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Die anderen

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Jeder Pendler weiss: Alle anderen sind pure Egoisten. Das beginnt schon auf meinem Weg an den Bahnhof, den ich mit meinem Velo zügig hinter mich bringen will, auch der fortgeschrittenen Zeit wegen. Doch schon beim zweiten Rotlicht passiert es: Wir drei Velos warten anständig darauf, dass es endlich grün wird, aber einer dieser antrampelnden Schnösel setzt sich nonchalant an die Spitze. Nicht dass dieser schneller wäre als wir – im Gegenteil, kaum wird es grün, rettet mich nur ein waghalsiges Überholmanöver davor, meinen Zug zu verpassen. Beim nächsten Rotlicht ist es eines dieser bunt bemalten Velos mit Plastikblumen am Körbchen, das sich seelenruhig an uns allen vorbei drängt und waghalsig bei Rot über die Kreuzung schwankt. Also ein weiteres Überholmanöver, nicht minder waghalsig, denn obwohl der Velostreifen beim Bollwerk breit ist, machen solche Sonntagsfahrer nie Anstalten, am rechten Rand zu fahren.

Nicht besser geht es mir am Bahnhof. Pünktlich bin ich auf der Treppe zum Perron, doch die ausgestiegenen Pendler nehmen beim Hochsteigen wie immer keine Rücksicht auf unsereins, die runter müssen. Aber es klappt: Ich bin beim Zug noch bevor die alle ausgestiegen sind. Das hindert eine dieser rüstigen Rentnerinnen natürlich nicht daran, schon mal mit ihrem Koffer einzusteigen. Man könnte ja den Zug verpassen!

Endlich bin ich im Zug. Und ich bin ein geübter Pendler und kenne die Tricks: Kaum habe ich ein leeres Abteil gefunden, bleibe ich darin stehen und ziehe gemächlich meine Jacke aus, wohl bedacht damit erst fertig zu sein, wenn die meisten anderen schon sitzen. Dann nehme ich den vorwärtsfahrenden Platz am Gang ein und mache mich breit. Wer am Fenster sitzt, lädt nur andere zum Mitfahren ein. Doch alles für die Katz: «Isch hie no frei?», fragt mich eine andere Pendlerin herausfordernd.

Ich müsste mit einem Koffer pendeln. Kofferpassagiere wissen immer genau, wie man seinen Frieden wahrt: am Fenster sitzen und mit dem Koffer die anderen beiden Sitze sperren, trotz extra Gepäckablagen und Platz zwischen den Abteilen.

Das erinnert mich an unsere Rückreise aus Disentis vor drei Wochen. In Chur stiegen wir mit unserem Dreijährigen in den Familienwagen. In den neuen Dosto-Zügen gibt es nur zwei Viererabteile beim Spielplatz, und beide waren bereits mit Einzelpersonen besetzt. In dem einen sass ein Mann mit schwerem Koffer, also fragte ich die Frau gegenüber höflich, ob es ihr etwas ausmachen würde, in ein freies Abteil weiter vorne im Wagen zu wechseln, damit wir mit unserem Kind beim Spielplatz sitzen könnten. «Ja, das macht mir was aus», war ihre überraschende Antwort. Und beim Aussteigen in Zürich wurde dann noch klar: Der Mann mit dem Koffer im anderen Abteil war ihr Reisepartner!

Alles Egoisten – mein Verhalten ist nur Notwehr! Aber was bleibt mir übrig, als die Pendlerin in mein Abteil will: Ich knirsche «Natürlich!» und stelle meinen Rucksack auf den Sitz neben mir. Eigentlich hat es ja genug Platz für zwei in einem Viererabteil, aber wieso kann die nicht bei jemand anderem sitzen? Ich versuche sie grimmig anzuschauen, doch sie starrt konzentriert auf ihren Bildschirm. Langsam rollt der Zug aus dem Bahnhof, und ich versuche, mich auf die Kolumne zu konzentrieren, die ich heute einreichen müsste. Kein einfaches Unterfangen, denn kaum haben wir Bümpliz Süd passiert, beginnt der aufgeschossene Krawattenheini im Abteil nebenan in sein Telefon zu brüllen. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch es hilft nichts: Ich kann dem politisch inkorrekten Müll nicht entkommen. Meine Mitreisende und ich schauen uns entnervt an. Ja, so schnell geht es: Gegen den äusseren Feind haben wir uns in Kürze verbrüdert.

Es gibt eine Unzahl Experimente, die zeigen, wie tief verankert unser Wille ist, Mitmenschen in «wir» und «die anderen» einzuteilen – oft basierend auf absurden Merkmalen. Unser Verhalten ändert sich auch nachweislich, wenn wir uns unter Menschen befinden, die wir als «wir» empfinden, oder unter solchen, die zu den anderen gehören. Unter uns sind wir zum Beispiel generöser, schneller zur Kooperation bereit und vertrauen einander eher. Das macht oft auch Sinn: In einer engen «Wir»-Gruppe interagieren die Menschen häufig miteinander, was dazu führt, dass schnell bekannt wird, wenn jemand andere ausnutzt. Die meisten «Wir» sind deshalb vertrauenswürdig.

Das heisst aber nicht, dass «die anderen» nicht auch vertrauenswürdig sein können, oder sogar meist sind. Studien zeigen, dass wir Menschen deutlich weniger Empathie entgegenbringen, wenn wir sie als «die anderen» ansehen. Das Verhalten ist auch nachweislich verantwortlich für ganz viel Leid durch Ausgrenzungen aller Art. Leider ist es so tief verwurzelt, dass wir es nicht abstellen können. Aber wir können es manipulieren.

Das wichtigste Werkzeug dazu ist, «die anderen» als Individuen zu sehen. Ausgrenzungen rechtfertigen wir uns gegenüber meist dadurch, dass wir «die anderen» als homogene Gruppe anschauen und diesen dann kollektiv negative Attribute geben. Je mehr wir uns aber «die anderen» als Individuen vorstellen, die sich in all diesen Attributen eben auch unterscheiden, desto mehr ähneln sie «uns». Eine individualisierte Geschichte über ein konkretes Schicksal, zum Beispiel, ruft schnell Empathie hervor. Eine negative, generalisierte Aussage über «die anderen» aber Antipathie. Das nutzen politische Kampagnen aus – dass wir das auch tun, ist nur Notwehr …

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

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