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Sus Heiniger 10.08.2017

Die Farben des Regens

Ein bisschen Geburtstag feiern wollten wir. Das alljährliche Feiern zum Ereignis, das Licht der Welt erblickt zu haben, wollten wir gerne so begehen, dass wir ebendieses Licht der Welt in einer gewissen Verwandlung zum Üblichen schauen könnten und den Ruf «Morgen dann!», der auf zu erwartendes Glücken eines kommenden Tages vertrösten sollte, nicht hören. An deinen Geburtstagen rufst du das nie!

Wir erhalten gerade noch das letzte Zimmer in dem Hotel, für das wir uns entschieden haben. Ein 100-jähriges Haus, wo uns auch eine wunderbare Panoramaterrasse erwarten würde, das wissen wir, auf 1200 Meter über Meer.

Die kleine Geburtstags­feier soll luftig und licht werden, wenn wir die ganze Alpenkette schauen und die Majestät des Mont Blanc, der in direkter Luftlinie vor dem Hotel steht, sogar auf grosse Distanz erkennen.

Aus Spass an den kommenden Stunden nennen wir uns Herr und Frau Lavendel, weil das den Blick etwas verändert, wenn man nicht seinen gewohnten Namen trägt.

Im Stück von Samuel Beckett heisst einer der zwei Männer, die einen nie ankommenden dritten erwarten, Estragon, und das hat mir schon immer gefallen und den Eindruck gemacht, so ein organischer Name könnte besondere Weltsicht bergen.

Herr und Frau Lavendel beziehen nach einer kurzen Anreise auf das Juraplateau das Hotelzimmer und erhalten für den Abend einen Tisch im Speisesaal.

Unser fünfjähriger Enkel schaute sich gern den Regenradar auf dem Internet an während seiner Ferien bei uns und war immer sehr angetan von der Skala, die die Niederschlagsstärken anzeigt mit verschiedenen Farben. Rot-Blau-Gelbtöne für entsprechende Prognosen. «Morgen wird es violett regnen!», rief er einmal begeistert. Der wildeste, heftigste Regen hat auf der Skala die Farbe violett. Mir kam dabei auch der Gedanke an Lavendel, und dass man diese Farbe in einem Namen ausprobieren müsste, um eine entsprechende Regenschwemme nachempfinden zu können.

Um die Nachtessenszeit füllt sich der Hotelsaal. In kurzer Zeit scheinen alle Plätze belegt. Alle, die ankommen wollten, und alle, die ankommen sollten, waren versammelt und warteten. Ein gemeinsames Warten auf Gleiches und Persönliches. Auf ein Feiergefühl? Auf einen Tisch mit Gutsicht? Auf eine Menükarte? Auf eine Nachfrage zum Befinden? Auf ein Serviertwerden.

Alle im Saal warten schlussendlich auf ein Essen, auf ein Getränk. Der Saal ist hoch, die Fenster zur Panoramaterrasse ebenfalls. Die Wartenden blicken jetzt vom Innern immer wieder nach draussen. Der Mont Blanc verschwindet im Dunst. Es ist heiss, schwül, die Hitze beginnt zu pochen im Speisesaal. Wolken sind aufgezogen. Einige Gäste wechseln von der Terrasse an freie Innentische. Man traut dem Wetter nicht mehr ganz. Es ist fast still geworden im Saal, oder wirkt das nur so, weil draussen immer weniger Bewegung zu sehen ist in den Sonnenschirmen und der schmalen Tannengruppe im Fenster ganz rechts?

Es schraubt sich eine Ruhe immer stärker in die Aussenumgebung. Das Alpenpanorama ist weggewischt. Vor allen Fenstern klebt dieselbe milchbeige Farbe. Eine Dame aus dem Service geht auf der Terrasse hin und her, ordnet Dinge. Ihr Oberkörper erscheint in den Fenstern immer wieder, im einen, im andern, geräuschlos von innen gesehen. Als würde sie schwimmen im milchigen Dunst. Viele Gäste schauen zu und warten.

Gespenstisch schön füllt das weisse Licht von der Terrasse den Saal, hüllt ihn in Schweigen – Aquarium, denke ich. Alle warten, nichts bewegt sich mehr vor den Fenstern. Die Dame hat alle Sonnenschirme zugeklappt und ist verschwunden. Im Innern sind die Lebenssehnen der Gäste jetzt angespannt im Warten.

Warten. Einige Augen-Blicke begegnen sich von Tisch zu Tisch. Der Saal atmet gemeinsam ein.

Und dann regnet es violett! Sehr violett, nachdem ein plötzlich heftiger Wind eingesetzt hatte, an allen Schirmen riss, die Terrassentür krachend zuschwang und durch den Esssaal pfiff. Grossartiges Brausen und Rauschen und alles zu oder alles offen ins Universum. Die Bewegung war in die Welt zurückgekehrt.

Der Saal atmet gemeinsam aus. Warten auf die bestellte Mahlzeit.

Herr und Frau Lavendel wurden eins mit dem Violett des Regens und begannen zu duften.

Sie erschraken beinah, als das Essen kam.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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«Aus Spass nennen wir uns Herr und Frau Lavendel, weil das den Blick etwas verändert, wenn man nicht seinen gewohnten Namen trägt.»
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Thomas Vaucher 03.08.2017

Ideenbörse

 

D

as Ganze kommt mir seltsam vor: Ein Lieferwagen eines lokalen Mietautounternehmens fährt auf uns zu, als wir auf dem Parkplatz der Magdalena-Einsiedelei in Düdingen aus dem Auto steigen und den Fussweg zur Einsiedelei in Angriff nehmen. Ich runzle die Stirn. Dort, wo der Lieferwagen herkommt, gibt’s nichts anderes als die Einsiedelei. Es ist eine Sackgasse. Die Schranke, die den Fussweg für Fahrzeuge normalerweise sperrt, ist demontiert. Als der Lieferwagen sie passiert hat, hält er an, einer der beiden Männer steigt aus und befestigt sie wieder. Dann grüsst er uns in gebrochenem Deutsch, ehe er davonbraust. Weil mir die Situation irgendwie verdächtig vorkommt, merke ich mir das Nummernschild – nur für alle Fälle. Denn was um alles in der Welt haben die beiden Männer in der Einsiedelei gemacht? Haben Sie etwa irgendetwas demontiert, eingeladen und mitgenommen? Den Altar vielleicht? Ich spinne das Szenario weiter: Was, wenn wir bei der Einsiedelei angekommen feststellen müssen, dass tatsächlich Dinge entwendet wurden? Ich würde die Polizei rufen, ihnen unsere Beobach­tungen und die Nummer des Fahrzeugs mitteilen. Die beiden würden vermutlich festgenommen und verurteilt. Doch halt: Vielleicht waren sie ebenfalls vorsichtig und haben sich im Vorbeifahren das Nummernschild meines Autos gemerkt. Was, wenn sie Jahre später wieder aus dem Knast kommen?

 

Ich werde häufig gefragt, woher ich die Ideen für meine Bücher nehme. Es sind solche Alltagssituationen, kleine Beob­achtungen, für deren Fortsetzung und Interpretation ich meiner Phantasie freien Lauf lasse. Das oben beschriebene Szenario wäre eine interessante Vorlage für einen rasanten Rache-Thriller.

Ein anderes Beispiel: Als ich kürzlich nach Mitternacht einen Kollegen nach Hause brachte, begegneten wir einer alten Frau, die mit ihrem Rolla­tor am Strassenrand spazieren ging. Ich lud meinen Kollegen wenige Hundert Meter entfernt ab, fuhr zurück und hielt dabei Ausschau nach der Frau, die bei ihrem Tempo eigentlich noch nicht weit hatte kommen können. Doch sie war verschwunden! Sofort regte sich meine Phantasie und entwarf das Szenario für folgende Geschichte: Eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher fährt zur selben Zeit durch diese Gegend, erblickt die Frau (die vielleicht einfach nicht schlafen konnte und deshalb noch einen Nachtspaziergang macht) und wundert sich darüber. Der Fahrer stellt die Vermutung an, sie könnte ein Geist sein, worauf der Beifahrer lachend meint: «Fahr doch mal durch sie hindurch, dann merkst du schon, ob sie ein Geist ist oder nicht.» Der Lenker tut, wie ihm geheissen, fährt die Frau zu Tode und begeht auch noch Fahrerflucht. Da der Mörder nie gefasst wurde, kommt ihre Seele seit dem schrecklichen Unfall nicht zur Ruhe, und ihr Geist geht Nacht für Nacht mit ihrem Rollator um halb eins in der Früh spazieren, um vielleicht eines Tages ihren Mörder zu finden …

Manchmal inspirieren mich aber auch bestehende Bücher oder Filme: Die Idee zu meinem letzten historischen Roman «Tell – Mann. Held. Legende» entstand, nachdem ich mir die Fernsehserie Spartacus angeschaut hatte. Diese zeigt die unbekannte Vorgeschichte des Sklaven Spartacus, was mich auf die Idee brachte, dasselbe bei unserem Volkshelden zu tun: seine Vorgeschichte zu erfinden.

Die beiden eingangs erwähnten Männer mit ihrem Lieferwagen haben übrigens nichts aus der Einsiedelei entwendet. Als wir dort ankamen, war ein Dutzend Touristen dort, und selbst der Altar stand noch an Ort und Stelle …

 

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Patrick Buchs 27.07.2017

Ein Haus des Sports für den Kanton Freiburg

Es ist kein Geheimnis, dass es um den Sport im Kanton Freiburg nicht zum Besten steht. Der Vereinssport kämpft mit den Grenzen der Ehrenamtlichkeit, der Nachwuchssport verliert seine besten Talente an professionellere Strukturen in anderen Kantonen und dem Spitzensport mangelt es an finanziellen Mitteln, um konkurrenzfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. In meiner letzten Kolumne hatte ich auf konkrete Medienberichte Bezug genommen, welche diese Aussage unterstreicht (vgl. FN vom 6. April 2017).

 

Mich hat das Leben gelernt, dass ich immer eine Wahl habe, wie ich mit einer unbefriedigenden Situation umgehe. Entweder akzeptiert man die Situation, wie sie ist, und lernt, mit der Frustration umzugehen, oder man entscheidet sich für den meist unangenehmen Weg der Veränderung.

Wenn ich diesen Gedanken nun auf den Freiburger Sport ummünze, dann glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, aus dieser Situation der Frustration auszubrechen und neue, mutige Wege zu gehen. Oder wie sagte einst Albert Einstein: «Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.»

Diese Ausgangslage hat mich dazu bewegt, zusammen mit Freunden aus Sport, Wirtschaft und Politik, eine Projektidee zu entwickeln. Die Vorstellung, den Sport im Kanton Freiburg mit einem wegweisenden Projekt nachhaltig zu stärken, hat unseren Unternehmergeist geweckt. So ist das Projekt «Haus des Sports Freiburg» entstanden, das ein Kompetenzzentrum für Training, Förderung und Management im Sport werden soll. Nutzniesser wären der Breiten-, Nachwuchs-, Spitzen- und Vereinssport im Kanton Freiburg. Idealerweise soll dafür die «Salle des Fêtes» auf dem St.-Leonhard-Areal umgebaut werden, was gleich drei Vorteile mit sich bringen würde:

1. Der Parkplatzmangel bei gleichzeitig stattfindenden Veranstaltungen auf dem St.-Leonhard-Areal kann reduziert werden.

2. Die Aktivitäten der «Salle des Fêtes» könnten ins Forum Freiburg verlagert werden, welches damit seine Auslastung verbessern könnte.

3. Das St.-Leonhard-Areal könnte zu einem einzigartigen Sportzentrum umgewandelt werden, was für die Stadt und den Kanton Freiburg einen beträchtlichen Imagegewinn bringen würde.

In meiner bald 20-jährigen beruflichen Tätigkeit im Sport habe ich sehr viel gesehen. Ich durfte im In- und Ausland Projekte umsetzen und mich mit verschiedensten Strukturen und Strategien zur ganzheitlichen Sportförderung auseinandersetzen. Das Projekt «Haus des Sports» ist ein machbarer und auf meinen Erfahrungen basierender Lösungsansatz, der mithilfe von Spezialisten zu einem rentablen Geschäftsmodell gereift ist. Aktuell berät der Gemeinderat Freiburg über unser Projekt. Ich hoffe, dass das Projekt die nötige, politische Unterstützung erhalten wird und der ganze Freiburger Sport damit neue Perspektiven erhält!

 

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

 

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Katharina M. Fromm 13.07.2017

Sommerzeit – Ferienzeit, und von einem Konzertbesuch

 

E

s ist wieder so weit: Alle Jahre wieder packen wir die Koffer für die Ferien an der Ostsee mit einem Querschnitt durch den ganzen Kleiderschrank, denn das Wetter dort oben ist unberechenbar. Unter Schimpfen (das Fluchen überhöre ich geflissentlich) wird das Auto bis unters Dach vollgepackt und schon geht es los Richtung Norden bei strahlendem Sonnenschein und 35 Grad Celsius im Schatten.

 

 

Die erste Etappe endet entnervt bereits auf der Höhe von Freiburg im Breisgau, nach Staus hinter Bern und vor Basel. Nach Staus bei Karlsruhe, Hannover und am Hamburger Kreuz sowie irgendwo zwischen Hamburg und Lübeck, Ankunft an Tag zwei gegen 17 Uhr bei Regen, 14 Grad. Am nächsten Tag gesellt sich Windstärke 8 bis 9 dazu. Da hilft nur Kultur, also ab nach Hamburg in die Elbphilharmonie, zu Hélène Grimaud.

Wir sind gespannt auf das Gebäude und die Musik, schliesslich soll die Akustik ja einmalig klar und präzise sein! Wir nehmen unsere Plätze auf bequem gepolsterten Sitzen ein. Der Saal ist voll, als das Licht gedimmt wird und eine erwartungsvolle Stille eintritt. Die ersten Huster platzen in den Raum hinein, und tatsächlich, die Akustik ist bestens!

Endlich geht es los, Hélène Grimaud setzt sich ans Klavier, das vor einem riesigen Bildschirm steht, und beginnt zu spielen. Ganz sanft, fast zögerlich, plätschert die Musik los – passend zum Thema Natur, speziell Wald und Wasser, fliessen auf der Leinwand poetische Bilder ineinander. Man spürt das Anliegen der Künstler, auf die wertvolle Natur hinzuweisen.

Und ja, man hört auch die Natur des Menschen: ein wahres Hustenkonzert. Das tiefe Räuspern meines Nachbarn zur Rechten (übrigens ein Schweizer, wie ich vernehmen konnte), dann auf Ebene 16, Reihe U.1.11 ein Raucherhusten (ich höre es genau!), das Klicken eines Fotoapparats in Block 15 von Sitz L.1.3, die korpulente Dame von Ebene 12, Sitz B.1.1 erleichtert sich regelmässig hustentechnisch, von Reihe L. 3.11 auf Ebene 15 tönt ein trockener, irritierter Husten zu Ravel, gefolgt vom allergischen Husten von Balkon 16, Y.2.11, und dem Schnupfen von Block 15, K.2.6., die «hervorragend» Liszt untermalen.

Der Herr vor mir zückt alle fünf Minuten sein Natel, hebt es leicht über seinen Kopf und schiesst ein paar Bilder – ich sehe Hélène Grimaud nur noch durch seinen Bildschirm. Der Po meines Nachbarn brummt, er zückt sein Telefon aus der rechten Potasche seiner Jeans und stellt es ab. Die Frau meines Vordermanns packt nun ihrerseits ihr Natel aus und knipst auch ein paar Bilder, da hat ihr Mann auch schon wieder seines im Anschlag.

Ich denke sehr laut darüber nach, was ich ihm antue, wenn er das nächste Mal fotografiert, als von Block 13, I.5.2. das «Whoop» einer frisch verschickten SMS erschallt. Mein Vordermann zückt schon wieder sein Telefon, diesmal um seine Nachrichten zu prüfen.

Die letzten sanften Töne klingen spannungsvoll von den Klaviersaiten, als das Niesen der Person hinter mir den Schlussakkord, und damit wohl auch die Liveaufnahme, versaut. Ist es den Menschen schlichtweg nicht mehr möglich, eine Stunde ohne Husten und Natel still zu sitzen und toller Musik zu lauschen? Davon muss nach dem heutigen Experiment dringend ausgegangen werden … Hatschi.

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Gustav 06.07.2017

Papi, häbele!

 

Neulich habe ich meinen Kids die Frage gestellt: «Wenn ihr mit einer Zeitmaschine in die Zukunft reisen könntet, so Science-Fiction-mässig, wie würde da die Welt wohl aussehen?» Der Grosse meinte: «Da gibt es Laserwaffen, Minecraft-Roboter und die Menschen haben Implantate, so iPads unter der Haut.» Hm, interessant – ich glaube, ich muss da mal schauen, was der so für Games auf dem Tablet spielt. Der Mittlere prophezeite: «Da werden alle Menschen in Himmel fahren.» Ich sah ihn verstört an und sah die Apokalypse und die bevorstehende Abklärung beim Schulpsychologen schon bildlich vor mir, aber er meinte zu meiner Erleichterung «IM Himmel fahren», also fliegende Autos. Uff. Der Kleinen war wie zu erwarten die Zukunft egal: «Papi, häbele!», sagte sie, und das tat ich dann auch.

 

 

Ja, so wird sie wohl aussehen, unsere Zukunft: plutoniumbetriebene Laserwaffen und selbstfliegende Kinderwagen, bis auf die Zähne mit Multimedia ausgerüstet, allzeit vernetzt, allzeit auf Draht, dauernd das eigene oder weltweite Game over am Abwehren – und alle sehnen wir uns nach ein bisschen «Häbele».

Wie kann ich als Vater und Künstler dieser Zukunft nur gerecht werden? Technologisch gesehen bin ich heute schon sozusagen unbrauchbar. Was ich als Musiker für die Menschheit produziere, hat heute einen verschwindend kleinen, in der fernen Zukunft überhaupt keinen Wert mehr. Als Vater komme ich gerade noch so in der digitalen Welt mit, aber das entwickelt sich krass schnell, ich weiss nicht, ob ich da die nächsten zwanzig Jahre mithalten kann. Da bleibt nur noch «häbele». Ja, «häbele» kann ich gut. Die herumfliegenden Minecraft-Menschen ein bisschen in die Arme nehmen und sie fest an mein Herz drücken, dann trällere ich ihnen eine Schnulze ins Ohr und streichle ihnen über ihre Schädelimplantate. Doch, das kann ich, dafür bin ich zu gebrauchen. Auch in der Zukunft.

Lasst uns einen Pakt schliessen, für unsere Kinder, Enkelkinder und alle Generationen, die danach folgen werden: Ihr macht die Technik und lasst uns in Minecraft-Welten herumfliegen – und wir sorgen dafür, dass diese nicht im Herzen auseinanderbrechen. Ich fange diesen Herbst an, die Welt zu retten oder zumindest den Kanton Freiburg, mit einem kulturübergreifenden Musikstipendium für die heranwachsende nächste Generation, aber mehr darüber in der Zukunft. Und was macht Ihr?

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Franz Engel 29.06.2017

Verschlusssache

 

N

un stehe ich erneut vor dem Abgrund. Ein Abgrund in Form eines leeren, blütenweissen Blattes, hinter mir drängt und faucht der feuerspeiende Drache mit Namen «Abgabetermin», ein falscher Tritt und ich stürze. Dieser Albtraum begleitet mich seit Wochen, lässt mich nachts schweissgebadet aufschrecken, wo ist das rettende Seil, das erlösende Thema, welches Abgrund und Drachen besiegt?

 

Szenenwechsel: Du gehst mit deiner Liebsten an einem lauen Sommerabend (es ist nicht das erste Rendezvous) ganz unverbindlich spazieren. Sagen wir mal entlang der Düdinger Moose. Ein Bänklein am Teich lädt zu einer Rast, die Sonne taucht das Schilf in Rosa, Seerosen leuchten, die Enten schnattern ihren Küken ein Gutenachtlied, Libellen schweben, Grillen zirpen. (Um die Stimmung nicht zu stören, lassen wir die blutrünstigen Mücken weg). Ihr sprecht über dieses und jenes, du tust ein bisschen wichtig, willst ja dem Liebchen imponieren. Sagst, du möchtest mal Arzt werden und die Menschen in der ganzen Welt vor Krankheit und Armut erlösen, aber vorher wirst du noch Olympiasieger oder noch schwieriger, Schweizermeister mit Gottéron. Während du Zukunftsträume malst, leuchtender als die Seerosen, kuschelst du immer etwas näher, atmest den Duft ihres Haares, eine Hand streift bei den lebhaften Schilderungen ganz zufällig und völlig unabsichtlich diesen oder jenen Körperteil. Du wirst mutiger, die Hand schiebt sich unter die Bluse, dein Herz rast, die Hand zittert, du fängst an zu stottern, verschiebst die Rettung der Menschheit und den Olympiasieg samt Got­téron in unendliche Ferne. In den Augen der Liebsten liest du Aufmunterung, zielstrebig wandert deine Hand weiter, wandert zum Rücken und öffnet gekonnt den BH-Verschluss??? Das heisst, du versuchst es. Verflixt, da hat es tatsächlich Haken und Ösen! Das muss doch zu lösen sein! Denkste, du verhakst dich immer mehr, deine Finger verkrampfen sich, warum gehen diese verflixten Dinger nicht auf? Die Leichtigkeit verfliegt, die Romantik fällt in sich zusammen wie das berühmte Kartenhaus, die Enten schnattern doof vor sich hin und überall nur noch lästige Mücken. Plötzlich sagt dein Liebchen, deine Prinzessin: «Lass es gut sein, Schatz, es ist ja auch so ganz schön. Und eigentlich sollte ich schon längst zu Hause sein, sonst macht sich Mutter noch Sorgen …»

An diesem Abend warst du sehr, sehr unglücklich.

Später, viel später, fragtest du dich, warum braucht es überhaupt BHs? Ursprünglich wohl erfunden, um den Gesetzen der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen, wurden sie sehr rasch – unabhängig vom ursprünglichen Verwendungszweck – zum schmückenden, verführerisch-trügerischen Accessoire. (Hier darf auch das Verhältnis Frau/Schuhe erwähnt werden.) Und, so die Vermutung, die Sache mit den Verschlüssen gehört zu einer ausgeklügelten Strategie, einerseits um auch hier die weibliche Überlegenheit aufzuzeigen und anderseits um früh zu erfahren, ob dieser Jüngling nicht nur prahlen kann, sondern auch praktisch begabt ist und fürs Leben taugt. So gibt es diesbezüglich eine unglaubliche Vielfalt, gleich verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Beispiele: Von 1 x 2 Haken bis 8 x 2 Haken, vom einfachen Haken bis 14 Haken, es gibt Kunststoffverschlüsse, Knöpfe und Reissverschlüsse und sogar Magnet und Klettverschlüsse (Werbespot: Nie wieder «Rumgefummel beim Öffnen»), Bikiniverschlüsse, und dann kommt noch der Sport-BH, der hat überhaupt keinen Verschluss. Wie soll Mann sich da zurechtfinden? Zurück zu dir, Jüngling. So du dich von deinem Schock erholt und heimlich fleissig geübt hast, kann es sein, dass in ähnlicher Situation, die Liebste dir erneut ins Ohr flüstert: «Gib’s auf, Schatz, der Verschluss ist vorne.» Das überlegene Lächeln, den Schalk siehst du wegen aufkommender Dunkelheit nicht.

Es stellt sich nun die Frage, wie verarbeiten Männer solch traumatische Jugend-Erlebnisse unter dem Gesichtspunkt psychoanalytischer Gesellschaftskritik? Hier möchte ich drei Möglichkeiten hervorheben:

1. Sie heiraten relativ früh, in der Hoffnung, in der ehelichen Gemeinschaft die Verantwortung für das «Mise en place» abzugeben oder zumindest teilen zu können.

2. Es wirkt auf die Berufswahl aus: Unser Jüngling wurde weder Olympiasieger noch Meister mit Gottéron. Immerhin wurde er Arzt und dieser Beruf gab ihm die Möglichkeit, sein Jugendtrauma definitiv zu verarbeiten: Bei gewissen Untersuchungen ist es eben auch notwendig den BH zu öffnen, doch plötzlich genügte der Zauberspruch: «Machen Sie sich frei», und siehe da, «es geschah …» Hätte er das doch schon früher gewusst, vielleicht wäre ihm auf dem Weg zum Manne einiges erspart geblieben(oder auch nicht).

3. Andere Männer hatten diese Chance nicht, wurden Manager (CEOs), Banker oder gar Politiker, und es stellt sich die Frage, ob die Gleichstellung (Löhne, Kaderpositionen) der Frau nur deshalb nicht verwirklicht wird, und von den entsprechenden Herren quasi mit «Haken und Ösen» bekämpft wird, weil sie als Jünglinge ebenfalls in irgendwelchen Moosen spazieren gingen???

Lasst uns mit den versöhnlichen Worten Charlie Chaplins schliessen:

«Die Jugend wäre eine viel schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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Andreas Kempf 22.06.2017

Laufen in der Hitze

 

I

n den letzten Tagen wurde ich des Öfteren gefragt, ob denn Laufen bei diesen hohen Temperaturen überhaupt noch gesund sei. Da ich grundsätzlich bei allen Witterungen draussen trainiere, stellt die momentane Hitzeperiode für mich im Vergleich zu Minustemperaturen, Schneefall, strömendem Regen oder starkem Wind noch die angenehmste dieser extremen Wetterbedingungen dar. Nichtsdestotrotz gilt es einige Dinge zu beachten, wenn man im Moment den Laufsport, ohne seinem Körper zu schaden, betreiben möchte:

 

 

1. Immer genügend trinken! Der Flüssigkeitsspeicher sollte vor der körperlichen Betätigung voll sein. Dadurch ist es bei Trainings unter einer Stunde auch nicht notwendig eine Trinkflasche mitzunehmen. Nebst viel Wasser und ungesüsstem Tee (was übrigens auch Nicht-Läufer häufig und in reichlichen Mengen trinken sollten) dürfen es ruhig auch einmal eine Bouillonsuppe oder isotonische Sportgetränke sein. Denn Natrium und Glukose erhöhen die Resorption von Wasser durch die Darmwand ins Blut, wodurch eine bessere Wasseraufnahme erreicht wird.

2. Morgenstund hat Gold im Mund! Es wird morgens sehr früh hell und die Temperaturen sind richtig angenehm für ein Lauftraining. Wer jedoch eher zu den Morgenmuffeln gehört, soll besser in den Abendstunden die Laufschuhe schnüren. Denn zwischen 11 und 18 Uhr zeigt nicht nur das Thermometer hohe Werte an, sondern auch die Belastung durch Ozon und Abgase ist merklich höher als frühmorgens und spätabends.

3. Den Körper schützen! Das heisst einerseits mit Sonnenbrille, Sonnencreme und luftdurchlässiger Kopfbedeckung (ansonsten besteht die Gefahr eines Hitzestaus) den Körper vor übermässiger UV-Strahlung bewahren. Andererseits kann mit einem nassen Shirt und nassen Haaren bereits vor dem Loslaufen für externe Kühlung gesorgt werden. Zudem darf gerne bei jedem Brunnen zum Trinken und erneuten Abkühlen angehalten werden.

4. Den Wald aufsuchen! Wer die Möglichkeit hat, sollte sein Training in den Wald oder in die Höhe verlegen, weil dort ein angenehmeres Klima herrscht. Ausserdem befinden sich dort meistens die schönsten Laufwege.

5. Die Alternativmöglichkeiten ausschöpfen! Beim Velofahren oder Inline-Skaten erfrischt einem der Fahrtwind, und bei allen Aktivitäten im Wasser hat man sowieso eine nasse Abkühlung. Wer jedoch wie ich nur laufen kann, der muss wohl oder übel die vorhergehenden Punkte beachten oder schlimmstenfalls aufs Laufband im klimatisierten Fitnesscenter ausweichen.

Aber vergesst nicht: Geniesst den Sommer – unser Körper gewöhnt sich bis zu einem gewissen Grad an die Hitze!

 

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat im letzten Sommer an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

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Beat Brülhart 01.06.2017

Reich werden

 

Beat Brülhart

 

L ieber reich und gesund als arm und krank», meinte einer und fand seinen Spruch oberlustig. Ob lustig oder nicht, es gibt kaum jemanden, der nicht träumt, einmal reich zu sein. Ob das lohnenswert und intelligent ist und Sinn macht, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass an Beerdigungen Kontostände, Aktienportfolios und Besitztümer nur äusserst selten eine Rolle spielen. Sicher ist, dass es kaum Menschen gibt, die sich zum Ziel setzen, arm zu werden. In Buchhandlungen boomt der Absatz mit Erfolgsbüchern und Rezepten zum reich werden. Meines Wissens hat noch kein Verlag ein Buch «10 Schritte zum Loser» herausgegeben. Der Markt funktioniert.

Aber, was ist denn «reich sein»? Immateriell sind hierzulande fast alle reich. Wer jeden Tag aufstehen kann, gesund ist, genug zu essen und zu trinken hat, ein Dach über dem Kopf hat; wer sich frei bewegen, sich frei äussern und sich sicher fühlen kann, verfügt bereits über ein hohes Mass an Reichtum. Die Mehrheit der Menschheit kennt das nicht. In unserer Gesellschaft zählt das aber nichts. Denn die definiert Reichtum und Erfolg ausschliesslich über das, was einer hat.

Aber wie viel muss man dann haben, um reich zu sein? Das scheint mir relativ zu sein. Ein hiesiger Sozialhilfeempfänger wird in Hungerland als Krösus angesehen. Für einen Ölscheich ist eine Million Dollar eine Bagatelle, reicht nicht einmal für die Portokasse. Bei uns ist man wahrscheinlich ab einer Million Barem aufwärts dabei, und man wird als betucht, geldig und potent angesehen. Es scheint, dass erst der Millionärsstatus jemanden vollwertig macht. Zumindest ist erst dann jemand wer, wenn er es «zu etwas gebracht» hat, was immer das auch ist. Entsprechend gross sind Neid, aber auch Respekt und Bewunderung der Nichtmillionäre für die Millionäre.

Dann stellt sich einem als Nächstes die Frage, wie man denn reich wird. Ein sicherer Weg dazu ist erben - sofern man in die richtige Familie hinein geboren wurde oder clever geheiratet hat. Es mit Arbeit zu versuchen ist hingegen völlig aussichtslos. Auch wenn uns ständig das Gegenteil eingetrichtert wird. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde noch niemand mit seiner Hände Arbeit reich. Mit Cleverness, Risikobereitschaft, Unverfrorenheit, Spekulation, bis hin zu Skrupellosigkeit, Gaunerei und Gier geht es sehr wohl, aber nicht mit Arbeit.

Den richtigen Weg zum reich werden schlägt derjenige ein, der sein Geld via Zins und Zinseszins für sich arbeiten lässt. Das setzt voraus, dass er genügend ansparen kann (Für einen gewöhnlich Sterblichen mit Familie wohl eine Utopie). Wenn es ihm auch noch gelingt, andere für sich arbeiten zu lassen, ist er auf dem Königsweg zum reich werden. In diesem Punkt hat der alte Marx mit seinem Mehrwert richtig beobachtet, auch wenn seine Therapie total in die Hose ging. Unser System, genannt Kapitalismus, sieht nun mal nicht vor, dass Arbeitende reich werden. Erst wer arbeitsloses Einkommen generieren kann, hat Aussicht auf Reichtum. Es stimmt halt schon. Jeder kann reich werden - aber halt nicht alle.

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung.

«Ein sicherer Weg dazu ist erben – sofern man in die richtige Familie hinein geboren wurde oder clever geheiratet hat.»

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Silvan Jampen 23.05.2017

Der Preis der zunehmenden Unfreiheit

Die Freiheit ist unter Druck. Dies gilt nicht nur in Ländern mit autoritären oder diktatorischen Regimes, die jüngst teilweise sogar scheinbar Erfolg haben und vermeintliche Stärke demonstrieren können. Nein, Sorgen bereitet, dass die Freiheit gerade in der aufgeklärten westlichen Welt an Achtung verliert, wo doch die Freiheit als das Wesensmerkmal und der machtvolle Antrieb unserer Gesellschaftsordnung gilt, die entscheidend zu unserer erfolgreichen Entwicklung beigetragen hat.

 

Seit Jahrzehnten übertragen die westlichen Gesellschaften zunehmend Aufgaben an den Staat. Die Erwartungen an harmonisierende und soli­darisierende Problemlösungen durch das Gemeinwesen sind riesig. Unzählige Bereiche unseres täglichen Lebens werden immer stärker von Regeln bestimmt, die gleichzeitig den verbleibenden Gestaltungsspielraum des Einzelnen einschneidend einschränken. Die Entwicklung ist graduell und dadurch kaum spürbar. Angeblich gute Gründe zur Problemlösung durch den Staat sind stets zur Hand: komplexere Wirklichkeiten, höhere Arbeits-und Aufgabenteilung, sich verschiebende Gesellschaftsstrukturen, Aufbrechen von Grenzen, Globalisierung, Individualisierung der Gesellschaft – von überall her erschallt der Ruf nach Regulierung, Schutz und Absicherung durch die staatliche Gemeinschaft.

Von der Qualität der Kindersitze bis zur bürokratischen Kontrolle der Swissness, von der moralin-getränkten Zähmung von Managergehältern bis zum Mikromanagement der Raum- und Bauordnung, von den Kosten der Gesundheits(über)versorgung bis zur paternalistischen Kontrolle von Kitas, von der anachronistischen Arbeitszeiterfassung mit der Stechuhr bis zur verteufelten Einwanderung. An Möglichkeiten der staatlichen Beeinflussung und Korrektur als unerwünscht taxierter menschlicher Entwicklungen mangelt es selbst in unserem Land nicht. All diese Regelungen tönen immer vernünftig und richtig, so dass «man» doch eigentlich nicht dagegen sein kann.

Das eigentliche Malaise dieser Vergemeinschaftung kann aber auch eine immer höhere Dichte an Regulierungen nicht beseitigen: Harmonisierte Standardlösungen können der mit lauter Einzelfällen gespickten Lebenswirklichkeit nicht gerecht werden. Ja, sie sind gar blind, wenn es darum geht, künftige Entwicklungen zu eruieren – zu überraschend läuft nämlich die Zukunft ab, wenn sie Gegenwart wird. Die scheinbar grenzenlose Übertragung von Verantwortung an das Gemeinwesen, der unbändige Machbarkeitsglaube staatlicher Regeln und Planung drohen den Staat zu überfordern. Die aktiv geschürte Anspruchshaltung macht es dem Individuum verständlicherweise schwer zu akzeptieren, wenn für ein Problem auf seinem Lebensweg keine Lösung zur Verfügung gestellt wird. Dies führt zunehmend zu Verdruss und Enttäuschung, welche grosse Teile der westlichen Bevölkerung am «System» zweifeln lassen.

Die Freiheit, dieser kraftvolle Antrieb des Individuums, sich selber weiterzuentwickeln, seine Freiheit auszuleben und Kreatives zu erschaffen, verliert an Schwung. Die wachsende Unfreiheit macht die Gemeinschaft insgesamt träge und letztlich reformunfähig. Dabei hängen die Lösungen für die grossen Herausforderungen unserer Zeit von der Kreativität freier Menschen ab und nicht von der Durchschnittsqualität vergemeinschafteter Planlösungen. Wenn die Menschen gefangen sind in Verlustängsten und Schwarzmalerei und das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft schwindet, wenn die «terribles simplificateurs» von ganz rechts und ganz links politisch an Einfluss gewinnen, dann sollten die Alarmglocken läuten.

Wir müssen wieder lernen, dass das Gemeinwesen nur die Ultima Ratio sein kann, uns Individuen von der Unbill des Lebens zu bewahren. Noch wird diese Freiheit allzu oft und in Verkennung der menschlichen Natur als «neo-liberales» Geschwätz lächerlich gemacht. Doch der politische und gesellschaftliche Preis der zunehmenden Unfreiheit steigt unaufhörlich.

 

 

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Claudine Brohy 18.05.2017

Les voix de la Kasbah

 

L

es voix et les sonorités d’une ville nous empreignent autant que les impressions visuelles. Ceci me frappe toujours dans les villes que je ne connais pas, surtout celles qui sont situées dans d’autres sphères culturelles, comme par exemple dans les pays de l‘Afrique du Nord. Les nombreuses cavités dans les vieilles bâtisses blanchies à la chaux de la kasbah, qui n’obéissent pas encore aux lois de l’occupation la plus rationnelle de l’espace, laissent des amples possibilités de nidification, et les martinets, en groupes de centaines d’individus, rasent les murs à une vitesse folle, on entend les battements de leurs ailes et leurs cris stridents si caractéristiques. Et là, au tournant d’une ruelle étroite, on entend les cliquetis réguliers sur les pavés irréguliers des sabots d’un âne qui tire une charrette dont une des deux roues grince. Tout à coup, comme venue de nulle part, la voix du muezzine appelant à la prière se fait entendre, le son enregistré distorsionne, le haut-parleur grésille et crépite, il est vite relayé par une autre mosquée, puis encore une autre. Au loin, un chien aboie lorsqu’un scooter passe en pétaradant. Je pense au petit livre «Les voix de Marrakech», écrit par Elias Canetti, prix Nobel de littérature en 1981, et ses délicieux tableaux sonores. Il n’y a pas seulement les animaux et les objets qui produisent des bruits, les voix des personnes se modulent dans un concert polyphonique. Le Maghreb et l’Orient nous présentent une grande variété de langues et de variétés linguistiques en contact. J’écoute discrètement deux hommes qui parlent d’une voix vive et enjouée tout en se touchant les mains et les épaules. Ils parlent l’arabe dialectal, mais leur communication est souvent entrecoupée de mots et d’expressions en français; cela me rappelle étrangement les conversations que nous avons à Fribourg. Mais les discours officiels, la religion et l’école utilisent l’arabe standard, appelé fusha, alors que les panneaux publicitaires affichent de plus en plus de dialecte, parfois mêlé au français ou à l’anglais, et que les jeunes utilisent très souvent le dialecte pour les SMS et les réseaux sociaux. Là aussi, la similitude avec la situation en Suisse alémanique est frappante. Mais le répertoire des Marocains ne s’arrête pas à des variétés de l’arabe et au français, héritage de la colonisation, on les entend aussi parler de l’amazighe, la langue des Berbères, parlée par environ 40 pourcent de la population marocaine et qui a son propre alphabet, et de plus en plus aussi l’anglais et l’espagnol qui concurrencent sérieusement le français. Les voix de la Kasbah sont vraiment polyglottes!

 

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitet sie in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tut Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

Gastkolumne

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