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Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Gastkolumne

Autor: Pascal Vonlanthen

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

C., meine liebe Freundin vom Bundesamt für irgendetwas, lic. phil. Psychologin und meine liebste Zuhörerin und Beraterin, wenn ich mal wieder die ganze Welt gegen mich habe und am Jammern, Wehklagen oder grundlos am Lamentieren bin, die liebe C. also hat letzthin den richtigen Fachausdruck für meinen momentanen Gefühlszustand gefunden: vulnerabel. Leicht verletzlich, verletzbar. Zu «vulnerabel» gesellen sich noch empfindlich, empfänglich, dünnhäutig, ichgestört, offen, so richtig offen, alle Fenster offen, ein verdammter Durchzug durchs ganze Haus, so siehts momentan in mir aus. Grund für diesen «Vulnerabelinstabilitätseelenluftzug» ist der Endspurt für mein neues Album, das anfangs 2010 erscheinen wird. Da mag ich grad überhaupt nichts vertragen, alles geht geradewegs rein und nistet sich irgendwo in den tiefsten Schlupfwinkeln meiner geschundenen Seele ein.

Seit einigen Tagen bin ich mit einem wunderbaren Team hier in der Stadt Freiburg im Studio. Spur für Spur werden nun die Songs, die ich in den letzten Monaten in mühsamster Arbeit auf Papier gebracht habe, von virtuosen Musikern aus der ganzen Schweiz eingespielt und von Darren, dem wohl am besten deutschsprechenden-aber-kein-einziges-Wort-auf-Französisch-verstehenden Australier weltweit, aufgenommen (ich weiss bis jetzt nicht, wie der ohne Französischkenntnisse den Weg ins Studio gefunden hat – Australier halt, die sind es gewohnt, sich durchzuschlagen). So wird französisch, englisch, spanisch, luzerner-, berner-, züri- und seislerdeutsch gesprochen, und man versteht sich gut, wenn nicht verbal, dann sicher mit Musik. Im Übrigen schreibe ich diese Zeilen gerade in meinem Aufnahmekämmerchen, während der Andi auf seinem Schlagzeug irgendwelche Pauken stimmt und ein berndeutsches Liedchen singt, der Darren brüllt in seinem Regieraum englische Fluchwörter, die ich noch nie gehört habe, fluchen deshalb, weil das Mischpult nicht so funktioniert, wie es sollte, und der welsche Pianist fragt mich zum hundertsten Mal: «Je dois jouer le ré mineur comme ça» (er spielt) «ou comme ça?» (er spielt ihn noch einmal – ich höre keinen Unterschied). «Spöu ne ifach irgendwie, nondetschö!», sage ich.

Eingekerkert in schwarze Räume, in denen überall Kabel und Mikrofone, Pommes Chips und Bierdosen, Notenpapier und Songtexte herumliegen, entstehen Tonspur für Tonspur die Arrangements der Songs. Der vorerst noch magere Knochen, an dem nur ein Schlagzeug, ein Bass und eine Gitarre klebt, bekommt mit jedem neuen Musiker, der unsere Katakombe betritt, mehr Fleisch und wird nach und nach ein saftiger Schinken. Wird gut, glaube ich. Hoffe ich. Es muss. Zu viel Arbeit, Zeit und Herzblut stecken in diesen Liedern, das Album muss gut werden. Aber wird es gut? Ja, es wird! Nein, es muss besser werden, alles zu wenig gut. Das beste muss es werden. Und wenn nicht? Doch, es wird, nein, es wird schlecht, doch, nein, vielleicht … oh Gott, oh Gott, ich bin derart im Selbstzweifel und in der Selbstzerfleischung, dass ich schon gar nicht mehr richtig höre, was gut oder schlecht ist, was nach Inhalt oder nach Bullshit klingt. Zum Glück sind da Leute um mich herum, die noch frische Ohren haben und alles mit etwas Abstand und Nüchternheit betrachten können. Ach, ich will euch nicht mit diesem Studio-Zeugs den schönen Samstag vermiesen. Einfach so viel, ich bin hier in der Grube, hadere mit mir und meiner Musik, es geht auf und ab und auf und auf – ja, es geht vor allem aufwärts. Noch ein paar Wochen, und dann komme ich wieder raus. Raus ins Leben.

Liebe Grüsse aus dem Kellerloch, Gustav

PS: Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn nach anderthalb Jahren Arbeit das Album fixfertig in meiner Hand liegt, und der Erste, der mir über den Weg läuft, salopp und kühl meint: «Nicht schlecht, dein neues Album, aber die älteren CDs gefallen mir viel besser.» Dann wird es mich – wie bei den letzten fünf Produktionen – innerlich zerbersten, und ich werde die Welt und ihre rüpelhaften Bewohner wieder einmal verfluchen, dann gehe ich zu meiner Freundin C., lic. phil. Psychologin im Bundesamt für irgendetwas, sie tröstet, berät und baut mich dann wieder auf.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet. Der Inhalt braucht sich nicht zwingend mit der Meinung der Redaktion zu decken.

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