieren dieses Jahr im Freizeitlook. Bild Corinne Aeberhard
Vor acht Jahren hat Christine Bulliard-Marbach erstmals für den Nationalrat kandidiert, vor vier Jahren wurde die CVP-Politikerin gewählt. Nun kämpft sie um ihre Wiederwahl: Ob die CVP bei den Wahlen am 18. Oktober ihren zweiten Sitz im Nationalrat halten kann, ist offen.

Sie beschreibt sich selber als ausdauernd: «Wenn ich eine Unterschrift für einen Vorstoss möchte, dann kann ich schon mehrmals beim gleichen Parlamentskollegen nachfragen, bis ich sie habe», sagt CVP-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach. Einige störe das vielleicht, doch sie sei überzeugt: «In der Politik braucht es Ausdauer und Durchhaltewille.» Und beides habe sie in ihrer ersten Legislatur in Bern gezeigt.

Bekannt ist Bulliard auch für ihre Ausdauer im Gespräch: Knappe Antworten und kurze Ansprachen sind nicht ihr Ding. Das CVP-Mitglied spricht an Parteianlässen meist länger als alle anderen, und im Gespräch holt sie gerne aus. «Als Politikerin muss man Menschen und den Dialog mögen.»

Neues gelernt

Die 56-Jährige, die 2011 bei ihrer zweiten Kandidatur in den Nationalrat gewählt wurde, schaut mit Enthusiasmus auf ihre erste Legislatur in Bern zurück. Sie, die seit fast zwanzig Jahren im Gemeinderat von Überstorf ist und der Gemeinde seit neun Jahren als Syndique vorsteht, geniesst die Arbeit in der Legislative. Auch wenn sie bereits von 2001 bis 2011 im Freiburger Grossen Rat gesessen ist, sagt sie: «Wer ins Bundeshaus kommt, muss bereit sein, Neues zu lernen.»

Christine Bulliard zählt zu ihren grössten Erfolgen, dass die Blue Factory–das Innovationsquartier auf dem ehemaligen Cardinal-Gelände in der Stadt Freiburg–Teil des nationalen Innovationsparks ist und damit auch Bundesgelder erhält. «Das ist ein Meilenstein für Freiburg», sagt Bulliard.

Wichtig ist ihr auch ihr Vorstoss, der einen Bericht zu den Kosten in Schweizer Kinderkrippen ausgelöst hat: Schweizer Eltern zahlen mehr für Kita-Plätze als Eltern im Ausland–und dies, obwohl die Vollkosten der Kinderbetreuungsplätze nicht wesentlich höher sind als im Ausland. «Der Bundesrat will nun Rahmenbedingungen fördern, die es Eltern erleichtern, erwerbstätig zu sein.»

Die Sprachenfrage

Der Senslerin, die mit einem Romand verheiratet ist und deren drei erwachsene Kinder zweisprachig sind, ist auch die Sprachenfrage ein Anliegen. So hat sie in einem Postulat gefordert, dass in den Diplomen von Lehrlingen künftig vermerkt wird, wenn sie eine zweisprachige Ausbildung absolviert haben–und nicht wie bisher nur bei Maturanden und Studierenden.

Die Medizinalausbildung

Bulliard war 2014 für den «Prix Jeunesse» nominiert, den die Jugendsession jährlich vergibt, auch wenn am Schluss FDP-Bundesrat Didier Burkhalter ausgezeichnet wurde. «Jugendfragen sind mir ein Anliegen, und darum hat mich die Nomination sehr gefreut.»

Auch Misserfolge hat Bulliard erlebt: «Viele Sachen gelingen nicht», sagt sie über ihre politische Tätigkeit. Enttäuscht sei sie darüber, dass der Bundesrat immer noch nicht auf ihre Vorstösse in Sachen Medizinalausbildung eingegangen sei. «Wir brauchen mehr Praktikumsplätze in der Medizin, gerade auch bei den Allgemeinmedizinern.» Doch sei sie mit ihren Anliegen in diesem Bereich noch nicht genügend vorangekommen.

Jugend, Sprachpolitik, Medizinalausbildung, Kinderbetreuungsplätze–die Themenvielfalt von Bulliard ist sehr breit. Auf ihrer Homepage listet sie unter «Meine Schwerpunkte» gleich zehn Punkte auf, darunter auch Landwirtschaft, Behinderte und Medien. Wo setzt sie wirklich den Schwerpunkt? «In der Familienpolitik–in diesen Bereich fallen ganz viele Themen.»

Bulliard hat sich in den letzten vier Jahren als Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur mit Bildungsthemen hervorgetan. «Die Arbeit in der Kommission setzt eine grosse Dossierkenntnis voraus.» Sie hat sich in die nationalen Themen eingearbeitet, hat zu allen politischen Fragen eine Meinung–und doch kann sie sich ihrer Wiederwahl nicht ganz sicher sein. «Eine Wahl hat immer einen offenen Ausgang», sagt sie. Vor allem in diesem Jahr: Ob die CVP ihren zweiten Sitz im Nationalrat halten kann, ist offen. Der «Blick am Abend» hat deshalb schon geschrieben, Bulliard schaue ihrer Abwahl entgegen. «Solche Artikel gehen nicht spurlos an einem vorbei», sagt sie. «Fundierte und konstruktive Kritik nehme ich gerne an, sie bringt einem weiter.» Oberflächliche Aussagen hingegen versuche sie, nicht an sich heranzulassen. «Sie sind nicht erfreulich und geben einem zu denken.»

«Sehr zuversichtlich»

Und auch wenn die Parteien-Arithmetik zeigt, dass ihr Sitz wackelt, geht sie «sehr zuversichtlich» in den Wahlkampf. «Ich habe bewiesen, dass ich mich engagiere, dass ich Mehrheiten bilden kann und dass ich mich für den Kanton Freiburg einsetze–viele positive Rückmeldungen von Bürgerinnen und Bürgern stimmen mich optimistisch.»

Die ausgebildete Primarlehrerin arbeitet heute als Syndique und Nationalrätin und leitet einen Landwirtschaftsbetrieb. «Da braucht es ein verständnisvolles Umfeld.» Als die Kinder noch kleiner waren, waren ihr Mann–der Immobilientreuhänder Daniel Bulliard–und ihre Mutter oft zu Hause präsent. «Und auch heute muss ich mich organisieren und Arbeiten delegieren.» So stütze sie sich für den Landwirtschaftsbetrieb stark auf ihren Mitarbeiter und Nachbar ab, der viele Aufgaben übernehme. «Obwohl ich nicht selber die Felder bestelle, trage ich die Verantwortung für den Betrieb und erledige Administratives.» Diese Arbeit zeige ihr auch, wie wichtig Familienbetriebe in der regionalen Landwirtschaft seien. «Wir brauchen Familienbetriebe. Dafür setze ich mich ein.»

Die FN porträtieren allewieder kandidierenden Nationalratsmitglieder.Dieses Porträt eröffnet die Serie.

Einschätzung: Der Berner Blick auf Bulliard

M ichael Hug ist Bundeshausredaktor der Berner Zeitung. Für die FN hat er die Freiburger Politikerinnen und Politiker in Bern beobachtet. Zu Christine Bulliard-Marbach sagt er: «Seit vier Jahren rackert sich die Gemeindepräsidentin von Überstorf im Bundeshaus fleissig ab und sucht nach dem Fleck Sonne, an dem sie ein bisschen leuchten kann. Die Bemühungen waren nicht vergeblich. In der CVP-Fraktion wird sie inzwischen als Bildungspolitikerin wahrgenommen. Mit zahlreichen Vorstössen und Initiativen brachte sie im Nationalrat Freiburger Anliegen aufs Tapet. Noch gehört sie nicht zu den politischen Schwergewichten in der grossen Kammer. Aber zumindest parteiintern heisst es, sie habe noch Potenzial. Vielleicht auch im Wissen darum, dass sie bei dieser Wahl einen Wackelsitz der CVP zu verteidigen hat.»

Interessenbindungen

Vereine und Organisationen

CVP-Nationalrätin Christine Bulliard ist Mitglied folgender Organisationen: Radio Freiburg (Verwaltungsratsmitglied), Schweizerische Lauterkeitskommission (Präsidentin); Fondation L'Estampille in Freiburg (Stiftungsratspräsidentin); Freiburger Tourismusverband; insieme Schweiz; Schweizerischer Gemeindeverband, Bern; Verein zum Schutz landwirtschaftlichen Grundeigentums (VSLG); Clinique Générale St-Anne AG (Verwaltungsratsmitglied).njb

Gretchenfragen: Die Kandidatin als Privatmensch

D ie FN wollen den Privatmenschen hinter der Nationalratskandidatin zeigen – und stellten darum auch persönliche, unpolitische Fragen:

 

Was kochen Sie am besten? Und wann standen Sie das letzte Mal am Herd?

Ich koche am besten, was die Familie am liebsten hat: Freiburger Häpperebrägu mit Gschnätzletem. Gekocht habe ich am Sonntag, mit meinem Mann. Das ist Tradition bei uns: Am Sonntagabend gibt es Spaghetti, und wir hoffen, dass die ganze Familie zusammenkommt.

 

Was wollten Sie werden, als Sie ein Kind waren?

Das, was ich dann auch geworden bin: Primarlehrerin. Das war mein Traum.

 

Welche Jugendsünde bereuen Sie heute noch?

Ich habe bei der Nachbarin farbige Wäscheklammern stibitzt, weil wir zu Hause nur solche aus Holz hatten. Aber es kam aus, und ich musste sie zurückbringen und mich entschuldigen.

 

Haben Sie eine Macke?

Bilder an der Wand müssen ganz gerade ausgerichtet sein. Kenne ich jemanden gut, kann es vorkommen, dass ich deren Bilder gerade richte.

 

Machen Sie Selfies?

Ganz, ganz selten. Meist ist man auf einem Selfie ja nicht gerade vorteilhaft abgebildet. Aber es ist sympathisch, man hält einen Moment, den man mit jemandem verbringt, fest.

 

Was haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben fürs Leben?

Mein Vater starb, als ich fünf Jahre alt war. An ihn habe ich sehr wenige, aber sehr schöne Erinnerungen. Meine Mutter hat mir gezeigt, dass Durchhaltewillen und Vertrauen in sich selber und in andere Menschen wichtig sind, um im Leben weiterzukommen. njb