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Gastbeitrag – Jean-Claude Cornu 07.03.2013

Unverschämte und falsche Aussagen

Die Gastkolumne «Abzocker im Kanton Freiburg» (FN vom 14. Februar) ist übertrieben, unverschämt und voller Fehler. Die Kantonale Gebäudeversicherung (KGV) wird darin zu Unrecht angeschwärzt. Eine Richtigstellung einiger Fakten drängt sich auf. 

Zur Feier ihres 200-Jahr-Jubiläums hat die KGV letztes Jahr verschiedene Aktionen und Veranstaltungen organisiert, hauptsächlich mit Schwerpunkt auf Prävention und Kulturerbe. Anstatt eines Prämienabschlags, der sehr viel gekostet und vor allem den Hauseigentümern und reichsten Unternehmen genützt hätte, entschied sich die KGV für ein Geschenk an alle ihre Versicherten – noch dazu für ein rein freiburgisches Geschenk: Käsereien, Bergbahnen, Groupe E, Chocolats Villars SA – sie alle haben dadurch Zehntausende Franken an zusätzlichem Umsatz gemacht, der ihnen sonst nicht zugekommen wäre. Eine gewaltige Menge von Versicherten hat sich bei uns für diese Geschenke bedankt. 
Doch es ist klar, dass bestimmte Leute halt lieber kritisieren und nur selten danken. 
 
Die Behauptung, dass die KGV zur Sparte der Abzocker gehöre, zu denjenigen, die das Geld anderer veruntreuen, ist nicht bloss unverschämt, sondern auch verleumderisch. Es ist nicht üblich, dass solche Worte von «grossen Managern» geäussert werden. Eine kurze Recherche via Google reicht nicht, um Bescheid zu wissen. Man sollte vor allem die Informationen, die man dabei findet, auch richtig lesen! Die Prämiensätze, die Autor Pio Brönnimann in seiner Gastkolumne erwähnt, betragen nicht 0,32 Prozent in Zürich und 0,52 Prozent in Freiburg (das wäre tatsächlich sehr teuer), sondern 0,32 beziehungsweise 0,52 Promille! Mit Verlaub, da ist doch ein kleiner Unterschied! Zürich mit seinem Immobilienbestand von 291 000 Gebäuden für 451 Milliarden versichertes Kapital mit Freiburg zu vergleichen, ist zudem nicht stichhaltig. Nichtsdestotrotz sind die Prämien der KGV die günstigsten der ganzen Romandie. Ausserdem: Für den gleichen Gebäudetyp beträgt die Prämie im Kanton Bern 0,66 Promille gegenüber 0,52 Promille im Kanton Freiburg. Finde den Unterschied! In beiden Fällen ist die Stempelabgabe nicht inbegriffen. Bestimmte Standpunkte mögen ihren Platz haben unter den Leserbriefen, jedoch mit Sicherheit nicht in Gastkolumnen. Dies alles musste hier gesagt werden.
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Pascal Vonlanthen 28.02.2013

Tanz, Gustav, tanz!

Vor zwei Monaten bin ich in eine mir völlig fremde Welt eingetaucht. Die Welt des Tanzes. Liebe Leute, ich weiss nicht, wie oft ihr ein Tanztheater gesehen habt, für mich ist das auf jeden Fall Premiere, und ich sage euch, es gibt Tänzer, die können den Kopf zwischen ihre Beine strecken und sich den Rücken küssen, oder auf zwei Zehen durch den Raum spazieren oder so tanzen wie ich, also eher einen zuckenden Robotertanz, der aber bei den Profis richtig krass aussieht. Ich bin begeistert vom Tanzen. Habe gar nicht gewusst, wie ästhetisch das aussieht und wie akrobatisch das ist. Wär ich nicht so alt und verdorrt, ich würde Tänzer werden wollen. Ich bin aber von Geburt an eher der hüftsteife Typ. Meine Tanzbewegungen beschränken sich auf einen Teleboy-mässigen Hin-und-Her-Tanzschritt und ein im Beat hopsendes Ganzkörper-Techno-Wippen, wobei die Füsse sich nie vom Boden abheben, in der rechten Hand ein Bier haltend, mit der linken Faust zum Beat schlagend und dazu den Weibern auf den Hintern glotzend. So weit zu meinem Talent, was das Tanzen betrifft. Hätte ich ein Vorbild gehabt, wäre das vielleicht anders geworden. Aber ich bin im Senseland aufgewachsen. Tänzerische Vorbilder sind da rar.

 

 Eigentlich habe ich mich als Kind recht oft sportlich betätigt: klettern, springen, drehen, hüpfen, rennen. Im Fussballklub war ich nicht grad das Obertalent, aber ich konnte so halbwegs mithalten (bis mich der Trainer nur noch als Joker einsetzen wollte: «Hey, du bist mein wichtigster Mann auf dem Feld, wenn du reingehst gewinnen wir das Ding», und ich naiver Depp habe ihm das wie Honig von den Fingern geleckt, erst Jahre später habe ich begriffen, dass der Hund mich nur in den letzten fünf Minuten einsetzte, damit ich keinen grösseren Schaden anrichten konnte–verloren haben wir damals sowieso immer, sogar gegen Alterswil, und die hatten ein Mädchen im Team). In der Primarschule war ich recht fit, wegen dem täglichen Velofahren. Ich habs kürzlich nachgerechnet: Die Distanz von Niedermuhren nach St. Antoni via Menzishaus beträgt drei Kilometer (den Stressfaktor wegen dem kinderfeindlichen Appenzellerhund bei Stolls nicht miteingerechnet), zwei Mal pro Tag hin und zurück, macht zwölf Kilometer pro Tag, fünf Mal die Woche, macht 60 Kilometer pro Woche, mal 39 Schulwochen macht 2340 Kilometer pro Jahr, mal sechs Schuljahre (ja, damals fuhr man schon als Erstklässler mit dem Velo zur Schule, deshalb sind wir Enddreissiger heute alle so EEEXTREM hart im Nehmen) macht sage und schreibe: 14 040 Kilometer auf dem Fahrrad. Okay, es gab auch ab und zu ein paar Wintertage, aber wöchentlich auch Fussballtrainings und einen Match am Samstag, runden wir die Sache also ein bisschen ab: 14 000 Kilometer habe ich in meiner Kindheit auf dem Velo verbracht. Das ist eine Distanz von Freiburg bis Singapur. Unvorstellbar! Ich fühle mich deswegen noch heute von meinen Eltern misshandelt. Mit dem Töffli haben sich die Fahrrad-Kilometer dann auf Null reduziert. Und das hat sich bis heute nicht gross verändert. Ich muss also keine Abhandlung über meinen momentanen physischen Zustand schreiben.

 

 Nun sitze ich seit zwei Monaten hier im dunklen Saal des Nuithonie und spiele zusammen mit vier unglaublich talentierten Musikern den Soundtrack zum verrücktesten Kapitel meiner Karriere: «13 – ein Höllenritt in dreizehn Bildern». Eine extrem faszinierende Gemeinschafts-Produktion mit Franz Brülhart am Pinsel, mit unglaublichen Tänzern aus aller Welt, choreografiert von Karine Jost, und der Musik vom unsportlichen Gustav, der sich diskret im Schatten hält und sich nicht anmerken lässt, dass er schon lange nicht mehr ohne Ziehen und Stöhnen die Zehen seiner gestreckten Füsse mit den Händen berühren kann.

 Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender schreibt er in einem FN-Kolumnistenkollektiv über frei gewählte Themen.

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Julia Reidy 21.02.2013

Berührungsängste?

Gibt es in Freiburg eine zweisprachige Jugendkultur? Eine Frage, die ich mir bisher nie gestellt habe, die mir aber seit dem Lesen der letzten Gastkolumne zur Mehrsprachigkeit–«Jugendkulturen an der Sprachgrenze» von Claudine Brohy–nicht mehr aus dem Kopf geht. Wenn überhaupt, dann müsste diese Jugendkultur doch eigentlich in der Stadt Freiburg selber verankert sein. An dem Ort, wo die zwei Sprachgruppen direkt aufeinandertreffen, ja regelrecht ineinander verschmelzen.

 Doch was meint man eigentlich mit dem Begriff Jugendkultur? Ich verstehe darunter eine Gruppierung, die die Interessen der Jugendlichen vereint und gleichzeitig als soziales Netzwerk dient. Dazu gehören Bewegungen unterschiedlichster Kulturszenen, von Punks über Rapper bis hin zu Fussballfans.

Aber auch gewisse Vereine können dazu gezählt werden. Die sogenannten «jeunesses» sind ein typisches Beispiel dafür. In den welschen Dörfern geniessen diese Kultstatus, und so ziemlich jeder französischsprachige Jugendliche vom Lande scheint einer solchen Vereinigung anzugehören. Ziel der «jeunesses» ist, die Jugend eines Dorfes zusammenzuführen. Doch auch untereinander sind die verschiedenen «jeunesses» aus dem Welschland gut vernetzt. Regelmässig treffen sie sich, um gemeinsam zu feiern oder in den unterschiedlichsten Wettkämpfen gegeneinander anzutreten. Die «girons de jeunesses», wie solche Veranstaltungen genannt werden, sind aus der Jugendkultur des französischsprachigen Teils nicht mehr wegzudenken und für jeden französischsprachigen Jugendlichen ein Muss. Sobald man sich allerdings der Sprachgrenze nähert, scheint dieser «Brauch» mehr und mehr zu verschwinden und an Bedeutung zu verlieren. In der Stadt Freiburg existiert er gar nicht mehr und über den Röstigraben schafft er es erst recht nicht.

Was die «jeunesses» betrifft, ist der Zusammenschluss der Deutsch- und Französischsprachigen zu einer gemeinsamen Jugendkultur also gescheitert. Überhaupt deckt sich dies grösstenteils mit meinen eigenen Erfahrungen. Mit den Anderssprachigen in Kontakt zu treten oder sogar Teil von ihnen zu werden, scheint leider für viele kein Ziel zu sein. Oft bleibt man lieber unter seinesgleichen. Als «Städtler» oder «Halb-Bilinguer» kommt man zumindest mit der anderen Jugendkultur in Berührung. Aber tatsächlich in deren Kreis aufgenommen zu werden und sich auch wirklich dazugehörig zu fühlen, gestaltet sich als wesentlich schwieriger. Man ist und bleibt nun mal immer noch der/die Deutschsprachige.

Julia Reidywohnt in Freiburg. Sie ist Schülerin einer zweisprachigen Klasse am Kollegium St. Michael und belegt Spanisch als Schwerpunktfach. Als Gastkolumnistin macht sich Julia Reidy in den FN regelmässig Gedanken zur Zwei- und Mehrsprachigkeit.

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Philipp Schütz 07.02.2013

Bock auf Graubünden*

Die Diskussion um die Olympiakandidatur «Graubünden 2022» erinnert fast unweigerlich an die Debatte um die Expo.02. Auf der einen Seite die Begeisterungswilligen, die im Olympiaprojekt Graubündens Chancen und Möglichkeiten sehen. Auf der anderen Seite die Realitätsnahen, welche in einer Kandidatur in erster Linie Risiken und Gefahren orten.

 Befürworter wollen vorwärts denken, sportlich über sich hinauswachsen, neue Arbeitsplätze schaffen. Sie möchten den Tourismus und die Infrastruktur stärken sowie zwischen Generationen Brücken bauen. Gegner sprechen von illusorischen Versprechungen, Grössenwahn und unrealistischen wirtschaftlichen Hoffnungen. Sie fürchten sich von finanziellen Abenteuern und Eingriffen in Natur und Landschaft.

Ich tendiere zu den Ersteren, weil ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen persönliche und gemeinsame Herausforderungen brauchen, um zu wachsen. Dass es zum Selbstverständnis der Welt gehört, dass sie sich entwickelt.

Dieser Weg ist nicht immer überschaubar. Viele Projekte, auf die wir heute stolz sind, haben am Anfang mit Zweifel und Unsicherheit begonnen. Denken Sie nur an Ihren eigenen Lebensweg – Ausbildung, Familie, Hobbys.

Entschliessen wir uns allerdings dafür, dann tun wir alles, um unsere Träume wahr werden zu lassen. Wir haben sozusagen jedes Mal die Chance, ein kleines Stück Geschichte zu schreiben.

Das ist auch das Credo für eine mögliche Olympiakandidatur: Olympische Spiele à la Schweizer Pionier- und Innovationsgeist. Etwas bewirken, auf das wir Schweizerinnen und Schweizer im 2022 stolz sind – und vorher und nachher viel Energie und Leidenschaft freisetzt. 16 Tage Spiele und 20 Jahre Wirkung.

Nachhaltigkeit heisst aber auch Finanzierbarkeit. Die Olympischen Spiele dürfen für die Austragungsorte St. Moritz und Davos sowie den Kanton Graubünden keine zusätzliche Verschuldung verursachen – im Gegenteil, sie sollen deren Wert stärken. Nachhaltig heisst umweltgerecht. Schutzgebiete der Natur werden nicht tangiert, der Klimagas-Ausstoss durch Klimaschutz-Projekte kompensiert und die Infrastruktur mit erneuerbaren Energien betrieben. Nachhaltig meint aber vor allem bevölkerungsnah. «Graubünden 2022» soll Wege aufzeigen, wie die kommenden Generationen eine ökonomisch ergiebige, ökologisch verantwortliche und sozial verträgliche Zukunft für ein Leben in den Bergen finden. Und Bewegung und Sport fördern. Der Zugang zu Sportanlagen soll vereinfacht, die Bewegungsmöglichkeiten multipliziert, die Ausbildung und Betreuung von Sportlern sowie der Trainerberuf gestärkt werden. Damit wir uns auch in Zukunft über Schweizer Medaillen freuen dürfen.

Daher sind Olympische Spiele in der Schweiz ein nationales Projekt. Sie sind nur durchführbar, wenn die Schweiz über Graubünden hinaus hinter der Idee steht.

Als grosses Fest für Sportler und Zuschauer, das lange bevor und viele Jahre danach für strahlende Augen sorgt.

Am 3. März stimmen die Bevölkerung Graubündens und die Einwohner von Davos und St. Moritz über die Olympiakandidatur ab.

 

 * «Bock auf Graubünden» ist eine Gruppe von sieben jungen Bündnerinnen und Bündnern, die sich als Stimme der Jugend Graubündens für die Olympiakandidatur einsetzt.

Philipp Schütz (37) ist Ausbildner am Bundesamt für Sport in Magglingen und arbeitet als Press Delegate beim internationalen Volleyballverband FIVB. Ausserdem war der gebürtige Murtner Volleyball-NLA-Trainer bei Neuenburg UC.

«Viele Projekte, auf die wir heute stolz sind, haben mit Zweifel und Unsicherheit begonnen.»

 

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Claudine Brohy 24.01.2013

Jugendkulturen an der Sprachgrenze

Vor kurzem habe ich eine Mail mit folgenden Fragen von einer Kollegin aus Belgien bekommen: «Gibt es in Freiburg eine zweisprachige Jugendkultur? Wenn ja, wie äussert sie sich? Wo sind die Schauplätze der zweisprachigen Jugendkultur in Freiburg? Wie viele Jugendliche in Freiburg sind zwei- oder mehrsprachig?» Die meisten dieser Fragen konnte ich nicht beantworten, schon deshalb nicht, weil ich (leider) nicht mehr zur Sozialgruppe der Jugendlichen gehöre. Aber die Nachricht gab mir die Gelegenheit, mich in meine Jugend zurückzuversetzen und die heutige etwas näher zu beobachten. 

 
Zu meiner Jugendzeit gehörte ein sehr lautmalerischer Töff, den die Welschen auch analog mit «teuf» bezeichneten. Fuhr man westlich bis ins Gebiet der Waadtländer, wurde unsere Bezeichnung unverständlich, da hiess das Gefährt «boguet», und noch weiter westlich bei den Franzosen «mobilette». Es stimmt, das motorisierte Zweirad machte mobil, und nicht nur geografisch: Es erlaubte, ins Welsche zu fahren und so auch eine soziale Mobilität durch das Französische zu erreichen. Wie viele meiner deutschsprachigen Kameradinnen waren stolz, mit einem Welschen zu schmusen, und hiessen plötzlich nicht mehr Gisela oder Monika, sondern nobler Gisèle und Monique. Und die Jungs mit ihrem Döwitess (die Tschau, Puch, Püsch oder Pösch, je nach Muttersprache, waren nur für die Mädchen) kümmerten sich um unsere Töffs, auf Deutsch wurden sie frisiert und auf Französisch maquillés, beziehungsweise wurden sie nicht schön, sondern schnell gemacht.
Tempi passati! Jetzt fährt die Jugend Scooter, Velo oder Auto, oder schlendert über Mittag zu Fuss im Zentrum der Stadt. Sie nimmts mit den sprachlichen Normen immer noch locker, was mich immer wieder fasziniert. Eine gemischtsprachige Gruppe von Schülern sucht sich einen adäquaten Mittagsimbiss. Vor einer amerikanischen Kette rümpfen sie die Nase: «Tja eben, Fast-Food, aber doch nicht ganz ...», sagt eine Schülerin. Schallendes Gelächter. Das Thema geht auf die amerikanische Präsidentenwahl über. Barack Obama oder Mitt Romney? «Lieber ohne», meint ein langhaariger Blonder. «Eh voll krass, dieses amerikanische Wahlsystem», sagt ein ander. «Folle crasse?», lacht ein Welscher. Vielleicht ist die mehrsprachige Jugendkultur nirgends und überall. Ich weiss immer noch nicht, was ich der belgischen Linguistin schreiben soll.
Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Sie interessiert sich für die verschiedenen Aspekte der Zweisprachigkeit und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet. 
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Heinz Pfander 17.01.2013

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld, wer hat so viel...?

Nun ist es also amtlich! Wieder einmal hat ein völlig irreales Wahlversprechen eines etwas westlich von uns regierenden Präsidenten, Schiffbruch erlitten. Hollandes Idee ist und war es, all jenen, die sich durch Fleiss, Ideen, Engagement und was immer auch, eine besonders gute finan-zielle Situation geschaffen haben und damit notabene schon jetzt den Staatshaushalt in Schwung halten, einfach noch mehr, viel mehr, ja eigentlich am liebsten alles, wegzunehmen.

Dass ihn nun sein eigener Verfassungsrat gestoppt hat, scheint Hollande kalt zu lassen. Klar, er ist ja schliesslich gewählt, und dass er gleichzeitig verschiedene Leistungsträger aus dem Land ekelt, kümmert ihn auch nicht.

Was aber in der ganzen Sache nachdenklich stimmt, ist einmal mehr die Tatsache, dass das Volk im Wissen um derart unsinnige Pläne, solche Leute überhaupt wählt. So kostet den Franzosen die Senkung des Rentenalters von 62 auf 60 Jahre glatte drei Milliarden pro Jahr, versteht sich!

Wenn zudem ein Lokführer bereits mit 50 Jahren und die anderen Bähnler mit 55 Jahren unter Volldampf in den Ruhestand verreisen können, dann wundert man sich nicht, dass es jährlich weitere fünf Milliarden braucht, nur um das Rentenloch der Staatsbahnen zu stopfen. Mit auf den ersten Blick populären – aber nicht finanzierbaren–Versprechen, holt man sich offenbar nicht nur in der Grande Nation seine Stimmen.

Aber, wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld, wer hat so viel …?

In all den Diskussionen um die Problematik der «Reichen» sind immer die gleichen Sprüche zu hören und der sogenannten Abzockerbande mit Vasella, Dougan und … ja, wer denn noch – Roger Federer wohl kaum, ist das Handwerk zu legen? Die Frage stellt sich, wie viel zu viel ist und wer diesen Wert überhaupt definiert. Es kann ja wohl nicht sein, dass wegen einer Handvoll abhebender Exponenten die ganze Politik auf die Neidseite kippt. Wenn schon immer Ehrlichkeit gefordert wird, dann sollten sich alle mal an der eigenen Nase nehmen und überlegen, ob sie denn selbst auf die Kohle verzichten würden! Wenn man sich das Gejohle und Gegröle in den Quizsendungen anschaut, wenn mal jemand etwas gewonnen hat, dann weiss man Bescheid! So riskiert man heute durch die Mehrfachbesteuerung von Einkommen und Vermögen, den Unternehmergeist im Keime zu ersticken. Wenn jetzt die Genossen noch eine exorbitante Erbschaftssteuer propagieren, dann guet Nacht am Sächsi! Haben die sich schon mal die Berechnungstabelle der direkten Bundessteuer angesehen? Eine Reichtumssteuer pur, von der praktisch nie die Rede ist.

Was ist mit all den Risiko nehmenden KMU, Industriebetrieben mit hart arbeitenden Menschen, auch in den Chefetagen?

Sicher, man kann auch anderer Meinung sein, aber Nichtwissen schützt bekanntlich vor Torheit nicht, und so sind in der Schweiz zunehmend Tendenzen sichtbar, die solchem Gedankengut huldigen. Warum um alles in der Welt, haben die aus der Hüfte schiessenden Kreise immer noch nicht begriffen, dass ein aufgeblähter Staatsapparat noch nie funktioniert hat! Lieber alle gleich viel und nichts, als dass es allen gut geht und einigen halt noch etwas besser …

Passen wir also gottfried-stutz gut auf, dass aus der unverträglichen Sauce hollandaise nicht eine «Bernaise» wird und uns nicht plötzlich auch noch der griechische Wein sauer aufstösst!

Heinz Pfander, Unternehmer in Düdingen, ist Inhaber der ATEC Personal AG und REGA-TEXT-TV, Gastgeber der Wallenried-Gespräche und Initiant des PRIX-ATEC. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das regelmässig eigeneThemen bearbeitet.

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Marcel Enkerli 10.01.2013

Die Lehren, die wir aus dem Lockout ziehen können

Wie haben wir das Ende des Lockouts herbeigesehnt, das Ende, das bedeutet, dass all die Verstärkungsspieler nach Nordamerika zurückgehen werden, um ihre Meisterschaft zu spielen, und wir unsere normalen Begebenheiten wieder haben.

Aber wenn wir ehrlich sind, haben diese Spieler nicht nur Negatives in unsere Meisterschaft gebracht. Es hat uns Freude bereitet zu sehen, was mit Puck und Stock eigentlich alles machbar ist, und hat doch mehreren Spielern gezeigt, in welche Richtung das moderne Eishockey geht. Am Anfang haben verschiedene Leute im Umfeld der Nationalliga den Eindruck gehabt, es verfälsche die Meisterschaft, wenn diverse NHL-Spieler in die Schweiz kommen. Doch letztlich ist uns auf dem Eis das Gegenteil bewiesen worden. Es gibt Teams, die sich recht stark zum Fenster hinausgelehnt haben, zum Beispiel Zug oder Rapperswil, die das Spiel an die namhaften Verstärkungsspieler angepasst haben, in der Hoffnung, der Lockout dauere relativ lang und man könne die nötigen Punkte zum Voraus einfahren. Dies gelang jedoch nur teilweise, weil bekannterweise eine Mannschaft aus mehr als nur zwei bis drei Spielern besteht.

Was nicht heissen soll, diese ganzen Aktionen seien wenig effektiv und zu teuer gewesen. Es gibt einige Punkte, die eine negative Bewertung der Lockout-Zeit absolut widerlegen. Dazu gehört beispielsweise die positive Erfahrung für all die Spieler, die nie die Chance gehabt haben oder haben werden, in der NHL zu spielen oder schon nur ein Trainingscamp mitzumachen. Diese Spieler haben einen bleibenden Eindruck bekommen, weshalb Thornton, Zetterberg und Co. in dieser Liga spielen. Um ein wenig technisch zu werden, ich sah viele Bewegungen und Positionen, die sich zu kopieren lohnen, und es liegt an uns Betreuern, dies den Spielern speziell im Nachwuchs beizubringen. Die Puckbehandlung oder nur schon alleine das Schlittschuhlaufen waren eine Augenweide und Motivation genug, dies zu kopieren.

Der Höhepunkte des Lockouts war indes ganz klar der Spengler Cup, sei es für Freiburg-Gottéron oder jede andere Mannschaft in Davos. Speziell für mich war mein Einsatz beim Team Canada, bei dem ich schon seit 2002 bin. Es war wirklich die grosse Show der Spieler der NHL mit Unterstützung aller Kanadier, die ohnehin schon in der Schweiz spielten. Es bleibt für mich ein unvergessliches Ereignis, mit diesen Spielern in einer Mannschaft gewesen zu sein und zu sehen, wie ehrlich und zuvorkommend sie alle sind. Da sah man auch die Unterschiede auf dem Eis, mit welcher Ruhe sie den Puck spielten und wie die meisten Pässe gerade und präzise auf den Stock kamen. Dazu passte auch die Aussage des Captains Ryan Smith nach dem verlorenen Auftaktspiel gegen Mannheim, dass das Team mehr laufen und auch defensive Arbeiten übernehmen müsse. Und nach nur einem Warm-up am Morgen zeigten die Kanadier am Tag darauf eines der besten Spiele am Spengler Cup.

Ich denke nicht, dass es so schnell wieder zu einem Lockout kommt, aber wenn, dann haben wir mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht. Und man wird auch dann nicht jeden Trend mitmachen müssen und sofort mehrere dieser Spieler engagieren. Einer, wie man bei uns in Freiburg gesehen hat, reicht allemal.

 

 Marcel Enkerli ist selbständig und arbeitet im Sport- und Projekt-Management. Zudem ist er Teamchef der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft und von Freiburg-Gottéron. Als Sportschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Sus Heiniger 03.01.2013

Shortcuts

Wenn es nach einer grossen Reise noch knackt und zirpt wie Vögel im Geäst des Gedächtnisses, muss sich der Geist entleeren und formen, um wieder im Heimischen weiterzuleben. Zwischen nüchterner Klarsicht und orientalischen Erlebnissen hin und her gerissen, bot sich mir ein Traum. Da war eine fast menschenhohe Kiste, mit Inhalt. Rohre, Bänder, Räder, und es war sofort klar, dass daraus ein Musikinstrument gebaut werden konnte, eine Windmaschine. Und ich schaffte das auch, mit einer Leichtigkeit, wie das nur in einfachen Träumen möglich ist. Das fertige Wind-Instrument fand ich nicht eigentlich schön, es erinnerte mich an das Luftrohr unseres Tumblers, doch das tat meiner Freude keinen Abbruch. Das Wind-Instrument spielte wunderbare Musik, die in immer neuen Liedern erklang, die sich selber trugen, immer leiser werdend wegtrugen und ausklangen. Hier und weg, da und fort ... Es ist die Zeit, die uns begegnet. Hier und weg, da und fort. Ich mochte diesen Traum sehr, er war nur Leichtigkeit und Tatsache und kein Hinterfragen des wachen Gedächtnisses.

 Hier und weg ... Da und fort...

 Ein Stücklein saftiger Grünfläche am Meeresstrand, nur Sand, fragte mich, wie das kam, keine fünfzig Meter lang und schmaler, als dies.

 Es kommt Einer eines Morgens, es ist früh. An einer langen, dünnen Schnur zieht er eine Kuh hinter sich her. Langsam geht er und zielstrebig durch den Sand, mit der Kuh. Das kleine Grünfeldchen am Meer ist eingezäunt mit einem Disneyworld-Plastikzaun. Der Mann führt die Kuh ins grüne Rechteck und verschwindet. Am Abend ist die Kuh weg und kommt nicht mehr.

 Es kommt Einer, der streckt mir eine Hand voll Etwas hin. Es stehen allseitig dünne, starre Beinchen zwischen seinen Fingern hervor. Er drückt zu, es sind lebendige Krabben. Ob er die essen will? Kopfschütteln. Ob die nicht die Hand klemmen? Lachen. Er öffnet die Hand, reisst die Krabbenscheren aus den Tieren und lässt sie fallen. Sie rennen weg.

 Es kommt Eine, mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Die Frau ist in einen Sari gewickelt, das Mädchen trägt ein dunkles, kurzes, abstehendes Tüllkleidchen. Beide lächeln in mein fremdes Gesicht, grüssen hy! hy! Hand in Hand gehen sie zum Meer, in ihren Kleidern schreiten sie langsam durch kleine Wellenschäume, schreiten durch immer höhere Wellenkämme tiefer und tiefer, bis sie im brusthohen Wasser stehen. Beide stehen sie dann lange Zeit dort. Baden.

 Der Stadthimmel pumpt feuchte Hitze. In unsrem Zimmer ist es 35°. Der Ventilator brummt. Es kommt Einer, steigt die Treppe hoch, mit einem Moto-Helm auf dem Kopf und aufgeklapptem Visier, an unsrer Zimmertür vorbei und sagt «How are you?»

 Es sitzt Einer hinter mir auf dem Zugboden neben der offenen Wagentür und singt. Er ist klein, sehnig, hat ein farbiges Hüfttuch umgebunden und sitzt neben seinem Kessel mit Hahn, der Teeverkäufer. Während der schon paar stündigen Zugfahrt erschien er regelmässig immer wieder, wanderte durch das ganze Wagengefolge, hin und zurück, mit dem köstlichen Tee ... Chai chai!! Jetzt sitzt er eine Weile und singt. Rama, Rama ...

 Es kommt Einer, tritt in knackende Pedale. Er radelt durch die Strassen des Dorfes, am frühen Morgen. Er schmettert die Zeitungen vor die Hauseingänge. Vor jedem Gartentor reisst er schwungvoll einen Zeitungsbund aus einem Plastiksack auf der Lenkstange, pedalt und kurvt gemächlich weiter, stellt nie einen Fuss auf die Strasse. Klatsch, klatsch, klatsch, die Papiere fallen in die Gärten, knallen vor die Türen.

 Es kommt ein sehr zierliches blondes Mädchen, in einem knöchellangen Kleidchen, zieht an der Hand eines Mannes ... etwas Grosses steht bevor, das Kind hüpft, wie eine Flaumfeder. Der Mann und das Elfchen stehen in der Nacht am Strand, wo die kleinen Restaurants geheimnisvolle Lichtstreusel in Sand und Wasser werfen.

Das Elfenkind will gedreht, geschwungen werden, wird fliegen, gehalten von den Händen des Mannes, der es um sich selbst dreht ... in immer schnellerer Folge. Immer von Neuem und immer mit verspielteren Schwungbewegungen will das Kind gedreht werden, fällt federleicht und schwindelig zur Seite, wenn es kurz auf den Boden gebracht wird, der Mann innehält. Ein ephemeres Wesen. Nun will es an Hand und Fuss gehalten fliegen, bekommt nicht genug, ist völlige Gelöstheit, löst sich in Nacht und Lichtgeflimmer auf, sogar die Beinchen flattern, alles wird Himmel und Wasser, kein Laut, keine Furcht, ein Fliegendes, Ewiges. Schönheit des Augenblicks.

 Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Boris Boller 27.12.2012

«Französisch braucht kein Mensch»

Bild zvg

Die Diskussion um die Frage, welche und wie viele Sprachen ab wann in den Schulen der Deutschschweiz unterrichtet werden sollen, flammt unregelmässig immer wieder auf. Die Idee, zumindest an der Primarschule nur noch eine Fremdsprache obligatorisch zu lehren, ist mittlerweile auch im Dachverband der Deutschschweizer Lehrpersonen (LCH) angekommen. Sein Präsident argumentiert mit knappen, ungenügenden oder verweigerten Ressourcen und fordert Freiwilligkeit für eine zweite Fremdsprache. Die obligatorische Fremdsprache sei zudem durch den Bund festzulegen.

 Da dazu eine gesetzliche Regelung auf eidgenössischer Ebene notwendig wäre, muss in letzter Konsequenz erwartet werden, dass diese Forderung in eine Referendumsabstimmung Englisch gegen Französisch münden würde. Dem ohnehin prekären Sprachfrieden im Schulwesen verheisst das nichts Gutes. Dieser hielt grob fest, dass in den Zentral- und Ostschweizer Kantonen zuerst Englisch und in den westlichen Deutschschweizer Kantonen zuerst Französisch unterrichtet wird und danach erst die jeweilige andere Fremdsprache. Auch für die Zukunft der Schweizer Mehrsprachigkeit und des Verhältnisses zwischen den Sprachgruppen wäre eine solche Abstimmung nicht unbedingt zuträglich.

 Noch mehr als das Ergebnis einer allfälligen Abstimmung ist Stil und Ton der zu erwartenden Auseinandersetzungen im Vorfeld Anlass zur Sorge. Einen Vorgeschmack auf einen allfälligen zukünftigen Abstimmungskampf liefern die Online-Kommentare diverser Tageszeitungen. Die in diesen Foren überdurchschnittlich zahlreich vorhandenen Sprach- und Bildungsexperten stellen in ihrer Mehrzahl apodiktisch fest, dass das Erlernen der zweiten Landessprache sowohl sehr uncool, unverhältnismässig aufwendig als auch überflüssig ist.

Anekdotisches zu schlechten Erfahrungen im Unterricht mischt sich hier gerne mit angriffig vorgetragenem Nicht-Wissen-Wollen und persönlichen Berufserfahrungen, in denen niemals Französisch benötigt wurden – leider bleibt dabei meist das Berufsfeld unerwähnt. Zu diesen Aussagen gesellt sich gerne auch die weltmännisch vorgetragene Perspektive des globalisierten Überfliegers: «Allein Englisch zählt.» Sogar Genderfragen werden herangezogen: Da das Erlernen von Französisch und Englisch gleichzeitig für die männliche Jugend viel zu schwierig sei, wäre das Abschaffen des Französischen ein zwingendes Gebot der Chancengleichheit. Letztlich, so der Tenor dieser Leserkommentare, braucht eigentlich kein Mensch Französisch.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Schweiz westlich von Aare und Saane und dazu grössere Teile der restlichen Menschheit als Quantité négligeable behandelt bzw. einfach ausgeblendet werden, irritiert, doch mag dies der lokalen Sicht im Schatten der Mythen oder des Tödi durchaus entsprechen. Die Tatsache, dass das Abstimmungsverhalten der Westschweiz nicht in jedem Punkt demjenigen der Urschweiz entspricht, kann einen weiteren Grund zur Frankophobie darstellen.

Repräsentativ sind Aussagen in Online-Foren naturgemäss nicht, auch muss die Frage offenbleiben, inwiefern viele der dortigen Meinungsberserker als ernst zu nehmende Diskussionsteilnehmer gelten dürfen. Und doch, auch wenn ihr Ton und Inhalt wenig hilfreich erscheinen, so lässt sich zugunsten der Autoren annehmen, dass die Aussage «Französisch braucht kein Mensch» zumindest ihrem lebensweltlichen Horizont entspricht.

Boris Boller ist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert zur Zeit praktisch täglich die Sprachgrenze, um zur Arbeit zu fahren. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.

«Immer mehr bekommt man den Eindruck, dass der Sensebezirk zu einer eigentlichen Schlafstätte wird.»

 

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Beat Brülhart 20.12.2012

Gesundheit über alles

Fitnessmässig bin ich wohl Mittelmass. Dabei leben wir doch in Extremitäten. Da gibt es die radikalen Nichtraucher, die ausflippen, wenn einer eine Zigarette ansteckt, als ob er eine Wasserstoffbombe zündete. Und es gibt die unverbesserlichen Qualmer, die sich in Rauchclubs zusammenrotten und nur jene zulassen, die noch gerade mal die Hälfte der Lungenbläschen mit sich tragen. Irgendwie ist uns der Sinn für die Mitte abhandengekommen. Ich habe nichts gegen Fitness und Gesundheit. Aber etwas gegen deren Verabsolutierung. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als «ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen». Kommt schön daher, aber völlig unbrauchbar. Wenn das gesund ist, sind wir alle krank. Wer weiss eigentlich, was gesund ist? Die WHO offensichtlich nicht. Das Bundesamt für Gesundheit? Die Krebsliga? Ärzte? Die Pharmaindustrie? Ist es wirklich gesünder, abends rennen zu gehen, statt voller Begeisterung an einer Vereinsversammlung teilzunehmen? Gesundheit verhält sich wie Glück. Wer es direkt anpeilt, verfehlt es am sichersten. Dem Glück geht immer etwas voraus. Eine gelungene Arbeit, ein Abend mit guten Leuten. Gesundheit ist nicht ein Ziel, sondern Folge einer Lebensweise. Dabei geht es nicht nur um Cholesterin und Blutdruck 80/120. Ob wir zur Pause einen Apfel oder ein Mars verdrücken, ist halb so wichtig. Primär geht es doch um animierten Lebenssinn, Motivation und Freude am Leben und nicht nur um Laborwerte.

Früher wurden dem Mensch himmlische Freuden für irdische Miseren in Aussicht gestellt. Heute ist der Himmel leer, der Mensch ist aus dem kosmischen Welttheater herausgefallen und so auf den Körper gekommen. Also krallt er sich daran fest. Und wer nichts mehr als seinen Body hat, tut alles, um ihn so lange wie möglich zu erhalten. Er muss sich um jeden Preis um dessen Wohlergehen und Gesunderhaltung kümmern, alles meiden, was ihn stresst, nicht nur Überstunden, auch kräftezehrende Leidenschaften, einen anständigen Kater sowieso. «Gesundheit über alles» wird zum Dogma. Doch wer nur noch an seine Gesundheit denkt, ist schon krank. Oder verpasst das Leben.

Als der Mensch seine Rolle im Kosmos noch sah, war nicht das Lebensalter wichtig, sondern das Lebensengagement. Kurz, aber richtig intensiv. 

Unsere Gesellschaft und Wirtschaft braucht Menschen, die sich für eine Aufgabe verausgaben, fast wie früher im Welttheater. Dazu müssen sie einigermassen fit sein. Logo. Aber fit for work und nicht fit for fitness. Das vergisst auch die Politik. Was fiel unserem Bundespräsidenten vor drei Jahren als Neujahrswunsch ein? 30 Prozent weniger Raucher. Er hätte auch sagen können: mehr Interesse an Ma-thematik, Ökonomie, Naturwissenschaft, Quantenphysik, Philosophie und Informatik. Von diesen Interessen lebt unsere Gesellschaft. Aber unser Staatsziel sind saubere Lungen. Banausen dürfen wir sein, nur rauchen dürfen wir nicht.

Beat Brülhartwohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig.

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