FREIBURG 02.02.2018

«Die Hoffnungen sinken gegen null»

Palästinas junge Christen-Generation sieht keine Perspektiven in der Heimat. Dieser Ansicht ist Erwin Tanner, der Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, nach einer Reise durch das Heilige Land, von welcher er mit gemischten Gefühlen zurückkehrte.

Die meisten jungen Christen in Israel und Palästina sehen ihre Zukunft nicht in ihrer Heimat, sondern anderswo, sagt der Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz, Erwin Tanner, im Gespräch mit Kath.ch. Er gehörte einer internationalen Delegation an, die vom 13. bis 18. Januar Israel und den Gazastreifen besuchten.

Was sind spontan Ihre stärksten Eindrücke dieser Reise?

Lassen Sie mich mit den positiven Eindrücken beginnen: die lachenden Kinder in den Gebieten der Westbank, die wir besucht haben, sowie im Gazastreifen. Die spontanen Gespräche mit besorgten Christen und Muslimen in Jerusalem. Oder die Teilnahme am Schabbat-Abendessen bei einer liberalen jüdischen Familie und die angeregte Diskussion mit verschiedenen, teilweise provozierenden Rabbinern zum Verhältnis Judentum/Christentum. Daneben gibt es leider auch negative Eindrücke: der despektierliche Umgang der israelischen Beamten mit den Bischöfen beim Verlassen des Gazastreifens nach Israel. Ein auffallend geringes Wissen von der Religion des jeweils anderen.

Auf dem Programm standen auch Begegnungen in Jerusalem, Bethlehem, Emmaus und Gaza …

Wegen eines Treffens der Vorsitzenden und Vizevorsitzenden der Deutschen, Französischen und Schweizer Bischofskonferenz musste ich vorzeitig nach Europa zurückkehren und konnte deshalb nicht nach El-Qubeibeh (Emmaus) gehen, ein kleines arabisches Dorf, das, wie die übrige Westbank, zunehmend unter den Folgen des israelischen Mauerbaus leidet.

Im Zentrum standen Begegnungen mit jungen Christen. Wie sind deren Bildungs­chancen und berufliche Perspektiven?

Für die jungen Christen stellen die Schulen des Lateinischen Patriarchats – gleichsam als Schulen ohne Mauern – eine unerlässliche Bildungsstätte dar. Hier erhalten sie zusammen mit muslimischen Mitschülern nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern erlernen – unter Einbezug der Eltern – auch Verhaltensregeln, die sie zu einem friedlichen und gerechten Zusammenleben befähigen sollen. Aber die berufliche Zukunft sieht für sie schwarz aus. Die meisten jungen Christen sehen diese im Ausland, also weder in Israel noch in Palästina, obschon für sie hier eigentlich ihre Heimat liegt. Die sehr hohe Arbeitslosigkeit und die israelische Politik gegenüber Palästinensern lassen ihre Hoffnungen auf eine tragfähige berufliche und familiäre Zukunft gegen null sinken. Im Gazastreifen liegt die Arbeitslosigkeit bei der jungen Generation gar bei 70  Prozent!

Wie kann die Kirche vor Ort die jungen Menschen unterstützen?

Das Lateinische Patriarchat versucht, die jungen Menschen mit Bildungs- und Arbeitsbeschaffungsprogrammen zu fördern. In den Genuss der Letzteren kommen Christen allerdings nur selten, da diese auf die Ärmsten der Armen zielen, zu denen sie in der Regel nicht gehören. Doch die Christen haben es immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Unterstützung der Kirchen vor Ort reicht nicht aus, weshalb Unterstützung aus dem Ausland notwendig ist.

Welche Rolle kommt den jungen Menschen im Friedensprozess zu?

Die Angst vor einem neuen Krieg steckt den Menschen tief in die Knochen, quer durch alle Religionsgemeinschaften. Ihr Durst nach Frieden ist gross! Gerade junge Menschen stehen dem politischen Establishment skeptisch gegenüber und wünschen sich endlich langfristig Ruhe und Ordnung.

Der Erhalt des Status quo der Stadt Jerusalem war ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt. Wie haben Sie die Stimmung in dieser Frage erlebt, nachdem US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat und die US-Botschaft dorthin verlegen will?

Trumps historisch, kulturell und politisch unsensible Erklärung hat den Traum der Christen und Muslime von einer Zwei-Staaten-Lösung praktisch zerstört. Eine solche Lösung ist in weite Ferne gerückt. Die in der Heilig-Land-Koordination vertretenen Bischofskonferenzen setzen sich in einer Linie mit Papst Franziskus aber weiterhin für eine Zwei-Staaten-Lösung ein.

Sie haben bereits mehrfach an solchen Reisen ins Heilige Land teilgenommen. Stellen Sie Entwicklungen fest – positiver wie negativer Art?

Der politische Prozess des israelischen Mauer- und Siedlungsbaus hält trotz internationalem Protest an, was bei einem Teil der christlichen und muslimischen Palästinenser den Zorn erhöht und bei anderen zu völliger Entmutigung und Hoffnungslosigkeit geführt hat. Trumps Erklärung zu Jerusalem hat diese Situation noch verschärft. Immerhin machen die Aufräumarbeiten im Gazastreifen Fortschritte. Viele Häuser wurden wieder aufgebaut. Die Zahl der Christen dort bewegt sich heute bei unter 1000. Weniger als 200 von ihnen gehören der römisch-katholischen Kirche an.

Was nehmen Sie konkret von dieser Reise in Ihren Alltag mit?

Dass ich mich noch mehr für die Christen im Heiligen Land, für ihren dortigen Verbleib sowie für die Verständigung zwischen den Angehörigen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens einsetzen möchte.

«Die Christen haben es immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.»

Erwin Tanner

Schweizer Bischofskonferenz