Mézières 25.01.2020

Fragile Schönheit

Spuren des Tagesgeschehens in den Frühstückstassen von Isabelle Krieg: Die Serie «Unerledigt» ist für die Künstlerin eine Form der Selbstkritik.
So empfindlich die Tapeten an den Wänden des Tapetenmuseums in Mézières sind, so zerbrechlich sind auch die Kunstwerke in der neuen Sonderausstellung «Fragile(s)». Acht Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Sparten zeigen ihre Arbeiten.

«Fragile», zerbrechlich, steht auf den Kisten, die diese Woche beim Medienbesuch im Tapetenmuseum in Mézières noch in einer Ecke stehen. «Fragile(s)» ist auch der Titel der neuen Sonderausstellung – doch die Kisten sind nicht etwa eine Kunstinstallation, sondern enthalten die zerbrechlichen Teile eines noch nicht aufgebauten Werks der Textil- und Keramikkünstlerin Stéphanie Baechler. Fast schon symbolisch stehen sie für das, was die Ausstellung ab morgen zeigt: Acht Künstlerinnen und Künstler verschiedener Sparten haben sich mit den Themen Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit befasst. Ihre Arbeiten sind in den verschiedenen Räumen des Schlossmuseums zu sehen und treten dort in einen Dialog mit der Architektur und vor allem mit den ­Tapeten, die die Wände der Säle schmücken.

«Kunst soll berühren»

Ebendiese Papiertapeten, Originale aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, wie sie nur selten in dieser Qualität erhalten sind, bilden den Ausgangspunkt für die Ausstellung. «Sie haben mit ihrer Zerbrechlichkeit das Thema vorgegeben», sagt Museumsleiterin Laurence Ansermet. Die Idee, dazu eine Kollektivausstellung mit verschiedenen Künstlern zu organisieren, kam vom Freiburger Fotografen Romano Riedo, der die Schau kuratiert hat. Er stellt selber Bilder aus einer Serie aus, die über die Jahre an verschiedenen Orten entstanden ist: Die Fotografien zeigen Details aus zerrissenen, nur noch bruchstückhaft erkennbaren alten Plakaten, die wie abstrakte Gemälde wirken. Die Bilder sind im ganzen Museum verteilt, viele hängen in den alten Cheminées und bilden eine Symbiose mit dem Raum. Riedos Arbeiten passten aber nicht nur zu den Räumen, sondern auch zur Geschichte des Schlosses Mézières, so Laurence Ansermet. «Sie erinnern mich daran, dass die Jugendlichen des Dorfs sich vor dem Umbau des damals leer stehenden Hauses zum Museum einen Spass daraus machten, hier einzudringen und möglichst grosse Tapetenstücke abzureissen.»

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei: 1989 klassierte das kantonale Amt für Kulturgüter das Tapeten-Ensemble als schützenswert, ab 1995 wurde das Schloss saniert und restauriert und 2007 als Tapetenmuseum wiedereröffnet. Einer, der das Haus in seiner Kindheit, die er teilweise in Mézières verbracht hat, noch in seinem alten Zustand erlebt hat, ist der Zeichner und Autor Baptiste Oberson. Er beteiligt sich an der Ausstellung mit zwei illustrierten Texten und einigen Zeichnungen. Das passt zum Bestreben von Kurator Romano Riedo, verschiedene Kunstrichtungen zusammenzubringen. «Kunst soll die Menschen berühren, das ist das Wichtigste», sagt er. Dem Tonkünstler Bernhard Zitz etwa gelingt das mit einem eigens für die Ausstellung kreierten Projekt: Lautsprecher aus Papier, versehen mit Nadeln wie bei einem Plattenspieler, erzeugen auf Intervention der Besucherinnen und Besucher ein einzigartiges Klanguniversum.

Porträts in Kaffeetassen

Zu den besonders berührenden Werken zählen die Arbeiten der international erfolgreichen Freiburger Künstlerin Isabelle Krieg. Sie zeigt den dritten Teil ihrer Werkserie «Unerledigt», eine Installation aus ungewaschenen Tassen und Untertassen. In die Kaffee- und Kakaoreste hat Krieg zauberhafte Porträts gemalt, teils von bekannten Persönlichkeiten, teils von namenlosen Menschen aus den täglichen Zeitungsschlagzeilen. Den Ausschlag für die Arbeit habe der Irakkrieg 2003 gegeben, erklärt die Künstlerin. «Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich mit der Zeitung, die ich morgens zum Kaffee lese, auch das Leid anderer Menschen konsumiere und es nicht selten gleich wieder vergesse. Diese Menschen in meinen Tassen festzuhalten, ist auch eine Form der Selbstkritik.» Kaum ein Werk passt so gut in die Ausstellung wie dieses: Es erzählt von der Zerbrechlichkeit des Materials, der Vergänglichkeit der ohne Fixierung aufgebrachten Porträts, aber auch von der Fragilität des Menschen und der Endlichkeit des Lebens. «Am Ende sind wir alle gleich», so Isabelle Krieg. Ein weiterer Beitrag der Künstlerin ist das Mobile «Weisser Mäusereigen», ein fragiles Werk, das aus den Knöchelchen einer Maus besteht. Auch hier geht es um Vergänglichkeit und Tod, aber auch um das Leben: «Das Mobile ist eine Art Totentanz», so Krieg. «Es ist ständig in Bewegung und schenkt der Maus so ein neues Leben.»

Aus der Natur ins Museum

Von Natur aus vergänglich ist die Kunst von Jean-Yves Piffard: Der Land-Art-Künstler findet die Inspiration und das Material für seine Werke in der Natur und arbeitet mit Steinen, Blättern, Ästen, Moos oder Erde. In Mézières zeigt er eine Installation aus Papier, Erde und den Stängeln des Japanischen Staudenknöterichs. Dieser gilt hierzulande als unerwünschte invasive Pflanze. «Er bringt das natürliche Gleichgewicht durcheinander», so Piffard. In einem labilen Gleichgewicht befindet sich auch die Installation, die der Künstler im Übrigen mit einem Muster bemalt hat, das an ein Land-Art-Werk erinnert, das er am Ufer der Ärgera schuf. «Die Installation im Museum, so fragil sie ist, ist ein Gegensatz zu meiner sonstigen vergänglichen Kunst in der freien Natur», sagt er.

Den gleichen Titel wie die Ausstellung trägt eine Skulpturengruppe von Anna Schmid. Die Künstlerin aus Spiez kreiert mithilfe von Motorsägen aus schweren Baumstämmen filigrane Objekte, die Leichtigkeit und Kraft verbinden. Erstmals zeigt sie Arbeiten aus ihrer Reihe «Fragil» im Kanton Freiburg. Die Freiburgerin Gisèle Poncet schliesslich hat ihre Installationen eigens für die Ausstellung kreiert. «Grande table» ist eine Tafel, die die Überreste eines Festessens zeigt und daran erinnert, dass der Mensch nur überleben kann, wenn er Tiere oder Pflanzen isst. Eine weitere Arbeit findet sich in der Dienstbotenkammer: Auf dem Bett des Dienstmädchens hat Poncet eine Installation aus Stoff und Grashalmen geschaffen, als Hommage an das Dienstmädchen, seine Demut und seine Gefühle zwischen Einsamkeit und Hoffnung. Inspiriert ist das Werk von der Textzeile «Denn alles Fleisch, es ist wie Gras» aus Brahms’ «Deutschem Requiem». Die Grashalme als Verkörperung der inneren Kraft des Dienstmädchens und der Vergänglichkeit des Irdischen wirken in dem kleinen Raum wie ein stiller, poetischer Schlusspunkt der Ausstellung.

Programm

Führungen, Vorträge, Gespräche und Musik

Um die Ausstellung einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen, gibt es ein vielfältiges Rahmenprogramm, das unterschiedliche Interessen anspricht. Eine Auswahl:

So., 9. Februar: Zweisprachige Führung mit Kurator Romano Riedo (14 Uhr).

Fr., 20. März: Vortrag und Diskussion über die Alzheimerkrankheit mit der Gerontopsychologin Marianna Gawrysiak (14 bis 16 Uhr; auf Französisch).

So., 5. April: Werkpräsentation und Gespräch über Land Art mit dem Künstler Jean-Yves Piffard (14 Uhr).

So., 19. April: Konzert der Sängerin Claire Huguenin (17 Uhr).

So., 26. April: Musikalische Führung mit dem Ensemble Diachronie (14 Uhr).

cs

Tapetenmuseum, Mézières. Vernissage: So., 26. Januar, 11 bis 13.30 Uhr. Bis zum 7. Juni. Öffnungszeiten bis Ende März: Sa. und So. 13.30 bis 17 Uhr. Ab Anfang April: Do. bis So. 13.30 bis 17 Uhr. Weitere Infos und Programm: www.museepapierpeint.ch