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Reform-Katholiken verlieren Vordenker: Theologe Hans Küng gestorben

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Der Theologe Hans Küng 2012 bei einem Interview in Tübingen.
Keystone/a

Er hat viel Unruhe gestiftet in der katholischen Kirche. Hans Küng hat von den Päpsten sein Leben lang eine Rückbesinnung auf die Bibel gefordert. Doch wirklich ans Ziel gekommen ist er bis zu seinem Tod nie.

Einer der grössten Querdenker in der katholischen Kirche ist tot: Der Schweizer Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng starb am Dienstag im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Tübingen (D), wie die von ihm gegründete Stiftung Weltethos mitteilte.

Küng ist den Angaben zufolge friedlich eingeschlafen. In den vergangenen Jahren hatte sich Küng wegen seines Gesundheitszustands zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er litt unter anderem an Parkinson, wie er in seiner Autobiografie öffentlich gemacht hatte.

Küng zählte zu den bekanntesten Kritikern der Amtskirche. Seine Thesen zu den Themen Unfehlbarkeit, Kirche und Gott führten 1979 zum Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis. Gleichzeitig erlangte er dadurch grosse Popularität.

«Profiliertester Priester»

Das Bistum Basel trauere um einen seiner profiliertesten Priester, erklärte Bischof Felix Gmür auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA in einer Stellungnahme. Hans Küng sei im Tiefsten ein überaus gläubiger Mensch gewesen. Sein ganzes Leben und Schaffen sei im Kern ein grosses Glaubensbekenntnis gewesen, mit allen Höhen und Tiefen, die es gekennzeichnet hätten.

Bis ins hohe Alter habe ihn eine enorme Schaffenskraft ausgezeichnet. Er habe die Kirche à jour bringen wollen und seinen Blick geweitet auf die Weltreligionen, weil der Friede unter diesen eine Voraussetzung sei für Frieden in der Welt. Und er sei der Kirche treu geblieben, sei Priester des Bistums Basel geblieben und habe das schwankende Boot der Kirche nicht verlassen.

«Visionärer Vordenker»

«Mit Hans Küng verlieren wir den charismatischen und menschlich beeindruckenden Gründer der Stiftung und einen visionären Vordenker für eine gerechtere und friedlichere Welt», erklärte Stiftungspräsident Eberhard Stilz.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, würdigte Küng als «anerkannten und streitbaren Forscher». «Hans Küng hat es sich nie nehmen lassen, für seine Überzeugungen einzutreten», sagte der Limburger Bischof nach einer Mitteilung der Bischofskonferenz. «Auch wenn es diesbezüglich Spannungen und Konflikte gab, danke ich ihm in dieser Stunde des Abschieds ausdrücklich für sein jahrelanges Engagement als katholischer Theologe in der Vermittlung des Evangeliums.»

Der Rektor der Universität Tübingen, Bernd Engler, ehrte Küng zu dessen Tod als produktiven Forscher, einen überaus schöpferischen Gelehrten und einen exzellenten Theologen. Mit seinem weltweit anerkannten Einsatz für Kirchenreformen und für den Dialog der Religionen habe er massgeblich zum internationalen Ansehen der Universität Tübingen beigetragen.

Die katholische Reformbewegung «Wir sind Kirche» teilte mit, Küngs lebenslange Beharrlichkeit in der Erneuerung der römisch-katholischen Kirche sowie sein Einsatz für die Ökumene und den Dialog der Weltreligionen blieben Ermutigung, Inspiration und Ansporn zugleich. Küng habe wie kein anderer in unserer Zeit die Frage nach der Wahrheit im Christentum wachgerüttelt und wachgehalten, hiess es.

In Sursee LU geboren

Küng wurde 1928 in Sursee LU geboren. Nach der Matur in Luzern studierte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und später in Paris Philosophie und Theologie.

1954 erhielt Küng die Priesterweihe. Von 1957 bis 1959 war er an der Hofkirche in Luzern praktischer Seelsorger. 1960 wurde er an die Universität Tübingen berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1996 tätig war. Als er 85 Jahre alt wurde, zog Küng sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück.

Küng profilierte sich als kritischer Theologe. Weil er das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen bezweifelte, entzog ihm 1979 der damalige Papst Johannes Paul II die kirchliche Lehrerlaubnis. «Ich lehre schon seit eh und je und bin als katholischer Theologe anerkannt. Ich brauche die römische Fahrerlaubnis nicht», sagte Küng später dazu.

Theologische Bestseller

Küng wurde durch seine Kritik an der Amtskirche und durch deren Abstrafung zum Idol der katholischen Reformbewegung. Er schrieb über 50 Bücher, darunter Bestseller wie «Ist die Kirche noch zu retten?» und «Jesus». Küng erreichte weltweit Millionen von Lesern.

Etiketten wie «Papstkritiker» hat Küng nie besonders gemocht. «Kirchenkritiker ist kein Beruf. Ich bin nicht an Kritik interessiert. Aber wenn man dort so verbohrt an Positionen festhält, muss man halt immer wieder gleiches wiederholen», sagte er.

Küng scheute klare Worte nicht. Dem polnischen Papst Johannes Paul warf er vor, er habe ein autoritäres Lehramt ausgeübt und die Menschenrechte von Frauen und Theologen unterdrückt.

Der deutsche Papst Benedikt XVI. war in den sechziger Jahren ein Weggefährte Küngs. Dieser sagte über Benedikt, er habe sich in eine konservative Käseglocke zurückgezogen, die ihn von der Realität der Menschen trenne.

Lobende Worte für Franziskus

Für den aktuellen Papst Franziskus fand Küng lobende Worte. In seinem 2015 erschienen Buch «Sieben Päpste» schrieb er, Franziskus habe durch seine direkte Sprache, seinen antikurialen Lebensstil und seinen Appell an das Evangelium die Atmosphäre im höfisch-römischen System gründlich verändert.

Trotz aller Kritik nahm Küng die Kirche auch in Schutz. So warnte er angesichts von Missbrauchsskandalen vor Pauschalurteilen über Geistliche und die Kirche. Zahllose Seelsorger seien untadelig und setzten sich voll für ihre Gemeinden ein.

Küngs Lebenswerk ist die Stiftung Weltethos, die er bis 2013 leitete. Eine Epoche, die anders als jede frühere durch Weltpolitik, Welttechnologie, Weltwirtschaft und Weltzivilisation geprägt sei, bedürfe eines Weltethos, lautet sein Credo.

Küng wurde für sein Schaffen mit vielen Ehrendoktoraten ausgezeichnet. Diese erhielt er hauptsächlich von Universitäten in den USA und in Grossbritannien.

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