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Sus Heiniger 18.07.2019

Der Stuhl

«Ihr habt aber viele Stühle», sagte mal ein Freund unseres Sohnes, und er hatte nicht unrecht. Ich mag Stühle. Dabei bin ich gar keine Gernsitzerin, ich bevorzuge nämlich Stehen, Gehen, Liegen. Menschen, die tagelang in Büros sitzen müssen, habe ich immer bemitleidet, was passiert da mit einem Körper und Geist? Sind da gute Sitzgelegenheiten hilfreich?

 

Und jetzt ging ich über eine Brocante und sah einen Stuhl, einen ungewöhnlichen Stuhl, am Strassenrand. Mir schien, er war nur ein Teil von einem Ganzen und doch ganz. Ihm fehlte aber irgendwie ein Gegenüber … das ich, die Betrachterin, dann kurz wurde, überrascht und angezogen von diesem Objekt. Es war ein Beichtstuhl. Deshalb mein spontanes Gefühl, wo ist das Gegenüber, und dann auch die Faszination, ein Objekt so zweckentfremdet herumstehen zu sehen, ein Objekt, das eine andere Vorgeschichte gehabt haben musste, eine abgeschirmte, stille, intime, beschattete.

 

Verbraucht – durchgekniet, dachte ich – stand es auf kurzen vier Beinen mit bodennaher, verblichen gepolsterter Sitzfläche, will sagen Kniefläche, und einem ebenfalls gepolsterten Kästchen auf der Breite der Rücklehne für die Arme. Nicht katholisch erzogen, hatte ich meine ganz persönlichen Gedanken und Empfindungen zur freien Verfügung: Wessen Knie und Arme haben diese stabilen Polster gedrückt? Wessen Leiden und Nöte wurden auf diesem Stuhl an welches Gegenüber offenbart? Beim heutigen Wissen um Kirchengeschichte konnte ich nur wünschen, dass menschlich wertvolle Gegenüber diesen Stuhl willigen Beichtern zur Verfügung stellten.

 

Kirchenstühle widerspiegelten uns immer die Welt­hierarchien. Kirchenväter-Stühle zeigten doch sehr wohl, dass das Laiengestühl, die Sitzgelegenheit für Gläubige, auf tieferem Stand, einfacher und unbequem zu sein hatte. Verschiedene Throne von Kirchenfürsten kamen mir in den Sinn, die ich aus Filmen oder vom Lesen kannte, und der Stuhl, vor dem ich immer noch stand, erschien mir immer tiefer, und mir wurde mulmig. Ich beschloss, mal einen katholisch erzogenen Menschen zu den Stuhlgeschichten zu befragen – und ich beschloss, den Stuhl zu kaufen. Er kostete sozusagen nichts.

 

Jetzt hab ich diesen Stuhl und weiss nicht einmal, wie ein Beichtakt eigentlich vor sich geht. Den kindlichen Gedanken hatte ich als Mädchen auch – meine Cousinen und Cousins waren katholisch: Beichten ist praktisch, man bekommt alles Ungute verziehen und ist wieder nur okay, kann wieder loslegen. Ich für mich finde eine Selbstbefragung von Zeit zu Zeit etwas Nötiges, manchmal auch Lustiges und Interessantes, und sie wäre eigentlich nicht nur für Katholiken sinnvoll.

 

Jetzt habe ich diesen Stuhl, einen mehr, habe aber nicht die Absicht, ihn in irgendeiner speziellen Weise zu gebrauchen. Mal schauen, ob er sich den andern Stühlen von uns einpasst. Ich glaube, kein Möbelstück wurde begeisterter gefeiert, mit kaum einem andern Objekt haben sich Architekten und Designer so gern beschäftigt und auseinandergesetzt, wie mit dem Stuhl. So wurde er auch zum Industrieprodukt der Moderne. Und ich, begeisterte Stuhlliebhaberin, verfolge gern ab und zu neue Design- und Materialent­würfe. Stühle vermögen einem Arbeitsplatz wie einem Privatraum einen gewissen Status zu geben, das ist schnell erkennbar. Einen Stuhl entwerfen, heisst vielleicht auch eine Gesellschaft en miniature schaffen? Der berühmte Architekt der Moderne, Mies van der Rohe, hat gesagt: «Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer.»

 

Wir alle, tägliche Stuhlbenützer, sind anatomisch unterschiedlichster Art. Das heisst, wir wünschen uns eine für unsern Körper stimmige Sitzstütze. Das kann schon bald einer Art Lebensstütze gleichkommen, wenn wir mit einer Sitzgelegenheit körperlich und psychologisch zurechtkommen. Wenn Form und Materialien eine Verbindung schaffen mit uns als Benutzer, in emotionaler, intellektueller, ästhetischer, kultureller und vielleicht sogar in spiritueller Hinsicht. Da wir nicht mehr kauern oder hocken, sind wir für unsere Tätigkeiten essen, lesen, reisen, warten, mit Menschen kommunizieren, im Büro arbeiten eine totale Liaison mit dem Stuhl eingegangen. Ohne Stuhl funktioniert die Gesellschaft nicht mehr. Und wenn wir morgen kauern müssten?

 

Einen neuen Stuhl ­suchen wir uns aus, indem wir ihn ­be-sitzen, vor dem Kauf. Er sollte das Gewicht unseres Kopfes, den Oberkörper, das Becken und die Hüftknochen tragen und stützen, das scheint primär, doch eine grosse Bedeutung in unserer Gesellschaft gilt ja der Demonstration von Macht und Ansehen. Da stehen wir den Kirchenfürsten nicht viel nach. Ob ein tatsächlicher oder Möchtegern-Status, Stühle können gut dazu benutzt werden, das Ego zu stützen und Status zu demonstrieren. Feinste und schlechte Designs werden sicher weiterhin entworfen, und Ikonen wird es aus diesem oder jenem Grund geben.

 

Mein Beichtstuhl hat mich über Stühle und Gesellschaft nachdenken lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass er eine Ikone wird. Oder ist er das schon? Ob ich das positiv oder negativ sehen soll?

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

 

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Patrick Buchs 11.07.2019

Eine Ode an die Talentförderung

Spitzensport, der in seiner ultimativen Ausprägung mit Olympischen Spielen oder einem Champions-League-Final assoziiert wird, ist für viele Jugendliche ein Traum. Die Vorstellung, mit seinem Hobby Millionen zu verdienen, ist verlockend. Was viele aber nicht wissen: Der Schweizer Spitzensportler verdient im Durchschnitt weniger als 14 000 Franken pro Jahr. Dies ergab eine Studie der Eidgenössischen Hochschule für Sport im Jahre 2014.

 

In diesem Kontext sollte deshalb das Thema «Karriereplanung» für jeden Spitzensportler ein wichtiges Thema sein. Meiner Erfahrung nach wird es aber je nach Sportart mit äusserst unterschiedlicher Sorgfalt behandelt. Athleten, die in eher unpopulären Sportarten zu Hause sind und entsprechend wenig Verdienstmöglichkeiten haben, gehen das Thema Karriereplanung aus Eigeninteresse sehr proaktiv und professionell an. Nicht selten studieren diese Sportler «berufsbegleitend», absolvieren Praktika und sind dadurch quasi ab dem Tag 1 nach dem sportlichen Karriereende für die «normale» Arbeitswelt gerüstet.

In medienwirksamen Sportarten hingegen geht der Trend in die diametral entgegengesetzte Richtung. Oft wird direkt nach der obligatorischen Schulzeit vorbehaltlos auf die Karte Sport gesetzt. Dabei wird gerne ausgeklammert, dass die Wahrscheinlichkeit, vom Sport leben zu können, kleiner ist, als vom Tram überfahren zu werden. Es wird auch vergessen, dass das Opportunitätsfenster, um im Sport gut zu verdienen, mit zwischen 5 und 10 Jahren relativ kurz ist und bei weitem nicht reicht, um bis zur Pensionierung davon zu leben. Und je länger man von der Ausbildungs- und Berufswelt weg ist, desto schwieriger und zeitintensiver wird der Wiedereinstieg sein.

Wenn Sie nun aber denken, dass ich jungen Talenten und ihren Eltern abrate, auf die Karte Sport zu setzen, liegen Sie völlig falsch! Denn mittlerweile gibt es in der Schweiz professionelle Möglichkeiten, Ausbildung und Sport zu kombinieren – allerdings nicht im Kanton Freiburg …

Erhöhen solche Angebote, die Erfolgsaussichten? Ja. Sind solche Lösungen eine Erfolgsgarantie? Nein. Lohnt sich dieser Aufwand? Ja, weil wir damit unseren Kindern ein starkes Zeichen geben. Wir sagen ihnen, dass sie Träume haben dürfen, sie dafür aber etwas investieren müssen. Das wiederum stärkt ihre Eigenmotivation, ihre Selbstverantwortung und ihren Unternehmergeist – alles Eigenschaften, die später im Berufsleben gefragt sind. Meiner Erfahrung nach werden aus diesen erfüllten Talenten später oft dankbare und in­tegre Erwachsene. Diese Persönlichkeitsmerkmale wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ehrenamtlich engagieren und somit einen wichtigen Beitrag zum nachhaltigen Erfolg unserer Sportvereine leisten.

Schaffen wir also für unsere Talente – auch aus den Bereichen Kunst und Kultur – einen adäquaten Nährboden, denn sie werden es unserer Gesellschaft mehrfach zurückgeben!

Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Swiss-Olympic-­Trainer Spitzensport war zwischen 2003 und 2017 für verschiedene nationale Sportverbände tätig. Der ehemalige Düdinger Diskuswerfer war 2008 und 2012 als Trainer und Funktionär an den Olympischen Spielen tätig. Seit 2018 arbeitet er für Mercuri Urval im Bereich der Personal- und Organisations­entwicklung.

 

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Katharina M. Fromm 04.07.2019

Ferienwettervorhersage

Eine gute Kollegin erklärte mir neulich, dass sie, wenn sie in die Ferien fährt, immer alles Mögliche an Klamotten einpackt, denn sie wisse ja schliesslich nicht, was sie während der Ferien tragen möchte – also packe sie ungefähr dreimal so viel ein wie nötig und deutlich mehr als ihr Mann. Bei uns ist es umgekehrt, mein Mann hat eigentlich immer mehr Taschen und Koffer als ich, weil er alleine schon Unmengen an Büchern mitnimmt – und er weiss ja nie vorher, auf welches Buch er Lust haben könnte.

Meine Packstrategie ist so, dass ich die Wettervorhersage für die Ferienzeit sehr genau und auf mehreren Websites studiere, um für alle Even­tualitäten gewappnet zu sein. So viele Internet-Wetterdienste können nicht irren: erste Woche an der Ostsee zwischen 17 und 25 Grad warm und trocken, zweite Woche frischer mit Maximaltemperaturen um die 18 Grad, Wind und Regen. Entsprechend habe ich gepackt: «Frühlingsklamotten» für Woche 1 und lange Hosen, Shirts und Wollpullover für die zweite Urlaubshälfte. Schliesslich hatte ich noch in Erinnerung, wie es ein paar Jahre zuvor am gleichen Ort war: so kalt und nass, dass ich mir – ohne Witz – als Allererstes ein Paar warm gefütterte Schuhe und eine Daunenjacke gekauft habe. Die Tatsache, dass man diese Ausstattung mitten im Juli dort kaufen konnte, spricht für sich.

Entsprechend kamen noch zwei Kaschmirpullover, mehrere Paare warmer Wollsocken, die Vliesjacke, die besagte Daunen- und eine dicke Wolljacke ins Gepäck. Auch die wind- und regenundurchlässige Segeljacke musste mit. So ausgestattet ging es dann Richtung Norden.

Bei Ankunft tatsächlich wie erwartet: Tagsüber gerade so bei 20 Grad und steifer Ostwind. Ich war recht stolz, am Abend auf der Terrasse sitzen zu können, ausgestattet mit drei Lagen plus Daunenjacke. Am dritten Tag kam der nicht angekündigte Sturm mit Starkregen und setzte den Ort erst einmal kräftig unter Wasser, flutete Keller und knickte grosse Äste von den Bäumen.

An Tag 6 brach, wie ebenfalls nicht gemeldet, der Hochsommer aus. In meinem Koffer nur eine Short und wenige sommerliche T-Shirts. Auf den verschiedenen Wettervorhersagen im Internet war zu lesen, dass diese Hitzewelle die ganze zweite Ferienwoche andauern würde. Also spazierte ich in den Ort, um mich nach tropentauglichen Kleidern umzuschauen, mit mässigem Erfolg. Eine Tube Handwaschmittel – ich würde dann eben die wenigen T-Shirts durchwaschen müssen.

Die Überraschung folgte am nächsten Tag mit heftigem und vor allem äusserst frischem Nordwind. Also doch wieder Jeans, langärmeliges Shirt, Wollpullover und Jacke. Der Herbsteinbruch dauerte 36 Stunden, danach war der Hochsommer schon wieder zurück. Auch dieser Ausflug über die 35-Grad-Marke war nur von kurzer Dauer, und der nächste Tag brachte nun endlich die angekündigten 16 bis 18  Grad mit Bewölkung, Wind und Regentropfen für die restliche Zeit – endlich Lesezeit! Da darf es dann auch mal ein spannender Ostseekrimi sein, Texte von Karl Valentin oder Thomas Manns «Die Buddenbrooks» – passend zur Region. Auch der Review-­Artikel, den ich dieses Jahr für das Internationale Jahr des Periodensystems schreiben soll, kommt voran, genau wie diese Kolumne. Ist doch gut: Komme ich endlich in Ruhe zum Arbeiten! Und: Vom vorhergesagten Wetter glaube ich nichts mehr. Das passt noch nicht mal für die nächsten 24  Stunden.

Fake News oder Klimawandel? Ich mache es in Zukunft wie die Kollegin: alles für alle Eventualitäten einpacken, von Schnee bis Tropenhitze – man weiss ja nie! Schliesslich hat es in Guadalajara, Mexiko, auch gerade einen Hagelsturm gegeben, und in England und Schweden baut man immer mehr (recht guten) Wein an …

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gustav 27.06.2019

Ein Tag im Leben eines Vaters im Zeitalter der Gleichberechtigung

Es hatte alles mit dieser Sonnencrème angefangen. Ich im Pyjama am Computer, eine Mail an die FN schreibend (Liebe Carole, sorry, ich bin mal wieder zu sp...), da schubste mich eine enervierte, gestresste, adrett gekleidete, teuer duftende und nach wichtigen Terminen aussehende Frau am Küchentisch in den Rücken: «Hände auf! Hier eine Handvoll Sonnencrème (pflatsch), Kinder einstreichen, Picknick machen für die Jungs, mit der Kleinen baden gehen, ich komme spät nach Hause (Schmatz)!» Bamm, Türe zu. Frau weg.

Sohn 1: «Ich will keinen Schinken.»

Sohn 2: «Wo sind meine Socken?»

Sohn 1: «Papi, ich will Salami!»

Sohn 2: «Wo ist mein T-Shirt?»

Sohn 1: «Hau ab, Bro!» Zack, eins in die Rippen des Bruders, der schreit auf und kreischt, als ob er bei lebendigem Leib ausgeweidet würde.

Sohn 1: «Hallo – ich WILL keinen Schinken!»

Sohn 2: «Uaaahhhhhgggggrrrrhhhh.»

Sohn 1: «S-a-l-a-m-i.»

Sohn 2: «Wo sind meine Schuhe?»

Prinzessin: «Paaaapi, parat für gaz bade.»

«SO, FERTIG JETZT! Alle antreten! Einer-Kolonne! Der Grösse nach. Zack, Zack!» Ich schmierte die Kids mit der Sonnencrème ein, fertig, basta.

Die Meerjungfrau und ich gingen in die Badi. «Papi, da hat ein Hund ins Wasser gemacht». Mit aufgerissenen Augen spuckte ich das Wasser aus dem Mund, versuchte, den Gägu von uns fernzuhalten, und erklärte der Wasserfee, dass es keine Hunde in der Badi habe, sondern viele Kleinkinder, und dass wir jetzt und sofort und subito gehen müssten. Das folgende Drama lässt sich so zusammenfassen: Geschrei, Geplärr und Gejammer, bis eine dürre Helikoptermutter dazukam und von der aufgelösten Schrei-Nixe wissen wollte, ob der Mann neben ihr (also ich) sie misshandeln täte.

Um 16 Uhr kamen die beiden Touristen von ihren Schulreisen zurück. Gegrillt, erschlagen, fies und unterzuckert. Nachdem ich die zerdrückten Salami- und Schinken-Sandwiches aus den Tiefen ihrer Rucksäcke herausgekratzt, die angefressenen und angefaulten Äpfel entsorgt und die unberührten Rüebli und Gurken zurück in den Kühlschrank gelegt hatte, fütterte ich die Jungwölfe wie Stopfenten – danach war kurz mal Ruhe im Stall. Zvieri abgeräumt, heimlich einen Schluck Bier genehmigt, kurz 1, 2 Mails beantwortet, da kam dieser Anruf aus Zürich:

«Hallo Gustav, hier ist Michi von SRF, wir wollen mit dir …»

«Papi, wo ist meine Magnum-­Nerf?»

«Psst, ich bin am Telefon, siehst du das nicht!»

«… diese Musiksendung …»

«Papi, Ich habe Durst!»

«Bitteee, könnt ihr nicht schnell kurz ruhig sein, Mann!!!»

«… eh, diese Musiksendung zusammen mit ….»

«PAAAAAPI, er will mich wieder erschieessen – Uuuurraaghhhuuuu.»

Meine Güte...

«… Gustav, hallo, hallo, bist du noch da?»

Nachtessen. Stimmung mies. Wasser und Brot, ­Rüebli, Gurken, zerdrückte Sandwiches. Schnaps für alle. «Wir räumen ab, Papi», «Willst du noch ein Sandwich?», «Papi, willst du noch einen weiteren Hektoliter Bier?», «Wann kommt Mami heim?» Ja, wann kommt die endlich heim, herrgottnochmal? Muss ich denn alles alleine machen hier, oder was? Verdammter Stress. Und jetzt noch alle ins Bett tun, ich drehe gleich durch. Ich schaffe das nicht. Ich kann nicht mehr ….

«Papi, deckst du mich zu?» Natürlich mein Sohn.

«Ich hab dich lieb.» Ich dich auch, mein Krieger.

«Erzählst du mir die Geschichte vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat?» Natürlich, Prinzessin.

Als die erschöpfte, aber trotz des stressigen Tages immer noch eigentlich ganz froh gelaunte, teuer duftende und ­adrett gekleidete Frau nach Hause kam, lag eine friedliche Stille über dem Haus. Die Kleine schlief wohlig mit ihren Plüschtieren im Dornröschenbett, die Söhne lagen eingewurstelt in ihren kuscheligen Superheldendecken und der Ehemann lag wie eine Leiche auf dem Sofa und träumte vom nächsten Tag, der aus Stress und wichtigen Terminen bestand – ein Tag zum Erholen, also.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Franz Engel 13.06.2019

Alter

Da ich nun schon bald 70  (siebzig) geworden bin bzw. sein werde, steht es mir zu(?), vermeintlich Kluges über das Alter, das alt werden, das alt sein zu verkünden. In der wohl irrigen Annahme, dass dies irgendjemand interessieren könnte.

Ich bin meinem Schicksal aufrichtig dankbar für dieses doch beachtliche Stück Leben, und ich freue mich auf jeden Geburtstag, der noch kommt. Traurig, so richtig traurig, werd ich erst, wenn dereinst keiner mehr kommt. Trotzdem könnte ich auf einige, offenbar unvermeidbare, Begleiterscheinungen des «Älterwerdens» durchaus verzichten:

Kniegelenke, die mich täglich daran erinnern, dass ich mal (erfolglos) Fussball spielte, und als direkte Folge der fehlende Meniskus die Arthrose grosszügig unterstützt. Ein Herz, das unregelmässig schlägt, vielleicht weil die Ersatzklappe von einem Schwein(!) stammt. Die Hyperaktivität der bekannten Vorsteherdrüse, die als einziges Organ überzeugt ist, im Alter noch wachsen zu müssen und so regelmässig zu unfreiwilligen nächtlichen Spaziergängen zwingt (Vorsteherdrüse: deutsch für Prostata). Das Gehör, die Augen, sie werden zunehmend müde und gleichzeitig werden meine «inneren Werte» immer wichtiger (Leber-, Zucker- und Cholesterinwerte). Und dann ist da noch was, das ebenfalls unwiderruflich schwächelt (nein, nein, nicht «das», was Sie jetzt vielleicht denken), es ist, beinahe hätt ichs vergessen, das Gedächtnis! Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, auch hier ist der Abbau merklich oder unmerklich im Gange. Namen verschwinden und Neues geht so schnell verloren, wie es aufgetaucht ist. Es scheint, als bekomme die Aussage «Namen sind Schall und Rauch» (Goethe) im Alter eine neue Bedeutung.

Neulich las ich einen schonungslosen Artikel über Nervenleitungen im Gehirn, die altersbedingt zunehmend langsamer werden, neurale Vernetzungen, die statt Verbindungen zu knüpfen, im Niemandsland enden. Die Folge: Komplexes Denken wird immer schwieriger. Was solls, fürs Fischen und Pilzesuchen reicht das noch lange. Auch schöne Musik, ein gutes Essen, ein guter Wein, alles noch da. Es hindert uns auch nicht, unseren Mitmenschen liebend zu begegnen. Denn die fundamentalen Fähigkeiten des «Mensch-Seins», lieben und geniessen, sind davon kaum betroffen.

Ungemütlich wird dieser «cerebrale Abbau»(von cere­brum, das Hirn) aber bei Menschen von «grosser Wichtigkeit». Ich denke z.B. an durchaus verdiente Politiker, die sich mit zunehmendem Alter für unersetzlich oder gar unfehlbar halten und graue Haare mit grauen Hirnzellen ver­wechseln. Die Tragik liegt da­rin, dass auf dieser Ebene nicht selten weitreichende Entscheide getroffen werden, mit Konsequenzen für viele, in der Regel «andere». Weil aber gerade in der Politik komplexes Denken unabdingbar ist bzw. sein sollte, aber ausgerechnet diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter kontinuierlich abnimmt, flüchtet man sich in unanständige Vereinfachungen und kompensiert fehlende Kompetenz nicht selten mit Lautstärke. Und wer Nachrichtensendungen oder politische Diskussionen mitverfolgt, kann quasi live beobachten, wie von ehemaliger Brillanz nur noch Altersstarrsinn übrig bleibt. Wir dürfen dies aber nicht verallgemeinern, es gibt Ausnahmen: Menschen, die ihre geistigen Fähigkeiten im Alter länger bewahren; andere scheinen vorzeitig zu altern.

Dabei kann «alt sein» durchaus schön sein: Die Kanten sind abgeschliffen, die Spitzen stumpf und verletzen niemanden mehr. Die grosse Verantwortung in Beruf und Gesellschaft konnte man ab- und weitergeben. Du musst nichts mehr beweisen. Jeder Tag gehört dir und du entscheidest, wie du ihm begegnest. Für deine Enkelkinder bist du das Grösste, und du geniesst die Zeit, gerade weil du fühlst, dass sie endlich ist.

PS: Trotz aller Gelassenheit im Umgang mit dem Alter bin ich plötzlich verunsichert und zögere, wenn in der Tiefgarage die Ausfahrt mit «Exit» angeschrieben ist, und sind Wahlen angesagt, so erledige ich meine vaterländische Pflicht mittels Briefwahl und vermeide konsequent den Gang zur (Wahl-)Urne.

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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Andreas Kempf 06.06.2019

Die Königsdisziplin Marathon

Die Königsdisziplin des Laufsports, der Marathon, führt über eine Distanz von exakt 42,195 Kilometern. Die Vermutung liegt nahe, dies sei die Distanz zwischen dem griechischen Städtchen Marathon, das als Namensgeber fungiert, und der Hauptstadt Athen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Als im Jahre 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen erstmals ein Marathon veranstaltet wurde, war diese Laufdisziplin gänzlich unbekannt. Die Strecke des längsten Laufwettbewerbs im olympischen Programm sollte schlicht und einfach an die Legende erinnern, die besagt, dass der Meldeläufer Pheidippides im Jahre 490 vor Christus vom Schlachtfeld bei Marathon nach Athen geeilt war, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Nach der Überbringung der Botschaft «Wir haben gesiegt!» brach Pheidippides tot zusammen. Ob die Geschichte stimmt, ist historisch nicht belegt. Nichtsdestotrotz legte sie den Grundstein zu den heute populären Marathonveranstaltungen und inspirierte wahrscheinlich auch die Legende des Murtenlaufs.

Die Laufstrecke von Marathon nach Athen betrug damals, 1896, nur etwa 40 Kilometer. Vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Paris, absolvierten die Läufer eine Distanz von 40,2 Kilometern. In der Folge wurde bei Austragungen von Marathonläufen kein Wert auf eine genaue Streckenvermessung gelegt. Es wurden zwischen 38,5  und 41 Kilometern gelaufen, je nach den örtlichen Gegebenheiten. Das war auch im Jahre 1908 noch so, als die Olympiade in London stattfand. Das Organisationskomitee legte ursprünglich vom Ziel im White City Stadium aus eine Marathondistanz von 25  Meilen fest, was rund 40,2  Kilometern entspricht. Auf royalen Wunsch hin wurde die Strecke um eine Meile und 385 Yards verlängert, da der britische Hochadel den Start von einem Fenster im Windsor Palast aus beobachten wollte und das Rennen genau vor der königlichen Ehrenloge im Stadion beendet werden sollte. Durch diese Änderung betrug die Distanz für die Läufer 42,195 Kilometer, was in den Folgejahren von immer mehr Marathonveranstaltern übernommen wurde. Daraufhin beschloss der Internationale Leichtathletikverband im Mai 1921, diese Streckenlänge offiziell in den Regeln als Marathondistanz festzuschreiben.

Der Marathon kann also einerseits als Königsdisziplin bezeichnet werden, weil es die längste olympische Laufstrecke ist; andererseits wird die Bezeichnung auch der royalen Vergangenheit zur Bestimmung der heute gültigen Streckenlänge gerecht.

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf schreibt als FN-Gastkolumnist regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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23.05.2019

Die Zaubertaste

Sind Sie auch schon aufgewacht, und alles war klar? Mit einem Text im Kopf, in schlafloser Nacht gedanklich bis ins Detail formuliert. Sie müssen ihn nur noch aufschreiben und dann ausdrucken. Also nichts wie weg und ab ins Büro. Endlich kommen Sie an: Eingang, Treppe, Tür, Tisch, Computer. Sie drücken auf «Power on» – der Computer blinkt, piepst und knistert. Sie werden unruhig und möchten loslegen. Der Computer lässt sich Zeit. Sie wünschen sich erstmals wieder Ihre Hermes Baby zurück, die hellgrüne Schreibmaschine von einst. Oder die klobigere Remington. Da konnte man einfach hinsitzen und loshämmern.

Aber hier wird nicht gehämmert. Hier wird zuerst hochgefahren. Das braucht seine Zeit. Dann wird es schwarz auf dem Bildschirm, dann weiss, dann farbig – und schon erzählt Ihnen der Computer, was alles er gerade so tut. Was hochgefahren wird und was ausgeführt. Wenn Sie irgendetwas zuletzt wissen wollen, dann das. Sie wollen nur eines: hinsitzen und schreiben. Mit dem Sitzen ist der Computer einverstanden; mit dem Schreiben nicht. Er motzt Sie vielmehr an, Sie hätten gestern das Programm nicht richtig beendet. Sie gestehen alles. Der Computer ist unerbittlich und lässt Sie wählen zwischen «Weiterfahren» und «Beenden». Nicht wissend, was beendigendenfalls alles verschwindet, sind Sie für «Weiterfahren». Der Computer nicht. Mittlerweile stehen Sie. Dafür haben sich Ihre nächtens gedeichselten Formulierungen gesetzt. Der Computer fragt, ob Sie das Passwort ändern wollen. «Nein!», schreien Sie, «schreiben will ich.» Der Kasten tut keinen Wank. Dann piepst er erneut. Kann der Kerl nicht wenigstens schweigen? Weder die Hermes noch die Remington haben jemals mit Ihnen gesprochen, Fragen gestellt. Und überhaupt, Sie mögen keine Möbel, die reden. Dann, nach einem kurzzeitigen Einfrieren des Schreibprogramms, ist es so weit: Der Bildschirm ist frei, Sie dürfen an die Arbeit! Aber noch bevor Sie das erste Wort schreiben, ist der Text weg. Vergessen und verschwunden. Sie können denken, bis Sie kochen: Der Kopf ist leer, der Plan ausgelöscht. In Ihrem Kopf hat sich ein irreparabler Datenverlust zugetragen.

Dabei läge am Bildschirm das leere Dokument endlich offen vor Ihnen, wie ein unberührter Schneehang. Sie aber sind sprachlos. Der Computer fragt, ob Sie speichern wollen. Nein, natürlich nicht! Was denn auch? Sie können sich an nichts mehr erinnern. Seit morgens um sieben haben Sie Ihr Bestes gegeben, und trotzdem alles verloren. Der Text aller Texte ist nicht mehr da. Sie können sich an rein gar nichts mehr erinnern. Nicht an den glasklaren Aufbau, nicht an die eleganten Formulierungen und nicht einmal mehr an den brillanten Geistesblitz, der Ihre Karriere nach Monaten des Misserfolgs doch noch gerettet hätte. Denn Sie haben Ihren Chefs versprochen, spätestens heute einen wahren Geniestreich abzuliefern. Und jetzt diese Blamage!

Es bleibt nur eines: den Job freiwillig aufgeben und auswandern – am besten ins Silicon Valley. Denn soeben ist Ihnen eine noch genialere Erfindung in den Sinn gekommen. Eine rote Taste, ganz zuvorderst auf der Tastatur jedes Computers. Eine Taste für Millionen von Menschen mit einem Text im Kopf, den sie noch rasch aufschreiben wollen, bevor der Computer sie so lange anödet, bis die Idee sublimiert. Sie haben auch schon einen Namen dafür: «Shut-up-Taste». Ein Druck auf diese Zaubertaste, und schon schweigt der Computer. Sie dürfen einfach hinsitzen und schreiben. Wie früher mit der Hermes Baby. Und sobald alles aufgeschrieben ist, drücken Sie ein zweites Mal auf den menschenfreundlichen roten Knopf und gehen nach Hause. Erst jetzt darf der Computer all seine Sorgen loswerden. Er darf Passwörter checken und Mortem-Protokolle erstellen, Gigabytes zählen, Clipart-Funktionen einfügen, Papierstaus mit Klebeetiketten arrangieren und fragen, ob Sie wirklich alle Programme schliessen wollen. Er darf fortfahren, linksbündig zentrierte Blocksätze durch das Suaheli-Rechtschreibeprogramm rauschen zu lassen und Ihnen ins Ohr quaken, wenn er damit fertig ist.

Vergessen wir nicht: Computer sind auch nur Menschen. Die Verwandlung in eine simple Schreibmaschine verletzt ihre Gefühle. Es gehört zu den Computerrechten, dass jedes Gerät mit seinen Anwendern spielen darf. Das soll auch so bleiben. Aber dank der Shut-up-Taste (der kleinen, roten, ganz zuvorderst) dürfen Sie vorher Ihr Tagwerk tun. Jeden Morgen drücken Sie hurtig auf den Zauberknopf, schreiben nieder, wofür Sie eigentlich angestellt sind, und lassen die Technologie erst nachher tun, was sie nicht lassen kann. So behalten die Computer ihre Meinungsäusserungsfreiheit, und für Millionen Menschen ist morgens um sieben die Welt wieder in Ordnung. Auf diese Idee hat die Welt gewartet. Den Ausführungsplan haben Sie schon fixfertig im Kopf. Sie müssen ihn nur noch aufschreiben.

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann und Lehrbeauftragter an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat und Bundespräsident Kaspar Villiger. Daniel Eckmann war als Torhüter 95-facher Handball-Internationaler und ist Mitglied der Swiss Olympic Academy. Er wohnt und arbeitet in Murten.

Gastkolumne

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Beat Brülhart 16.05.2019

Schwarmdummheit und Schwarmintelligenz

Wer schon einmal einen Ameisenhaufen beobachtet hat, ist fasziniert von der Geschäftigkeit dieser kleinen Kerle. Sie produzieren und konsumieren wie die Weltmeister, Tag für Tag, und pflanzen sich ärger fort als Karnickel. Und trotzdem haben sie keine Abfallprobleme, schaden der Umwelt nicht und leiden nicht an Überbevölkerung. Allem Anschein nach schaffen sie es, intelligenter zu wirtschaften als die Krone der Schöpfung.

Woran das liegt? Als Individuen sind wir einer Ameise haushoch überlegen. Auf der Ebene des Kollektivs haben wir trotzdem das Nachsehen. Ameisen zeichnen sich durch Schwarmintelligenz aus, Menschen leiden unter Schwarmdummheit. Während sich aus der individuellen Beschränktheit der Ameisen Schwarmintelligenz entwickelt, entwickelt sich aus individueller, menschlicher Intelligenz Schwarmdummheit. Erst gemeinsam sind wir richtig doof.

 

Im Laufe der Geschichte haben wir eine ganz besondere Spezialität entwickelt. Wir haben uns ein System geschaffen, welches die individuelle Intelligenz zur Grundlage eines kollektiven Irrsinns macht. Innerhalb dieses Systems treffen wir Entscheidungen, welche wir als klug, intelligent und vernünftig ansehen, die aber im Ganzen gesehen von gigantischer Dummheit sind.

Materiell wachsen zu wollen ist aus individueller Sicht durchaus verständlich, im Kollektiv führt unbegrenztes Wachstum zur Zerstörung der Lebensgrundlagen. Möglichst billige Produkte zu kaufen mag rational und vernünftig scheinen, führt aber letztlich zu gnadenlosen Preiskämpfen, in denen es nur armselige Verlierer gibt.

Oder man nehme das Prinzip der Obsoleszenz, welches uns schnurstracks in die Wegwerfgesellschaft führte. Obsoleszenz meint, dass Hersteller ihren Produkten möglichst kurze Lebenszyklen verpassen, damit sie möglichst rasch obsolet, «hinfällig» werden und durch neue – meist nicht bessere – ersetzt werden sollen. Das hält den Laden in Schwung und füllt die Kassen. Ob Handys, Computer, Automobile, Kaffee- und Waschmaschinen, Uhren und Kleider, lange lebe die Kurzlebigkeit. Das mag betriebswirtschaftlich clever sein und führt zu traumhaften Umsätzen. Gleichzeitig aber zu Abfallbergen, die an Hirnrissigkeit kaum zu übertreffen sind, Recycling hin oder her.

Obsoleszenz und deren hirnlose Befolgung durch die Masse ist ein Musterbeispiel für fehlende Schwarmintelligenz und ausgeprägte Schwarmdummheit. Keinem einzelnen Menschen käme es in den Sinn, unter Lebensgefahr wertvolle Rohstoffe zu gewinnen, um sie dann in kürzester Zeit in wertlosen Müll zu verwandeln. Nur in der Masse sind wir blöd genug, solche Verhaltensweisen an den Tag zu legen.

Es wird langsam Zeit, umzudenken. Radikal. Es reicht nicht, Umweltschäden zu reduzieren. Weniger ist noch lange nicht gut. Der Mensch bleibt trotz «öko» Schädling. Nützlinge müssen wir werden und die dazu notwendigen Systeme entwickeln. Die Intelligenz dazu hätten wir. Eigentlich …

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Hubert Schaller 09.05.2019

Keine Angst vor Widersprüchen

Wenn Sie einen ungeliebten Menschen beleidigen wollen, dann werfen Sie ihm einfach Widersprüchlichkeit vor. Das wirkt auf die meisten so, als wären sie nicht ganz dicht, als hätten sie irgendwo ein Leck. Ich hatte auch lange Angst davor. Jetzt nicht mehr. Ich habe mich mit der Widersprüchlichkeit versöhnt. Mehr noch, ich bin zu einem Freund des inneren Widerspruchs geworden.

 

So bin ich zum Beispiel grundsätzlich dafür, den Privatverkehr aus den Innenstädten zu verbannen, ärgere mich aber eben so grundsätzlich, wenn ich einmal vergeblich einen Parkplatz suche. Die heutige Massentierhaltung erinnert mich an ausgeklügelte Foltermethoden, aber beim magischen Wort Cordon bleu auf der Speisekarte fällt meine Tierethik wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mein Leben ist ein einziges Minenfeld von Widersprüchen. Ein drastisches Bild für einen, der zur Gewaltlosigkeit neigt, ich weiss. Da sehen Sie, wie weit die Widersprüchlichkeit in mir schon gediehen ist.

 

Als Freund des inneren Widerspruchs bin ich allerdings in guter Gesellschaft. Einstein, Jahrhundertgenie und Pazifist, behandelte seine Frau wie ein Widerling. Jean Jacques Rousseau, Verfasser eines grandiosen Erziehungsromans, steckte seine eigenen Kinder aus Überforderung in ein Waisenhaus. Nietzsche, der die Frauen mit der Peitsche zähmen wollte, bekam vor der schönen Lou Salomé weiche Knie. Milos Forman entdeckte im Jahrhundertgenie Mozart einen vulgären Kindskopf.

Wenn wir schon dabei sind: Was ist mit dem heiligen Niklaus von Flüe? Fügt dem bevölkerungsarmen Stand Obwalden zehn Kinder hinzu und verschwindet kurzerhand von der Bildfläche. Und – als ob er im Wettkampf der Widersprüchlichkeiten unbedingt auf dem Siegespodest stehen wollte – spricht Papst Pius XII zu Rom nicht etwa die im Stich gelassene Dorothea Wyss heilig, die sich für die kinderreiche Familie abrackerte, sondern den kauzigen Einzelgänger aus dem Ranft.

 

Lauter sympathische Querköpfe, werden Sie jetzt denken. Aber aufgepasst, es gibt auch eine schwarze Liste der Widersprüchlichen: Hitler war bekanntlich Vegetarier (was sein Biograf Robert Payne allerdings mehr auf Verdauungsbeschwerden als auf die Tierliebe des Führers zurückführte). Stalin, der über 20  Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte, liess sich von Mozarts Klavierkonzert in d-Moll zu Tränen rühren. Ach so, Sie möchten lieber aktuellere Beispiele. Also gut, nehmen wir Trump, diesen Spitzensportler der Widersprüchlichkeit. Ach nein, den lassen wir lieber, sonst käme ich mit meiner Aufzählung an kein Ende. Denn eigentlich wollte ich Ihnen ja bloss erklären, warum ich dazu neige, mich immer wieder mit meinen eigenen Widersprüchen zu versöhnen.

Ganz einfach, weil es kein Leben ohne Widersprüche gibt. Weil wir Menschen nicht ohne sie auskommen, die Genies ebenso wenig wie die Spiesser, die Heiligen ebenso wenig wie die Massenmörder. Deshalb sollten wir es aufgeben, sie stets bei andern, nur nicht bei uns selbst zu suchen. Das heisst nicht, alle Widersprüche zu dulden oder gar mit ihnen zu kokettieren. Es heisst nur, dass der Widerspruch zur Grundverfassung des Menschen gehört. Dass die meisten von uns weder Engel noch Teufel sind, sondern ­etwas dazwischen, und dazwischen klafft der ungeheure Abgrund der Widersprüchlichkeiten. Um es in der hellsichtigen Sprache von Michel de Montaigne zu sagen: «Ich habe auf der ganzen Welt bisher kein ausgeprägteres Monster und Mirakel gesehen als mich selbst.»

 

Herbert Wehner, ein sozialdemokratisches Urgestein, wurde einmal während eines Votums im Deutschen Bundestag von einem Gegner daran erinnert, dass er unlängst genau das Gegenteil behauptet habe. Wehner, von diesem Vorwurf unbeeindruckt, soll lapidar geantwortet haben: «Auch die politische Opposition kann nicht verhindern, dass ich jeden Tag gescheiter werde!»

Widersprüche nicht um alles in der Welt verleugnen oder verdrängen zu wollen, sondern sie auszuhalten und daraus eine Haltung zu entwickeln, halte ich für ein Zeichen menschlicher Reife. Sie können es meinetwegen widersprüchlich nennen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig zu selbst gewählte Themen.

 

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Silvan Jampen 02.05.2019

Die Umwelt schützen – aber wie?

Das Thema Umweltschutz wird heiss diskutiert. Die weltweite Arbeitsteilung, die in unserem Alltag angekommene Globalisierung und die komplexer werdenden Wirkungszusammenhänge haben die Welt zusammenrücken und gleichzeitig die Individuen von der Wirklichkeit entrücken lassen. Wer im wahrsten Sinne des Wortes aus dem letzten Jahrhundert stammt, kennt in der Regel noch so banale Dinge wie Licht löschen, Essensreste verwerten, Reparieren statt Wegwerfen: Sie waren ein oft bewusst wahrgenommener, jedenfalls bekannter Teil des Alltags. Man tat dies auch, weil es einem der gesunde Menschenverstand gebot, selbst wenn man wusste, dass das eigene Tun nur einen kleinen Beitrag leistete. Man tat es, weil es richtig war.

Vergleicht man diese Haltung mit dem Verhalten in unserer heutigen Konsumgesellschaft, scheint das Bewusstsein des eigenen Beitrags zurückgegangen zu sein. Umweltschädliches Verhalten wird mit Vorzug beim anderen diagnostiziert und Lösungen von der anonymen Masse der Gesamtgesellschaft erwartet. Angesichts des gesellschaftspolitischen Hickhacks von Schuldzuweisungen und Glaubensbekenntnissen legt sich der Diskurs selbst lahm und kapituliert die Lösungsfindung vor den ohnehin unlösbar erscheinenden Herausforderungen. Die Auswirkung davon ist eine Umweltpolitik, die undurchschaubar geworden und gleichzeitig wenig wirksam geblieben ist: Selbst unser Land verfehlt absehbar die gesteckten Ziele.

Positiv fällt auf, dass Jugendliche anfangen, die Verbindung zwischen Individualverhalten und Umweltauswirkungen wieder herzustellen. Hier bietet sich eine ­einmalige Chance: Ohne Beitrag jedes Einzelnen wird sich auf unserem Planeten nämlich nichts ändern.

Auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft beziehungsweise der Politik sollte man die Chance nutzen, und zwar zum Entrümpeln bisheriger Ansätze, die offensichtlich die in Sonntagsreden geäusserten Ansprüche nicht erreichen. Die von der FDP durchgeführte Mitgliederbefragung liefert einige interessante Erkenntnisse. Man scheint zu ahnen, dass es klarere Regeln braucht im Sinne weniger, aber wirksamer Verbote. Selbst in unserem Kanton – das Energiegesetz wurde unter anderem auch wegen des Verbots von Elektrospeicherheizungen abgelehnt – dürfte die Erkenntnis gereift sein, dass es beispielsweise angesichts der Alternativen im Bereich der Gebäudeheizung wenig verständlich ist, weshalb schädliche Heizsysteme künftig nicht einfach verboten werden. Zum Vergleich: Wer kann sich erinnern, wie nach längerer Diskussion Abgas-Katalysatoren für neue Fahrzeuge beschlossen wurden? Das war in den 1980er-Jahren. Niemand wird heute behaupten, dies habe sich als Fehler erwiesen.

Gezielte Verbote würden letztlich die wirksameren Anreize setzen, erneuerbare Energien konsequenter zu nutzen, als der unübersichtliche Dschungel schlecht wirkender Subventionen. Ein besonders eindrückliches Beispiel der verfehlten Subventionitis liefert die Fotovoltaik: Heute tragen Sanierungshypotheken privater Banken zu Tiefstzinsen und die Steuerabzüge wohl entscheidender zum Ausbau dieser Anlagen bei als Subventionen, die notabene bis zu zwei Jahre nach getätigter Investition ausbezahlt werden. Öffentliche Gelder sollten nur noch fokussiert dort eingesetzt werden, wo keine privaten Investoren vorhanden sind.

Vielleicht ist es Zeit, neue Denkansätze und vor allem andere Anreize in der Umweltpolitik zu testen. Dabei sollte die Berechen- und Voraussehbarkeit für die Bürger und die Wirtschaft im Vordergrund stehen: Wenige, wirksame Verbote wären diesbezüglich sinnvoller als die gegenwärtige Subven­tions- und Umverteilungsbürokratie. Eine bessere strategische Gesamtsicht, höhere intellektuelle Aufrichtigkeit und eine fokussiertere Zielorientierung wären nötig, damit die Politik den Vorstellungen mündiger Bürger bezüglich Umweltschutz gerechter wird.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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