Muntelier 03.10.2019

«Es gibt keinen Grund für Einsprachen»

Nach dem Bericht in den FN vom 21. September zum Baugesuch der ARA Seeland Süd nehmen die Präsidentin des Verbands, ­Ursula Schneider Schüttel, sowie Pascal Pörner, Präsident der ARA-Baukommission, auf eigene Initiative nochmals Stellung.

Am 21. September titelten die FN auf der Front «In Muntelier müssen nun doch Bäume für die neue Kläranlage weichen». Das sorgte für Reaktionen: Die Präsidentin des Gemeindeverbands ARA Seeland Süd, Ursula Schneider Schüttel, sowie Pascal Pörner, Ammann von Muntelier und Präsident der ARA-Baukommission, zeigten sich unzufrieden mit dem Bericht. Sie nehmen deshalb nochmals Stellung zum Projekt und den damit verbundenen definitiven und temporären Rodungen des Waldes um die heutige Kläranlage in Muntelier sowie die Bereinigung der Bauzonengrenze. Dadurch wird die Bauzone gemäss Baugesuch um 484 Qua­dratmeter grösser.

Noch vor der ersten Frage betont Schneider Schüttel, «dass wir an den Baudimensionen der neuen ARA nichts verändert haben. Es ist eine andere Festlegung der Zonen als angenommen, welche die Rodung ausgelöst hat und nicht eine Vergrösserung der Anlage.».

Warum muss die Bauzone vergrössert werden, wenn sich an den Dimensionen nichts verändert hat?

Ursula Schneider Schüttel: Die Bauingenieure gingen offenbar davon aus, dass die Bauzone parzellenscharf abgegrenzt ist, also mit der Parzelle übereinstimmt, wie das eigentlich das Normale ist. Als das Projekt am 10.  Januar 2019 bei der Gemeinde Muntelier zur Vorprüfung eingereicht wurde, hat man festgestellt, dass die Bauzone gar nicht bis an den Rand der Parzelle geht. Da man bei der Planung von der Parzellengrenze ausging, war das dann natürlich falsch. Es zeigte sich, dass das Bauprojekt in die Waldzone kommt. Es braucht deshalb ein definitives Rodungsgesuch wegen des einzuhaltenden Waldabstandes.

Pascal Pörner: Wichtig ist zu sagen, dass sowohl von der temporären als auch von der definitiven Rodung nur Fichten betroffen sind. Die temporäre Rodung ist für die Baupiste, damit wir die ARA überhaupt bauen können. Die definitive Rodung braucht es, um die Abstände zu den neuen Gebäuden einhalten zu können. Notabene weil die Abstände bereits heute nicht eingehalten werden. Im Zuge der neuen ARA räumen wir also auf.

Das heisst, auch wenn die Anlage nur auf der heutigen Bauzone gebaut würde, müssten trotzdem Bäume definitiv gerodet werden?

Pascal Pörner: Genau. Das geht auf 1972 zurück, als die damaligen ARA-Verantwortlichen die Fichten pflanzten auf der ARA-Parzelle und damit etwas Gutes taten. Im Laufe der Zeit wurden die Fichten dann immer grösser und wurden auch als Wald festgehalten im Zonenplan.

Wann haben Sie realisiert, dass so oder so definitiv gerodet werden muss, auch wenn die Bauzone nicht erweitert werden würde?

Pascal Pörner: Von mir ausgesehen war das von Anfang an klar. Es wurde zu Beginn des Projekts 2011 festgestellt, dass es eine Anpassung des Waldabstandes braucht.

Es braucht nun also eine Bereinigung der Bauzonengrenze. Ein Teil der Gebäude kommen dort zu stehen, wo heute Bäume sind. Auch anhand der Profilstangen ist das zu sehen. Wenn das mit der Vorprüfung Anfang Jahr klar wurde, weshalb haben Sie das nicht vor der Abstimmung im Februar kommuniziert?

Ursula Schneider Schüttel: Es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass wir eine Bauzonenbereinigung machen müssen. Wir haben das Pro­blem zwar erkannt, aber wir begannen damit, Alternativen zu suchen, weil wir ja eigentlich nicht wollten, dass der Bau über die Bauzonengrenze hinaus geht. Wir haben die Ingenieure damit beauftragt zu prüfen, ob wir den Bau auf dem zur Verfügung stehenden Platz realisieren können. Wir haben gewisse Ausschreibungen letztes Jahr gemacht, um zu wissen, welche Flächen wir brauchen. Wir haben alles Mögliche versucht, auch den Betrieb umzudrehen. Aber es ist mit dem Projekt, das wir schon letztes Jahr erarbeitet haben, so optimiert, dass wir sagen mussten, dass es keinen Sinn macht, die Gebäude anders anzuordnen. Wir haben auch geprüft, ob eine Ausnahmebewilligung für das Bauen ausserhalb der Bauzone möglich ist. Das ist in diesem Fall aber nicht möglich. Das wurde erst im Verlauf des Frühlings klar.

Pascal Pörner: Es ist wichtig, zu sagen, dass wir die Bereinigung der Bauzone nicht einfach hingenommen haben. Aber es zeigte sich, dass die Bereinigung um lediglich 484 Quadratmeter einfacher ist, als das Projekt grundlegend zu überarbeiten. Es wäre auch eine Irreführung des Bürgers gewesen, wenn er über einen Baukredit von 62,9 Millionen Franken für ein konkretes Projekt abstimmt, dieses dann aber wesentlich geändert wird. Dann hätte sich die Frage nach einer neuen Abstimmung gestellt.

Warum haben Sie die notwendige Bereinigung der Bauzone und die definitive Rodung erst mit dem Baugesuch und nicht früher kommuniziert? Es war ja seitens der ARA immer die Rede davon, dass nur temporär gerodet werden müsse.

Ursula Schneider Schüttel: Letztes Jahr haben wir die Umweltorganisationen und die Parteien eingeladen, um das Projekt vorzustellen, und wir haben dann von Rodungen gesprochen, vor allem betreffend der Fichten. Wir haben in den Diskussionen aber nicht gross von temporären oder definitiven Rodungen gesprochen. Wir gingen davon aus, dass wir für die Baupiste roden müssen, aber das ist Fichtenwald, und um den ist es nicht schade im Vergleich zum Auenwald. Und mit dem Übergang, den wir geplant haben, wird das kompensiert. Insofern haben wir uns nicht bei jedem Baum gefragt, ob das jetzt ein definitiver ist oder nicht. Und der Hauptgrund für die Rodungen sind die Abstände, die wir einhalten müssen. Jetzt im Baugesuch haben wir genau definiert, was definitiv und was temporär ist. Man kann sich natürlich immer fragen, zu welchem Zeitpunkt man kommunizieren soll. Wir wollten abwarten, ob noch Änderungen nötig werden, die wir kommunizieren müssen. Dann kamen die Sommerferien. Das wäre aber ungünstig gewesen für jene, die in den Ferien sind. Es ist immer ein Abwägen. Die, die einen Grund haben, gegen das Bauvorhaben zu sein, finden immer einen Grund zu sagen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist.

Sie sagen, um die Fichten sei es nicht schade. Warum?

Ursula Schneider Schüttel: Für den Auenwald ist die Fichte nicht typisch und hat nicht denselben ökologischen Wert. Natürlich ist es schade um jeden Baum, den wir fällen müssen. Aber die Fichten wachsen überall. In diesem Sinne ist es nicht schade um die Fichte.

Pascal Pörner: Eine Fichte ist ein schöner Baum. Aber ich fälle lieber eine Fichte, wenn dafür Kolonien an Kleinstlebewesen hier einen Lebensraum finden. Das muss man ins Verhältnis setzen.

Auf der Projektvisualisierung für die Abstimmung im Februar ist aber kein Abstand von den Gebäuden zum Wald zu sehen. Weshalb?

Ursula Schneider-Schüttel: Damals gingen wir noch davon aus, dass die ganze Parzelle Bauzone ist. Und in der Bauzone können die Eigentümer Bäume fällen ohne Rodungs­gesuch. Aber es ist auch schwierig mit der Visualisierung und der Perspektive. Vielleicht wird dort dann wieder etwas in die Höhe wachsen und dann kommt wieder jemand, der sagt, aus Sicherheitsgründen müsse der Baum gefällt werden.

Pascal Pörner: Wir wissen noch nicht genau, was dort gepflanzt wird. Aber wir wollen den Raum aufwerten. Tatsache ist, nach dem Waldabstand ist es Wald und zwischen dem Gebäude und dem Wald kann auch ein Baum stehen. Dieser soll die Biodiversität fördern.

 

Was verschwindet denn nun genau?

Pascal Pörner: Die Fichten. Wir werden roden, um den Abstand einzuhalten und danach Kleinpflanzen und Blumen säen, die typisch für den Auenwald sind. Damit schaffen wir Lebensräume für Kleinst­lebewesen.

Sind es wirklich nur Fichten, die definitiv gerodet werden? Sie haben doch von einem minimen Anteil an Auenwald gesprochen im Bericht vom 21. September.

Ursula Schneider Schüttel: Vielleicht ist der eine oder andere Baum nicht eine Fichte, das müsste man im Gelände anschauen. Aber wir greifen nicht wirklich in den Auenwald ein.

Ein Kritikpunkt vor der Abstimmung im Februar 2019 war ja immer, dass sich die neue Anlage neben dem Naturschutzperimeter befindet. Nun müssen Bäume definitiv gefällt werden. War die Skepsis der Kritiker an dem Standort berechtigt?

Pascal Pörner: Nein, der Standort ist und bleibt der Beste. Wir müssen unsere Verantwortung wahrnehmen und können unser Abwasser nicht irgendwohin schicken. Das wäre nicht richtig.

Ursula Schneider Schüttel: Das sehe ich auch so. Die ARA ist ja ein Gewässerschutzprojekt. Man will die neue ARA auch aus den Schutzbestrebungen heraus auf dem bisherigen Terrain bauen. Es zeigte sich, dass Alternativprojekte weder vom Landverbrauch her noch finanziell sinnvoll sind.

Was ist wichtiger: Wald oder Kläranlage?

Ursula Schneider Schüttel: Generell ist das schwierig zu sagen. Beide haben ihre Funktionen. In dem konkreten Projekt überwiegen die Interessen nicht nur an der Kläranlage, sondern auch am geringen Landverbrauch gegenüber dem relativ geringen Waldeingriff. Es ist nur der Waldrand betroffen, den wir aufwerten werden. Pascal Pörner: Wir fördern die Biodiversität, und es werden mehrheitlich versickerfähige Beläge gebaut auf dem Areal.

Weshalb braucht es keine Ersatzmassnahmen für die definitiven Rodungen?

Ursula Schneider Schüttel: Das Amt für Wald und Natur hat uns gesagt, dass die Aufwertungsmassnahmen, die wir planen, als Ersatz ausreichen.

Rechnen Sie mit Einsprachen seitens Naturschutzorganisationen?

Ursula Schneider Schüttel: Die Naturschutzorganisationen schauen das natürlich aus der Sicht Naturschutz an. Und es ist gut möglich, dass sie etwas sehen, was wir nicht oder zu wenig beachtet haben. Aus meiner Sicht gibt es aber keinen Grund, Einsprache zu machen. Aber ausschliessen kann ich es nicht, und es ist dann an den Behörden, zu entscheiden, ob wir der Einsprache entsprechen müssen.

Falls es Einsprachen gibt zu dem Baugesuch der ARA Seeland Süd: Herr Pörner, werden Sie als Ammann von Muntelier in den Ausstand treten?

Pascal Pörner: Als Präsident der ARA-Baukommission bin ich bei sämtlichen ARA-Geschäften, die in der Gemeinde Muntelier anfallen, im Ausstand. Der Vize-Ammann wird mich in dieser Angelegenheit vertreten. Ich bin bereits bei der Abstimmung an der Gemeindeversammlung, als es um die Statuten ging, in den Ausstand getreten.