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Die Schäfchen sagen ihren Hirten «Bye bye!»

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In den letzten Jahren sind die Kirchenaustritte auf ein Rekordniveau angestiegen – und zwar bei beiden grossen Kirchen. Diese versuchen verzweifelt, diesen Trend umzukehren. Theologe Arnd Bünker erläutert in einem Vortrag und gegenüber den FN, warum die Kirchen einen schweren Stand haben.  

«Stimmt», entgegnet Arnd Bünker, Theologieprofessor an der Universität Freiburg, auf die Aussage, dass den Kirchen die Gläubigen davonlaufen. «Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.» Zutreffender, als über eine Flucht zu sprechen, sei das Bild eines langsamen, lang anhaltenden Wegbröckelns. Er spricht eher von einer Distanzierung von der Kirche als Sozialform, einer Entfremdung, von einem Bedeutungsverlust im Alltagsleben vieler Menschen.

Die Zahlen der Kirchenaustritte schwanken, das gilt für Freiburg wie für die ganze Schweiz. Die Tendenz ist aber klar: stark ansteigend. So haben 2013 gegen 600 Gläubige im Kanton Freiburg der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Bei der letzten Zählung, 2020, waren es schon fast 1600 – also jeden Tag mehr als vier Personen. Bei der reformierten Schwesterkirche waren es 2013 rund 340 Ausgetretene – dies, obschon die katholische Kirche im Kanton Freiburg fünf Mal mehr Gläubige hat. 2020 traten über 600 Freiburger Reformierte aus ihrer Kirche aus. Schweizweit waren es im selben Jahr übrigens 27’000 Reformierte und gut 31’000 aus der katholischen Kirche.

Die Zahl der Kirchenaustritte nimmt nicht nur zu, der Trend hat sich in den letzten Jahren sogar beschleunigt. 
Grafik SPI

Alter ist entscheidender Faktor

Die Zahlen sprechen auch bei den Austrittsgründen eine deutliche Sprache. Ein starker Zusammenhang ist beim Alter zu erkennen. Die mit Abstand höchsten Werte weisen beide Kirchen bei den 20- bis 40-Jährigen auf. Bünker führt dies einerseits auf einen fehlenden oder verlorenen Glauben zurück, auf die Missbrauchsfälle insbesondere in der katholischen Kirche sowie auf als welt- und alltagsfremd aufgenommene Positionsbezüge. Die Kirchensteuer, so Bünker, spiele beim Entscheid über einen Austritt bei den meisten Menschen eine untergeordnete Rolle – «eigentlich nur dann, wenn Glaube und Kirchenbindung schon weitgehend verschwunden sind». Dann mache für viele auch die Abgabe keinen Sinn mehr. 

Neben dem Alter sind Austrittsgründe oft das Geschlecht (Männer), der Wohnort (Stadt), die Lebensform (Konkubinat und keine Kinder) sowie Bildung (Hochschule).

Das Alter spielt eine wichtige Rolle beim Entscheid für den Austritt. Davon sind beide grossen Kirchen gleichermassen betroffen. 
Grafik: SPI

Neben diesen individuellen gibt es aber auch gesellschaftliche Gründe, welche die Kirchen kaum beeinflussen können. So ist ihr Angebot nur eines von vielen auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeiten. Zwar sind einige «Dienstleistungen» der Kirchen wie spirituelle Geborgenheit durchaus gefragt, doch die Menschen wollen sich nicht zu etwas verpflichten. Die Fachwelt bezeichnet es als das Kuchen-Problem. Man möchte zwar beim Turnverein Fitness treiben gehen, wenn dieser aber etwas organisiert, keinen Kuchen für das Buffet backen müssen. Und schon gar nicht zu irgendwelchen Vereinsanlässen erscheinen müssen.

Sightseeing und Konzerte

Bünker präzisiert: Man könne nicht davon reden, dass die Leute «nicht mehr in die Kirche gehen». Das Interesse am Gebäude  – wie auch an Spiritualität – sei da, allerdings eben vor allem im Sinne eines individuellen, ganz persönlichen Kirchenbesuchs. «Die Leute halten sich noch immer in Kirchen auf, aber nicht, um dort am Gottesdienst teilzunehmen.» Sie besuchten zum Beispiel ausgewählte Angebote, «aber sie teilen nicht das kirchliche Leben als Ganzes».

Attraktiver, aber nur ein wenig

Auf den ersten Blick mag es ausserdem seltsam klingen, doch es zeige sich: Wenn die katholische Kirche hohe Verluste hat, zuletzt aufgrund von Skandalen, leidet auch die reformierte Kirche darunter. So sind die Wirren um den Churer Bischof Wolfgang Haas in den 1990er-Jahren, ein Streit zwischen Konservativen und Liberalen vor allem in Zürich, auch an den Zahlen der Reformierten abzulesen. Wie auch die Nachrichten über sexuelle Entgleisungen von Geistlichen. Das Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) bilanziert in einer Studie: «Öffentlich stark wahrgenommene Auseinandersetzungen in einer Kirche scheinen also auch Folgen für die anderen Kirchen zu haben.»

Theologe Arnd Bünker.
zvg/Stephan Sigg, SPI

Trotz der grösseren Kritik an der katholischen Kirche sind die Austrittsanteile in der reformierten Kirche grösser. Bünker erklärt dies unter anderem mit einer grundsätzlich grösseren emotionalen Attraktivität der katholischen Kirche. «Sie spricht das Gefühl an, vermag die Leute besser an sich binden.» Der Papst und die Aura rund um den Vatikan etwa fasziniere seit jeher selbst Reformierte. Dazu kämen Kindheitserinnerungen, beispielsweise für ehemalige Ministranten oder Ex-Jubla-Leiterinnen. «Das schafft einen emotionalen Kitt.» Selbst die Beichte habe sich mit ihrem Aspekt der sozialen Kontrolle in vielen Köpfen verewigt, im Guten wie im Schlechten. Diese prägenden Eindrücke hinterlasse die reformierte Kirche weniger. 

Bünker braucht auch das Bild eines Fernrohrs, mit dem die Menschen heute auf Religionen und Konfessionen blicken. Sie erscheinen immer weiter weg, werden aus der Sicht weiter Teile der Bevölkerung unscharf. So sehr, dass sie nicht mehr voneinander unterschieden werden können.

Es treten auch Reformierte aus mit der Begründung, dass sie nicht mehr mit den Aussagen des Papstes einverstanden seien.

Pandemie verstärkt den Trend 

Es sei zwar zu beobachten, so Bünker, dass viele Menschen gerade während der Pandemie, als sie allein in der Quarantäne zu Hause sassen, intensiver als sonst über ihr Leben nachgedacht haben. Und das habe oft auch eine Zuwendung zur Spiritualität die Folge gehabt. Allerdings:

Die Pandemie traf die Kirchen unvorbereitet.

Sie konnten diesen Menschen in deren gesellschaftlicher Sinnkrise kein spirituelles Obdach, keine Sinnantwort geben. «Das bewirkte nicht selten, dass sich die Menschen von den Kirchen weiter entfernt haben.» Sie hätten sich die Frage gestellt, ob sie dieses Angebot – wie beispielsweise auch jenes von Vereinen – wirklich brauchen; und diese Frage mit Nein beantwortet. 

Somit sei anzunehmen, dass die Pandemie den Rückgang der Kirchenaustritte nicht nur nicht abbremsen konnte, sondern den Trend vielleicht sogar verstärkt hat. Kurzum, so Bünker: «Wenn wir nichts ändern, wird sich nichts ändern.» Es sei zwar wie beim Klimawandel, eigentlich schon viel zu spät für Massnahmen. «Wir stehen nicht vor einer Krise der Kirchen, die wir noch verhindern könnten. Nein, wir stehen mittendrin.»

Dennoch sei es dringend nötig, etwas dagegen zu unternehmen.

Die Konkurrenz profitiert nicht

Übrigens: Wer aus einer Kirche austritt, tritt fast nie wieder in eine andere ein. Er oder sie wird «konfessionslos», wie es die statistische Bürokratie bezeichnet.

Während im Kanton Freiburg im Jahr 2000 noch etwa 14’000 Konfessionslose gezählt wurden, betrug ihre Zahl Ende 2019 fast 55’000. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Angehörigen der beiden kantonalen Hauptkirchen von total rund 210’000 auf etwas über 180’000.

Und dies trotz eines hohen Bevölkerungswachstums in diesem Zeitraum von rund 30 Prozent.

Kirchenaustritte

Programm

Der Kampf gegen das Unausweichliche

Der Rückgang der Zahlen ihrer Mitglieder drängen sowohl die katholische wie auch die reformierte Kirche dazu, über Ursachen und mögliche Entwicklungsperspektiven nachzudenken, in Freiburg wie auch anderswo in der Schweiz. Die katholische Bistumsregion Deutschfreiburg hat in diesem Zusammenhang einen Vortrag organisiert, um die Herausforderung durch die Kirchenaustritte gemeinsam zu betrachten. Als Referent eingeladen ist Arnd Bünker, Theologe und Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) St. Gallen. Bünker ist auch Sekretär der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz und Titularprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Er behandelt dabei Ursachen und Hintergründe, mögliche Entwicklungsfelder für die Kirche und die Pastoral sowie Wege zur Stärkung der Glaubens- und Kirchenbindung. Der Anlass findet am 28. September in Tafers statt. fca

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