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Die Eiben von Ueberstorf

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ie Corona-Krise will nicht enden. Das Positive daran: Viele von uns verbringen das Wochenende oder sogar die ganzen Ferien zu Hause und entdecken auf diese Weise ihre unmittelbare Umgebung ganz neu. Auch ich bin in den letzten Monaten viel auf den Feld- und Waldwegen des Sensebezirks unterwegs gewesen und habe dabei immer wieder etwas Neues für mich entdeckt.

In den letzten Wochen habe ich beispielsweise darüber gestaunt, wie viele einheimische Strauch- und Baumarten um die Weiler meiner Umgebung angepflanzt worden sind. Besonders auffällig sind jetzt im Herbst die Stechpalmen, die mit ihren dunkelgrünen Blättern und dazu kontrastierenden roten Früchten nahezu alle alten Bauernhöfe meiner Gemeinde schmücken.

Jedoch weder die üppigen und farbigen Stechpalmen noch die mächtigen Eichen ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als die solitären Eiben. In Ueberstorf sind zwei von ihnen besonders bekannt, sogar weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Einer der Bäume wächst bei Umbertsried, der andere bei Geretsried. Beide besitzen knorrige Stämme und breite Kronen.

Die ältesten Eiben Europas sind bereits über 3000 Jahre alt. Die Ueberstorfer Eiben sind nicht minder beeindruckend, obwohl sie «erst» einige Hundert Jahre alt sind. Sie wurden mit grosser Wahrscheinlichkeit von Menschen gepflanzt und gehören damit zur alten Kulturlandschaft des Sensebezirks. Es sind wahre Landschaftszeichen, die auf einer Erhöhung oder an einer Kreuzung stehen.

Die Eibe – ihr wissenschaftlicher Name lautet Taxus baccata – ist in den Freiburger Wäldern eher selten. Ähnlich wie in der ganzen Schweiz wurde sie im Altertum und im Mittelalter wegen ihres wertvollen Holzes stark abgeholzt (vor allem für die Bogenherstellung). Später wurde sie aufgrund ihrer hohen Giftigkeit (besonders für Pferde) gezielt aus den Wäldern verbannt. Heute ist die Eibe in vielen Ländern Europas sehr selten geworden und deshalb streng geschützt.

Die Eiben sind Urwesen, die bereits vor mehr als 100 Millionen Jahren auf unserem Planeten lebten. Sie gehören zu den Besonderheiten der einheimischen Nadelbaumflora. Sie bildet beispielsweise keine Zapfen, sondern versteckt ihre nackten Samen in einer leuchtend roten, beerenähnlichen Hülle. Sie sind getrenntgeschlechtig. Dies bedeutet, dass jeder Baum entweder männlich oder weiblich ist.

Die beiden grossen Ueberstorfer Eiben sind Männchen. Sie werden von den Bewohnern der Gemeinde sehr behutsam gepflegt. Und die Tradition wird weitergeführt: Auf einer Anhöhe bei Bergli wurde erst vor ein paar Jahren eine neue solitäre Eibe gepflanzt.

Ich weiss, dass wir andere Lebewesen nicht vermenschlichen sollten. Trotzdem habe ich ein Bild vor Augen: Die Ueberstorfer Eiben haben Zeit, sehr viel Zeit. Sie stehen in stoischer Ruhe da, beobachten seit Hunderten von Jahren unser reges Treiben und staunen darüber, wie stark wir unsere Landschaft und unseren Lebensstil verändert haben.

Gregor Kozlowski wohnt in Ueberstorf und ist Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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