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Pascal Vonlanthen 11.10.2012

Grieee-chischer Weeein… la, la, la,…

So wie das Blut der Erde. Komm, schenk uns gopfertelli endlich mal was ein … na, na, na …

Ahh, Udos Schlager verfolgt mich seit einigen Tagen auf Schritt und Tritt. Es ist so weit, Koffer zwar noch nicht gepackt, aber was rein muss schon mal auf den geistigen «To-do»-Zettel notiert: Sonnencrème, Badehose, Gitarre. Am Sonntag um drei Uhr morgens – holy shit – wird man mich irgendwo in Freiburg aufgabeln, muss noch schauen, wo das genau ist – und vor allem, wie ich dorthin komme! Gegen den frühen Abend wird dann das Schiff ab Venedig lostuckern, Richtung Süden, Richtung Sonne, Wärme, blauer Himmel und Cocktails im kurzen Hemd. Die Kreuzfahrt hätte nicht in einem passenderen Moment stattfinden können. Findet ihr nicht auch?

Schade, dass die meisten von euch nicht dabei sein werden. Jammerschade, wirklich, wir werden euch vermissen, obwohl … eigentlich selber schuld. Wenn man bedenkt, dass ein halbes Jahr lang Werbung für die Kreuzfahrt gemacht wurde und sogar ich meine Visage nicht mehr auf dem Hornercar oder in dieser Zeitung sehen konnte. Aber es soll ja solche geben, die gerne etwas feuchtere Luft haben, der Schleimhäute wegen und so. Deshalb auch lieber zu Hause bleiben, Oktober ist ja auch schön, wenns draussen bisschen regnet und man wieder die Stiefel und den ganzen verdammten Winterkram aus dem Keller holen muss.

Ich habs lieber warm. Auch im Oktober oder November. Ich bin auch eher der pragmatische Kofferpacker. Devise ist: so wenig wie möglich, plus drei Flaschen Alkohol. Es gibt Tanten und Mamis, die immer noch einen warmen Pulli einpacken – auch für die Sommerferien in Südspanien, wo es ungefähr alle zehn Schaltjahre mal unter 40 Grad warm wird. So was kommt bei mir nicht in Frage. Es geht nicht um die Wahrscheinlichkeit eines kalten Ferienabends, sondern um die globale Ferien-Einstellung. Ich weigere mich, während meinen eher raren Ferien kaltes Wetter zu akzeptieren. Mir wird es egal sein, ob in den griechischen Meeren Poseidon den Kreuzfahrtdampfer nassrüttelt und -schüttelt: Ich werde mit kurzen Hosen und T-Shirt tapfer auf dem Deck den Sonnenuntergang–oder in diesem Fall, eher den Untergang als solches–geniessen, am Gläschen nippen und bisschen auf der Klampfe zupfen. Wobei, Ferien sind es ja nicht für uns Musiker. Hier mal kurz eine Auflistung der Highlights, die ihr nicht erleben werdet, weil eben zu Hause, im Faserpelz am Fallblätter im Garten zusammenrecheln:

Eröffnungsgala mit allen «Kampf der Chöre»-Auftritten, exklusiv für das Kreuzfahrtpublikum aufgewärmt und neu angerichtet, danach Stämpf mit seinem ersten Soloauftritt, Tag danach Covernight, die besten Coverbands der Region, alle an einem Abend, der Wahnsinn – Covers, bis die Ohren bluten!!! Inklusive Sandee mit Baby auf dem Schoss. Oder mal schauen, vielleicht nimmt der Käpt’n es schnell an die Brust, das Baby, meine ich. Hip-Hop, A-Cappella, stimmgewaltige Sängerinnen und Sänger aus dem Senseland und sogar eine Radio-Frybùrg-Stùbeta gibts, mit Jodel, Juchzer und Trudi. Hell, it’s a lot of music – und das alles auf drei Bühnen. Ich platze vor Freude. Und mit mir 500 weitere Deutschfreiburger.

Griechischer Wein, wir kommen! Wir bringen euch dann ein kleines Fläschchen mit heim. Adios amigos – oder wie sagt man das auf Griechisch? Egal. Alle Mann und Frau an Bord, Anker lichten und mit Volldampf ins Abenteuer!

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Barbara Colpi 20.09.2012

Wie viele Emotionen dürfen sein?

Die Olympischen Sommerspiele liegen zwar schon wieder rund einen Monat zurück, doch so richtig verdaut habe ich dieses «Feuerwerk von Emotionen» noch immer nicht. Ich hatte das Privileg nach Peking und Vancouver zum dritten Mal als Radioreporterin bei diesem sportlichen Grossanlass dabei zu sein und einmal mehr waren es unvergessliche Augenblicke. Drei Wochen lang jagt ein Highlight das andere, und wenn ich sage, ich habe es noch nicht richtig verdaut, meine ich, dass ich eigentlich noch immer nicht richtig fassen kann, was ich alles erleben durfte. Von der Eröffnungsfeier bis zur Schlussfeier gab es kaum eine Möglichkeit, einmal länger inne zu halten und zu begreifen und zu geniessen versuchen. Was bleibt, sind die Erinnerungen an starke Emotionen, und das Schöne an meinem Job ist, dass ich diese Emotionen auch mitteilen darf. Dabei werde ich aber auch immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie emotional eine Radioreportage sein darf. Gerade weil ich in der Deutschschweiz sicher zu der Sorte der schneller, lauter und emotionaler sprechenden Reporter gehöre, werde ich immer wieder ermahnt, nicht zu übertreiben. Das verstehe ich ja, aber es tut manchmal auch weh, denn gerade wegen dieser emotionalen Momente bin ich ja Sportreporterin geworden. Das sind nicht immer nur schöne Momente. Angefangen hat es an den Olympischen Spielen für mich mit einem Schreckmoment, mit dem Sturz von Fabian Cancellara im Rad-Strassen-Rennen. Ich war genau in diesem Moment nicht auf Sendung und habe laut aufgeschrien. Dies sagten mir später die Reporter aus den anderen Ländern, die rund um mich sassen, denn realisiert hatte ich es nicht. Ich erinnere mich nur, wie ich mich dann bei der nächsten Radio-Schaltung unglaublich konzentrieren musste, um vor lauter Emotionen auch noch verständlich zu erzählen, was passiert war. Auch der letzte Tag war besonders emotional, als sich im Mountainbike-Rennen Nino Schurter in der letzten Kurve vom Tschechen Jaroslav Kuhlavy überholen liess und anstatt Gold, Silber gewann. Da erinnere ich mich, wie der tschechische Radioreporter und ich beide kommentierten und sich unsere Stimmen jeder in seiner Sprache fast überschlugen. Anschliessend sagte er zu mir sagte: «Weisst du, wir haben den besten Job, wir gewinnen immer!» Wie recht er doch hat, solange wir unseren Job gut machen, bestimmt. Die Olympischen Spiele sind nicht nur ein Treffen von Sportlern aus aller Welt, sondern auch von Journalisten aus aller Welt, und vielleicht sind es genau diese Treffen, die mich darin bestärkten, dass Radioreportagen emotional sein dürfen. Im internationalen Vergleich sind Radioreportagen in der Deutschschweiz nämlich immer noch eher ruhig. Spätestens als sich die sonst so sachlichen und fast schon überkorrekten Briten des Radiosenders BBC von der Sportbegeisterung in London anstecken liessen und beinahe von der Reportertribüne fielen vor lauter Anfeuerungsrufen und Schreien, die alle über den Sender gingen, als Bradley Wiggins die Goldmedaille im Rad-Einzelzeitfahren gewann, war mir klar: Emotionen darf es auch am Radiosender geben, und wenn dies einmal nicht mehr so sein sollte, dann wechsle ich den Job.

Barbara Colpi (37) ist Ethnologin und arbeitet als Sportredaktorin bei Radio DRS. Zuvor war die gebürtige Oltnerin Sportchefin bei Radio Freiburg. 
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Hubert Schaller 13.09.2012

Schafft die Spitäler ab!

Ich möchte mich einmal ganz weit aus dem Fenster hinauslehnen. Ich bin nämlich dafür, dass unser Regionalspital in Tafers geschlossen wird. Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich plädiere dafür, dass es abgerissen wird. Und zwar nicht nur dieses Spital, sondern auch das Kantonsspital, dann das Inselspital und schliesslich alle 299 kleinen und grossen Spitäler vom Genfer- bis zum Bodensee. So, jetzt ist es raus. Jetzt könnt ihr auf mich eindreschen!

Meine Begründung ist so einfach wie einleuchtend. Entgegen der landläufigen Meinung machen Spitäler nämlich nicht gesund, sondern krank. Schon nur ihr Anblick verursacht Magenbeschwerden. Und wenn man dann noch bedenkt, was sie kosten, greifen die Beschwerden unweigerlich auf alle Organe über. Denn Spitäler folgen dem gleichen Imperativ wie Handys, Zahnpasta oder Büchsenfleisch: Einmal gebaut und in Betrieb genommen, müssen sie unaufhörlich und immer besser rentieren. Wehe, wenn ein Spitalbett während zwei Nächten leer bleibt! Damit das nicht geschieht, setzt man alles daran, dass die Leute krank werden. Allzu lange dürfen sie hingegen auch nicht krank sein, sonst beschweren sich die Krankenkassen. Der ideale Krankenhauspatient ist ein Kurzaufenthalter, der immer wieder kommt. Damit er aber immer wieder kommt und das Seinige zu einer Spitzenbelegung der Spitalbetten beiträgt, sollte er in (kurzen) Abständen immer wieder krank beziehungsweise rückfällig werden. Also schickt man ihn möglichst vor der endgültigen Genesung nach Hause. Einliefern, entlassen, wiederkommen; einliefern, entlassen, wiederkommen: So funktioniert das ökonomische Diktat unserer Spitalpolitik.

An dieser Logik und damit am zugrunde liegenden Problem wird sich auch nichts ändern, wenn kleine Spitäler geschlossen und grosse Spitäler immer grösser werden. Im Gegenteil, dadurch wird alles nur noch schlimmer. Am Ende dieser Entwicklung erwartet uns ein einziges kleinstadtähnliches Supermegahospital, in dem Abertausende von hoch spezialisierten Chirurgen für gigantische Honorare Abertausende von hoch komplizierten Operationen durchführen werden, während es an allen Ecken und Enden an Hausärzten fehlt, die eine einfache Grippe behandeln können. Stolz wird man darauf verweisen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung auf 100 und mehr Jahre hinaufgeschraubt werden konnte, sodass immer mehr Leute immer länger in den Genuss dieser hoch spezialisierten, gigantisch teuren Spitzenmedizin kommen werden, deren Endzweck sich darin erschöpfen wird, uns am Sterben zu hindern.–Ohne mich! Gegen ein solches Gesundheitssystem wehrt sich mein gesunder Menschenverstand. Ich weiss von keinem Weltreich, das nicht an seinem Grössenwahn, seinem Gigantismus zugrunde gegangen wäre.

Deshalb müssen wir meiner Meinung nach den radikalen Schnitt wagen und nicht bloss einzelne Krankenhäuser, sondern die Institution Krankenhaus kurzerhand abschaffen. Dadurch werden die Leute nämlich gezwungen, gesund zu bleiben. Das wäre geradezu die Rettung unserer ruinösen Spitalpolitik. Der Gordische Knoten eines gänzlich neuen Gesundheitssystems.

Glauben Sie mir, sobald das Spital Tafers seine Tore schliessen wird, werden «wier Seisler» schlagartig gesünder werden. Wir werden uns mit Händen und Füssen dagegen wehren, in ein Spital eingeliefert zu werden, wo man unsere Sprache nicht versteht. Wir werden uns deshalb gesünder ernähren, mit dem Rauchen aufhören, unseren Alkoholkonsum drosseln. Die Turn- und Sportvereine werden über Nacht einen Mitgliederboom verzeichnen. Erschöpfte Regionalpolitiker, die bis zum Umfallen für Tafers gekämpft haben, werden zu frischem Leben erwachen und ihre neue politische Berufung darin erblicken, das Spital in ein regionales Sport- und Gesundheitszentrum zu verwandeln. Die Kirchen werden sich wieder füllen, weil die Leute für ihre Gesundheit oder für die Genesung ihres kranken Nachbarn beten wollen. Kurz, das Verschwinden der Spitäler würde unsere Körper- und Seelenpflege revolutionieren und damit zu einer nachhaltigen Gesundung der ganzen Bevölkerung führen.

Aber leider bin ich nicht romantisch genug veranlagt, um an die Realisierbarkeit meines eigenen Vorschlags zu glauben. Die Gesundheitspolitiker werden weiterhin auf ihren Krankenhäusern und damit auf unseren Krankheiten beharren. Die Fusionen und Infusionen werden munter weitergehen, bis nur noch ein einziger Krankenhausmoloch übrig bleibt, der – wie der Turm zu Babel – grössenwahnsinnig in den Himmel wächst und letzten Endes doch zur symbolträchtigen Ruine erstarren wird.

P.S. Wer in einigen Äusserungen die Donnerstagarroganz eines bestimmten Kolumnisten entdeckt zu haben glaubt, liegt vollkommen richtig. Sie sehen, dass ich immer noch fleissig am Üben bin … Andererseits muss man einen falschen Standpunkt gelegentlich so lange auf die Spitze treiben, bis schliesslich die Wahrheit abbricht …

Hubert Schaller unterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986) und «Drùm» (2005). Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

«Spitäler machen nicht gesund, sondern krank.»

 

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Boris Boller 12.09.2012

Lost in Translation

Zumindest für eine offizielle Beschriftung des Bahnhofs mit «Fribourg/Freiburg» scheint die Zeit auch im Rahmen der «pragmatischen Art der Zweisprachigkeit» mittlerweile reif zu sein – ebenso wie für den Bahnhof Murten/Morat.

Der Entscheid der Stadtregierung für eine Kostenbeteiligung an der Umbenennung wurde durch die Ähnlichkeit der beiden Stadtnamen in Deutsch und Französisch immerhin nicht zusätzlich erschwert: Die beiden Bezeichnungen der Hauptstadt erscheinen naheliegend und eröffnen nur wenig Spielraum für inhaltliche Interpretationen der Übersetzung oder historische Spekulationen zum Ursprung der beiden Ortsnamen. Jedenfalls viel weniger als etwa im Fall von Belfaux/Gumschen oder Jaun/Bellegarde.
 
Beispiele für mündliche und schriftliche Fehl- und Uminterpretationen bei Übersetzungen sieht man in Freiburg an anderer Stelle nicht selten: Bei einer Tour durch die Unterstadt etwa machte mich meine Begleitung auf die Strassenschilder der Goltgasse/Rue d’Or aufmerksam. Sensibilisiert durch die Annahme, dass das Verhältnis der Freiburger Sprachgruppen nicht nur von Harmoniebestrebungen geprägt sei, folgerte sie kühn, dass die Schreibweise von «Golt» entweder der fremdsprachlichen Unbedarftheit eines subalternen Übersetzers («Müssen hier die Lehrlinge die Strassenschilder übersetzen?») oder aber einer boshaften Laune der Verwaltung geschuldet sei.
 
Ich fühlte mich verpflichtet, das vordergründig naheliegende Missverständnis aufzuklären. Glücklicherweise konnte mir schon lange vorher jemand weitgehend glaubhaft erklären, dass die ursprüngliche Übersetzung hier vom Deutschen ins Französische stattfand und dass es sich bei Golt nicht um Edelmetall, sondern vielmehr um eine alte Bezeichnung von Geröll, Kies oder Schutt handelt. Diese Erklärung erscheint jedenfalls naheliegender als eine andere, die mir am Ende eines langen Abends aufgetischt wurde, wonach die Gasse angeblich nach den einst dort residierenden Alchemisten und ihrer Kunst des Goldmachens benannt wurde. Letzte Klarheit kann hier wohl nur ein längeres Abtauchen ins Staatsarchiv schaffen.
 
Wenn wir die neue Bahnhofsbeschriftung als ersten symbolischen Schritt hin zu einer offiziellen Anerkennung der städtischen Zweisprachigkeit verstehen wollen, können wir auch annehmen, dass im Laufe der Jahre weitere Schritte folgen werden. Eine etymologisch und sprachlich korrekte Umbenennung der Rue d’Or ist jedoch auch in noch fernerer Zukunft kaum zu erwarten. Wer will schon seine Wohnadresse von einer edlen Gold- zu einer profanen Schuttgasse herabgestuft sehen?
 
Boris Boller ist Ethnologe. Er studierte, lebte und arbeitete lange in Freiburg. Nun interessiert er sich bis auf weiteres von Bern aus für die Belange der Zweisprachigkeit und pendelt zwischen den beiden Städten. Als Gastkolumnist macht sich Boris Boller in den FN regelmässig Gedanken zur Zwei- und Mehrsprachigkeit.
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