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Hubert Schaller 07.12.2017

Von schwierigen Erwachsenen und ausgebrannten Kindern

Ich habe gelesen, dass Burn-out bei Kindern und Jugendlichen in alarmierender Weise zunimmt. Die psychiatrischen Notfälle haben sich in den letzten Jahren vervielfacht und damit auch die Suizidgefahr. Das zwingt mir wieder einmal eine Korrektur meines Weltbildes auf. Bis jetzt habe ich Burn-out als Zivilisationskrankheit betrachtet, von der vornehmlich überarbeitete Manager, nervenflattrige Börsenmakler oder allzu idealistische Lehrpersonen betroffen waren. Dass jetzt offenbar schon Kinder ausgebrannt sein können, verstört, denn für mich gibt es keinen traurigeren Anblick als ein unglückliches Kind. Ja, hatten denn diese Kinder vor dem Ausbrennen überhaupt Zeit, für etwas ein richtiges Feuer zu entwickeln?

 

Fachleute machen unsere leistungsorientierte Gesellschaft, ehrgeizige Eltern, ein überbordendes Freizeitangebot, ständiger Vergleichsdruck, die Sozialen Medien, und was der Zeiterscheinungen mehr sind, für das Problem verantwortlich.

Da haben wir über Jahrzehnte die Schulen hochgerüstet mit Frühförderung, pädagogischem Stützunterricht, Psychologen, Logopädinnen, Sozialarbeitern, Mediatorinnen – und jetzt das! Statt dass sich die Kids optimal betreut fühlen, fragen sie sich, was denn mit ihnen nicht stimmt. Da haben wir das Sport- und Freizeitangebot unserer Teenager jedem noch so ausgefallenen Bedürfnis angepasst, und jetzt fallen die reihenweise in eine Depression! Noch nie wurde der Erziehungsmarkt mit so vielen Ratgebern, mit Erziehungsliteratur und Super Nannys überschwemmt – ja, liest und beachtet denn überhaupt jemand dieses Zeugs?

Ich finde das alles ein bisschen irre, aber es passt gut zu unserer widersprüchlichen Gesellschaft. Schliesslich feiern wir ja auch alle Weihnachten, obwohl die meisten nicht so richtig an Gott glauben, ärgern uns vom Auto aus über verstopfte Strassen oder wundern uns über die Antibiotikaresistenz, während wir gleichzeitig frischfröhlich das Fleisch von Tieren essen, denen systematisch Penizillinspritzen verabreicht wurden. Ganz ernst kann man uns also nicht nehmen.

Doch zurück zum Thema: Die Erfindung der Kindheit als eine Lebensphase, die den Wert in sich selber trägt, geht auf das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Vorher wurden Kinder als defizitäre Erwachsene betrachtet, die so schnell wie möglich aufs Erwachsensein getrimmt werden sollten. Das geschah am besten dadurch, dass man Kinder arbeiten liess wie Erwachsene, dass man sie kleidete wie Erwachsene und ihnen das Sozialverhalten von Erwachsenen einhämmerte. Aber nicht einmal Gras wächst schneller, wenn man an ihm zieht – man reisst es höchstens aus.

Dass Kinder als Kinder und nicht bloss als zukünftige Erwachsene ein Existenzrecht besitzen, dieser Gedanke ist also erst ein paar Hundert Jahre alt. Aber es sieht ganz danach aus, als würden alle unsere Anstrengungen darauf hinauslaufen, unsere Kinder entweder erneut in die Zwangsjacke von Erwachsenen zu stecken oder aber sie systematisch am Erwachsenwerden zu hindern. Manchmal auch beides zugleich. Die minutiösen Beurteilungsbogen, mit denen die Leistung unseres Nachwuchses schon vom Kindergarten an im mathematischen Denken, in den sprachlichen Fähigkeiten, im Sozialverhalten und so weiter erfasst und codiert wird, «erinnern eher an ein Assessment für einen Managerposten als an die Wertschätzung für einen Dreikäsehoch», gibt Matthias Meili in der Zeitung «Tages-Anzeiger» zu bedenken. Und wenn Eltern der Lehrperson unverhohlen mit der Peitsche oder mit dem Anwalt drohen, weil diese den Genius ihrer Tochter oder ihres Sohnes verkennt, dann fördern sie damit nicht die natürlichen Anlagen ihrer Kinder, sondern ihren Narzissmus und ihre Versagerängste. Vielleicht möchten Kinder auch einmal bloss geliebt statt immer nur gefördert werden. Und genau so wichtig kann es für sie sein, ab und zu auf die Nase zu fallen und von selbst wieder aufzustehen, statt von einem Dutzend Händen aufgefangen und sofort wieder aufgerichtet zu werden.

Der Ruf nach Psychiatern, Antidepressiva und Ritalin ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Lasst Kinder endlich wieder Kinder sein! Was sie wirklich brauchen, hat Goethe in zwei Worten zusammengefasst: Wurzeln und Flügel.

Noch Fragen?

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung in diesem Sommer unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Gastkolumne 30.11.2017

Vollkasko-Mentalität überwinden

Die Wertpapieraufsichtsbehörde der EU (Esma) hat Mitte November vor «ICO» gewarnt. Sie machte erhebliche Risiken aus, meinte, ICOs seien rechtlich nicht geregelt, anfällig für Betrug und für widerrechtliche Aktivitäten. Wer investiere, warnte die Esma, sei typischerweise nicht genügend informiert, könne sich nicht so leicht von seiner Investition trennen und gehe das hohe Risiko eines Totalverlustes ein.

ICOs, Initial Coin Offerings, sind eine neue Entwicklung im Bereich virtueller Währungen. Sie sind eine innovative Art, öffentlich Geld aufzunehmen. «Coins», also Münzen oder eben Währungen, werden insbesondere von jungen Unternehmen ausgegeben, um neben der Geldaufnahme gleichzeitig auf sich und das zu finanzierende Projekt aufmerksam zu machen. Als Gegenleistung dafür, dass jemand investiert, werden Gewinnanteile, Mitbestimmungsrechte und andere Vorteile versprochen.

Die Wertpapieraufsichtsbehörde hat mit ihrer Warnung das Offensichtliche festgehalten, denn die erwähnten Risiken dürften jedem bekannt sein, der sich mit ICOs befasst. Immerhin hat sie vorerst bloss vor Risiken gewarnt; andere Länder haben ICOs gleich gänzlich verboten. Nach einer solchen behördlichen Warnung ist allerdings eine Regulierung durch die Politik in der Regel nicht weit. Die EU-Behörde wollte zweifellos die Bürger davor abhalten, etwas Unbekanntes auszuprobieren; sie will die Bürger diesem Risiko nicht aussetzen.

Warum gibt es überhaupt Leute, die auf diesem Weg versuchen, Geld aufzunehmen? Weshalb gibt es Menschen, die dabei auch noch mitmachen und investieren? Das sind doch alles unnötige und unnütze Risiken in einer Welt, die eh schon im Überfluss lebt. Da besteht doch nur die Gefahr, dass die Menschen übers Ohr gehauen werden und etwas verlieren könnten.

Die Gesellschaften in den sogenannt entwickelten Ländern erachten Risiken zunehmend als grundsätzlich schädlich. Die Vollkasko-Mentalität greift in vielen Lebensbereichen um sich, und zwar nicht nur da, wo es unmittelbar ums Lebendige geht. In der Arbeitswelt, der Altersvorsorge, dem Gesundheitswesen, dem Bankwesen, dem Kinderhaben, der Globalisierung und so weiter – überall wird es als höchstes zu erreichendes Ziel angeschaut, vor der Unbill des Lebens verschont zu werden.

Aber ohne Risiken geht es nicht, das hat uns die Evolution gelehrt. Das Eingehen von Risiken gehört zur ersten Stufe der Fortentwicklung der Menschheit. Risiken äussern sich nicht von vornherein darüber, ob sie sinnvoll sind oder unnütz, ob sie trotz Materialisierung irgendwann und irgendwie zu etwas Gutem führen, oder ob das unter Risiken eingegangene Ziel eventuell gar nie erreicht wird. Wir verspüren heute vor allem in den Gesellschaften der entwickelten Welt eine wachsende Unruhe über Ausweglosigkeit, Ohnmacht, Stillstand in so vielen Belangen. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass wir verlernt haben zuzulassen, Neues zu wagen, Gefahren einzugehen und Ungewissheiten zu erforschen. Wir sind in vielen Lebensbereichen im wahrsten Wortsinne risiko-feindlich geworden. Risiken eingehen bedeutet nämlich das Gegenteil von sich durch den Staat oder die Gemeinschaft vor den Unwägbarkeiten der Zukunft absichern zu lassen, wie dies heute zu oft zuoberst auf der Agenda von Politikern steht, die wiedergewählt werden wollen.

Risiken als unabdingbare Voraussetzung für Erneuerung und Weiterentwicklung müssen wieder stärker akzeptiert, ja sogar wertgeschätzt werden. Sonst untergraben wir das Fundament unseres erarbeiteten momentanen Wohlergehens. Risiken sollen wieder vermehrt ganz bewusst zugelassen, und nicht präventiv flächendeckend durch Politik und Regulierung ausgeschaltet werden. Zeit für sinnvolle Regulierung – wenn dann überhaupt reguliert werden muss – bleibt in den allermeisten Fällen genügend, nachdem man Erfahrungen mit eingegangenen Risiken gemacht hat. Lassen wir also Innovatoren aufbrechen, in neue Bereiche vorstossen, den Pionier-Bonus holen, der in Gewinn, Ruhm oder einfach bloss dem Gefühl besteht, als Erste dabei gewesen zu sein. Und sei es nur, indem wir mit ICOs etwas Geld riskieren.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

Kolumne

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Daniel Wegmann 23.11.2017

Ausgerechnet Robinien!

Vor knapp drei Monaten ist meine Forschungsgruppe in ein neues Gebäude umgesiedelt, einen schicken Holzbau, erbaut als temporäre Lösung für die kommenden dreissig Jahre. Seither kämpfen wir mit den typischen Kinderkrankheiten solcher Neubauten. Das hochintelligente Gebäude entscheidet zum Beispiel selber, wann und wo das Licht brennt, wobei es sich streng nach physikalischen Gesetzen richtet und nur ausnahmsweise auf unsere Tätigkeiten Rücksicht nimmt. Auch blockiert es wegen der Frostgefahr die Storen bei Temperaturen unter sechs Grad. Zum Glück hatte ich meine Ende Oktober noch hochgezogen! Immerhin wurde an den Fenstern der Herrentoiletten kürzlich ein Sichtschutz angebracht. Jetzt ist zwar die Aussicht beim Wasserlassen etwas getrübt, dafür ist die Arbeitsmoral in den Labors gegenüber merklich gestiegen.

Getrübte Aussichten zeichnen auch unsere Büros aus, denn das Gebäude verkörpert das Versprechen des Kantons zu verdichtetem Bauen exemplarisch. So sind die giftig-grellen Wände des Korridors das einzige Grüne, das wir von unseren Arbeitsplätzen aus sehen. Um den ökologischen Fussabdruck der Universität zu minimieren, nehmen wir das jedoch gerne in Kauf, und erfreuen uns jetzt umso mehr an all den Bäumen und Sträuchern in der Umgebung. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn schräg vor dem Gebäude steht ein Essigbaum (Rhus typhina) und gleich um die Ecke, entlang der Berufsfachschule an der Giessereistrasse, steht eine Reihe Falscher Akazien (Robinia pseudoacacia), auch Robinien genannt. Ausgerechnet Robinien!

Ich bin von Natur aus ein toleranter Mensch (Homo sapiens), sogar was des Nachbarn Kreativität und Gestaltungswut im Garten angeht. Aber Essigbäume und Robinien! Sollten Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, meinen Unmut nicht nachvollziehen können, möchte ich anmerken, dass Robinien und Essigbäume auf der Schwarzen Liste der invasiven Arten stehen und der Bund für Letztere sogar ein Freisetzungsverbot verhängt hat.

Invasive Arten oder Neobiota sind gebietsfremde Arten, welche sich jedoch sehr schnell verbreiten und dabei die heimische Biodiversität bedrohen. Viele der invasiven Pflanzenarten wurden einst gezielt als Gartenpflanzen oder Parkbäume eingeführt, oft weil sie im Vergleich zu lokalen Arten pflegeleichter sind. Die meisten stellen kein Problem dar. Einige fühlen sich aber leider bei uns so wohl, dass sie sich auch ausserhalb der Gärten und Pärke verbreiten, und im schlimmsten Fall grosse Flächen mit ehemals lokaler Flora überwuchern.

Diese Invasoren richten neben ökologischem oft auch erheblichen ökonomischen Schaden an. Der aktuell am meisten gefürchtete Neophyt in der Schweiz ist das harmlos klingende Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), welches im Englischen zu Recht ragweed oder Fetzenkraut geschimpft wird. Dieses führt nicht nur zu grossen Ernteausfällen speziell beim Anbau von Soja und Sonnenblumen, sondern stellt wegen seines hochallergenen Pollens auch ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Die Bekämpfung solcher invasiven Arten ist sehr kostspielig: So investiert die Schweiz zum Beispiel jährlich rund eine halbe Million Franken, um invasive Goldruten (Solidago canadensis und Solidago gigantea) aus Flachmooren zu entfernen.

An der Universität Freiburg befassen sich weltweit führende Forscherinnen und Forscher mit invasiven Arten. Eine Gruppe sucht zum Beispiel nach Strategien, um die Verbreitung des Traubenkrautes einzudämmen. Eine andere versucht, besser zu verstehen, was invasive Arten von solchen unterscheidet, die zwar bei uns eingeführt, aber nie invasiv werden. Die Hoffnung dabei ist es, in Zukunft gefährliche Arten frühzeitig zu erkennen. Wie wichtig eine solche Früherkennung ist, hat auch die offizielle Eidgenossenschaft erkannt, die mit der Parole «Früh erkennen – sofort handeln» die Behörden auf Kantons- und Gemeindeebene dazu anhalten will, invasive Arten gezielt zu bekämpfen.

Noch besser als Bekämpfen ist es aber, Neobiota gar nicht erst einzuführen, und schon gar nicht zu pflanzen. Mit der Entscheidung vor fünf Jahren, entlang der Route de la Fonderie ausgerechnet Robinien zu pflanzen, hat Freiburg eine Chance verpasst, genau wie beim verdichteten Bauen auch im Bereich der invasiven Arten beispielhaft vorzugehen. Daher mein Vorschlag: Bitte bei der nächsten Gelegenheit auf einheimische Arten setzen, um so auch zwischen den verdichteten Bauten den grösstmöglichen ökologischen Mehrwert zu schaffen.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

 

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Sus Heiniger 16.11.2017

Eine Sekunde Ewigkeit

Um einen Eindruck von «Ewigkeit» zu bekommen, erzählten wir uns ab und zu die Geschichte vom kleinen Vogel mit dem winzigen Schnabel:

Alle 1000 Jahre komme er zum höchsten Berg der Erde, um dort an dessen Spitze seinen Schnabel zu wetzen.

Wenn dann eines Tages der ganze Berg abgewetzt sein würde, sei eine Sekunde der Ewigkeit vorbei. Beliebig erhöhten wir die Zahl der Jahre des Wetz-Rhythmus, um der Ewigkeit noch mehr Unermesslichkeit zu geben.

Vor mehr als drei Jahrhunderten stand da ein Hügel, etwas ausserhalb der Stadt Paris, sein Name war «Stern», Butte de L’Etoile. Viele Jahre lang war auf seiner Anhöhe ein grosser achteckiger Platz angelegt. Ein Jahrhundert später entstand die Idee, den alten Strassen ein ausgeglicheneres Gefälle zu geben. Auf Vorschlag des Bauinspektors des Königs wurde der Sternen-Hügel um fünf Meter abgetragen. Mit dem Aushub wurden die Champs-Élysées aufgeschüttet. Es entstand der gross angelegte runde Platz, der Place de L’Etoile.

Man dachte auch da an ein ewiges Reich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.

Wenn Architekten heute fantastische, grossartige Gebäude aufstellen, sind diese womöglich nicht für die Ewigkeit gebaut, doch wer mag schon daran denken, beim Betrachten solcher Kunst- werke?

Als die Erde noch selbstverständlicher aus Freiplatz und Raum zu bestehen schien, konnten Fachleute – welche Freude, welche Arbeit – den Bau ganzer Städte planen. Daran musste ich denken, als ich kürzlich in Paris auf eine hohe Terrasse stieg.

So oft bin ich schon in dieser kunstvoll angelegten Weltstadt herumgegangen, kenne viele Ecken und staune immer wieder über geniale Anlagen von Architektur und Ingenieurwesen, bin aber noch nie auf der Plattform des Arc de Triomphe gestanden. Dieser Triumphbogen steht auf dem Place de l’Etoile, also auf dem abgetragenen Hügel. Und dieser Triumphbogen, der die Siegesgier von Napoleon verewigen soll, erschien mir immer als zu armee- und kriegsgetränkt, was wohl der Grund ist, dass ich ihn nur aus der Froschperspektive betrachtete.

Die Jahreszeiten wandern durch die Stadt, die Lichter gestalten ihr Ansehen, Paris beginnt manchmal in der Luft, ich wollte dem Herbsthimmel entgegengehn – wenn ich ein Vogel wär – diesmal dazu auf den Arc de Triomphe steigen.

Unten im Bogen erwartet einen die Ewigkeit, es brennt die traurige Flamme für die Erloschenen. Die Flamme, «die Ewige», symbolisiert die Erinnerung an die unbekannten Gefallenen, in Kriegen für Frankreich. Den Gedanken nahm ich mit auf den Stufenweg nach oben zur Plattform des Arc, obwohl ich die Rundsicht auf die wunderschöne Stadt wieder einmal sehen wollte und nicht in Kriegshistorie ertrinken.

Und es erwartete mich die Wucht der Schönheit!

Am klaren, leuchtenden Herbstabendhimmel segelten Wolkenkähne, wie auf einer Pariser Flagge die Seine-Schiffe – unten gerade und flach, oben gebauscht – und zu meinen Füssen lag der Stern, das enorme Strassenbild. Zwölf Avenuen laufen aus dem Rund des Platzes in jede Himmelsrichtung. Der Autostrassenverkehr ist aus meiner Vogelperspektive spielerisch leichtrollendes Karussell.

Der abgetragene Hügel ist sanftes An-und Absteigen der Sternstrassen. Heute heisst dieser Platz Charles-de-Gaulle-Etoile und ist ein Meisterwerk der Grossstadt-Verkehrsführung.

Da stand ich dann eine halbe Ewigkeit und schaute auf Stern und Himmel, Architektur und Baukunst, fand die Menschen wiedermal genial und vergass für eine Weile die unbekannten Toten unten im Hügel. Im Moment waren wir Stadtbetrachter die Übriggebliebenen.

Die Strahlung von unten, die Strahlung von oben, hat diese Stadt etwas Ewiges? Ich weiss, dass es nicht so ist, auch wenn alle Mauern des Arc de Triomphe «Sieg» heissen wollen.

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Gastkolumne 09.11.2017

Gisch a Gruess!

I

ch tu es. Sie tun es. Wir alle tun es: Grüsse ausrichten lassen.

Ich weiss nicht, wie viel Tausend Grüsse ich schon hätte ausrichten sollen, doch ich weiss, dass ich vermutlich mindestens die Hälfte davon vergessen habe. Geht es Ihnen auch so? Letzthin habe ich mich von einem Kollegen verabschiedet, und der meinte: »Grüss deine Frau von mir.» Natürlich hatte ich es, bis ich zu Hause war, vergessen.

Und wenn ich es einmal nicht vergesse und den Gruss tatsächlich ausrichte, so sagt der Empfänger zwar artig Danke, doch ansonsten nimmt er es meist ziemlich gleichgültig zur Kenntnis.

Deshalb kommen bei mir immer öfter Fragen hoch wie: Ist der auszurichtende Gruss mittlerweile nicht einfach nur noch eine Floskel? Und vor allem: Ist dieser Gruss überhaupt noch zeitgemäss in Zeiten, in denen man einen Gruss per WhatsApp oder E-Mail doch bequem selbst und erst noch gratis ausrichten könnte (wenn man es damit denn auch wirklich ernst meint)?

Ich habs ausprobiert: Nachdem ich diese Gedanken hatte, habe ich das nächste Mal, als ich jemandem einen Gruss mitgeben wollte, den Impuls unterdrückt und ihn stattdessen per WhatsApp dem Empfänger direkt geschrieben. In meiner Mitteilung stand lediglich: «A Gruess.» Und was kam zurück?

«Merci» und ein fröhliches Smiley.

Es funktioniert also auch per WhatsApp. Die Person hat sich offenbar darüber gefreut, ähnlich also, wie wenn ich den Gruss wie gewohnt hätte ausrichten lassen. Soll man also nun in Zukunft darauf verzichten, einen Gruss mitzugeben, und stattdessen eine WhatsApp-Nachricht schicken?

Nein, mit Sicherheit nicht. Beides soll und darf heutzutage aber Platz haben. Ein WhatsApp-Gruss (probieren Sie es doch einmal aus) wäre vielleicht mal etwas erfrischend Neues, während der traditionelle Gruss deshalb noch längst nicht ausgedient haben muss – im Gegenteil.

Der altmodische Gruss ist und bleibt nämlich ein Zeichen der Aufmerksamkeit, mit dem man eigentlich viel mehr als nur einen Gruss ausrichtet. Man will damit doch auch sagen, dass man die zu grüssende Person schätzt und dass man an sie denkt; dass man jemanden aus deren näheren Umfeld getroffen und dabei an die gegrüsste Person gedacht hat. Zudem liefert er meist auch gleich ein pfannenfertiges Gesprächsthema mit, denn die gegrüsste Person erkundigt sich doch meist, wo und bei welcher Gelegenheit man den Absender des Grusses denn getroffen habe und wie es ihm geht.

Und genau deshalb ist diese Art von Gruss eben doch nicht überholt, denn er ist ein wohltuend langsames Zeichen der Wertschätzung der zu grüssenden Person gegenüber in dieser schnelllebigen Zeit der Instant-Nachrichten.

So lasst uns weiterhin fleissig grüssen und Grüsse ausrichten (und zwischendurch auch einige ohne schlechtes Gewissen auszurichten vergessen).

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Patrick Buchs 02.11.2017

Chancen und Gefahren der Olympischen Spiele 2026 in der Schweiz

Am Mittwoch 18. Oktober 2017 hat der Bundesrat informiert, dass er die Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 unterstützen will. Bundesrat Parmelin sagte, dass die Olympischen Spiele eine grosse Chance für den Sport, den Tourismus, die Wirtschaft und die Gesellschaft seien. Es wurden 8 Millionen Franken für die Kandidaturphase gesprochen, und eine weitere Milliarde Franken wurde gesprochen, falls die Schweiz im Oktober 2019 vom IOC den Zuschlag erhalten sollte.

Kaum wurde diese Medienmitteilung veröffentlicht, startete in den verschiedenen sozialen Medien eine äusserst kontroverse Diskussion. In Anbetracht der vielen finanzpolitischen Herausforderungen wie z. B. die Sanierung der AHV und der Pensionskassen oder die stetig steigenden Gesundheitskosten, kann es dem «einfachen» Steuerzahler paradox vorkommen, wenn sich der Bundesrat mit einer Milliarde Franken für die Olympischen Spiele engagiert. Obwohl ich ein glühender Verfechter der Olympischen Spiele bin, kann ich diese Bedenken verstehen, zumal immer wieder äusserst negative Schlagzeilen rund um die Olympischen Spiele die Runde machen.

Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass sich das «Risiko» Olympische Spiele lohnt, weil es ein einmaliges Impulsprogramm für unser Land ist – auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der eine Anonymisierung unserer Gesellschaft zu beobachten ist, finde ich Projekte, die die soziale Kohäsion fördern, besonders wichtig. Leider ist die gesellschaftliche Wirkung von Olympia aber nicht in Franken kalkulierbar – meiner Meinung nach aber enorm viel wert!

Der Kanton Freiburg, als potenzieller Ausrichter olympischer Eishockeyspiele, hatte schon unlängst seine Unterstützung für die Olympiakandidatur in der Höhe von 500 000 Franken kundgetan (siehe FN vom 14.12.2016). Nach der nun auch formell ausgesprochenen Unterstützung des Bundesrats, wird der Freiburger Staatsrat aller Voraussicht nach die Olympischen Spiele 2026 in sein neues Legislaturprogramm aufnehmen. In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass der Staatsrat neben der finanziellen Unterstützung auch konkrete Massnahmen zur Sportentwicklung im Kanton verabschiedet. Meiner Meinung wäre es nämlich wichtig, dass bereits aus der Kandidaturphase ein konkreter Mehrwert entstehen würde.
Der Staatsrat könnte damit ein starkes Zeichen setzen, weil der Kanton trotz eines allfälligen Neins zu Olympia 2026 von der Kandidatur profitieren würde.
Patrick Buchs kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

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Gustav 19.10.2017

Ich habe die Schnauze voll

 

L

asst mich endlich mal in Ruhe!» oder «Non de blö wa detschö!» oder «F***************ck!!!!!» Solche und weit schlimmere Tiraden über mein Leben schreie ich ab und zu in mich hinein. Manchmal so laut, dass man sie auch ausserhalb der Hülle hört. «Wo ist dieser Knopf, um diese herzlose Höllenmaschine abzustellen?»

 

Problem eins ist: Hat man sich durch alle Knöpfe durchgedrückt, bleibt am Schluss nur noch: Stecker ziehen! So wie es all die Rentner mit ihren Computern machen, wenn da wieder so ein Kästchen mit allerhand Kauderwelsch aufpoppt. Problem zwei: Hat man den Stecker endlich mal in der Hand, läuft diese gottlose Maschine trotzdem weiter! Kein Reset, Neu von Anfang an, alles ist wieder gut: «Huere chrüz gopfertami gopfertelli no as mau!» – Ihr wisst schon, was ich meine … man nervt sich.

Ich habe vor einigen Monaten alle Knöpfe gedrückt plus den Stecker gezogen. Yes! Kurz tief einatmen, innehalten, die Ruhe mit allen Poren aufsaugen – denn beim Ausatmen greifen die Zahnräder ja schon wieder ineinander. Ich habe mich drei Tage lang geweigert auszuatmen. Drei Tage Kloster Hauterive. Ein Lavabo, ein Bett, ein Fenster, der Christus schief an der Wand, ein Stapel Blätter, ein Bleistift, ein Gummi, ein Spitzer (und in der Schublade heimlich ein Bier). Kopf und Herz aus mir hinaus, das Bier in mich hinein geleert und einen Stapel Blätter vollgekritzelt.

Geläutert und entschlossen, das Leben anders anzugehen, habe ich nach drei Tagen wieder ausgeatmet. Die Zahnräder der Höllenmaschine begannen wieder zu drehen – aber nicht quietschend wie vorher. Ich habe einige Zahnräder ausgewechselt, andere rausgerissen, die wichtigsten gut geölt. Ich habe nicht die Maschine komplett umgebaut, nur ein neues Betriebssystem installiert: Gustav 2.0

Die ersten Wochen und Monate musste ich fast täglich da und dort Schrauben anziehen. Hier war etwas locker, da quietschte etwas vor sich hin, überall gab es etwas zum Nachjustieren. Doch nun, heute, an diesem herrlichen Oktobertag läuft die Maschine «wie geschmiert», wie der Mech sagen würde. Über 80 Anmeldungen für die erste Ausgabe der Gustav Akademie – das verschlägt mir die Stimme. Ich könnte vor Freude juchzen wie eine Horde Sennen beim Alpabzug!

 

Ich kanns nicht leugnen, so eine Veränderung ist nichts für Angsthasen, man muss schon die richtige Salbe in der Schublade haben, um all die Schürfwunden zu pflegen. Aber hey, jede Beule verheilt mal. Und wir wissen ja, die Maschine läuft auch mit offenen Knien weiter. Aber solange man auf ihr drauf sitzt und nicht unter ihr liegt, ist das okay. Und wenns mal wieder zu quietschen anfängt und das Gefluche aus dem zu eng geschnürten Kragen quillt – Stecker ziehen, einatmen und ab ins Kloster, Bier saufen.

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Katharina M. Fromm 12.10.2017

«Semesterferien» und ein Chemie-Nobelpreis für die Schweiz

 

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tudieren macht Spass: Während zwei Mal 14 Wochen geht man zur Uni, der Rest des Jahres heisst im Jargon «Semesterferien». Das klingt doch nach einem leichten Leben, sowohl für die Studierenden wie auch deren Lehrer, die Professoren und Assistenten.

 

In dieses Klischee passt die Szene neulich beim Arzt. Ich habe es nämlich geschafft, mir mitten im schönsten Sommer, während besagter Semesterferien, das Bein zu brechen. Prompt fragte mich der Arzt, ob ich eine Krankschreibung benötige, wo doch eh «Ferien» sind. Ich habe dankend abgelehnt, denn es gab viel zu tun mit hochgelegtem Bein: Publikationsmanuskripte mit Forschungsergebnissen erstellen beziehungsweise korrigieren und/oder bei Journalen einreichen, ein Forschungsprojekt schreiben, die Forschung anleiten und einen Übersichtsartikel fertig schreiben – nur die Fachkonferenzen mussten dieses Jahr zwangsweise ausfallen.

In der Tat ist die vorlesungsfreie Zeit diejenige, während der man sich voll dem zweiten Zweck einer Universität widmen kann, nämlich dem der Forschung. Eine Universität ist nämlich laut Statuten eine «Bildungs- und Forschungsstätte von allgemeinem und spezialisiertem Wissen …». Und so wird an der Universität Freiburg neben den Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen auch das ganze Jahr über fleissig geforscht. Es ist wichtig, junge Lernende, die Doktoranden, in diese Forschung einzubeziehen. Denn nur so lernen sie, mit dem ungewissen Neuen umzugehen, mit den tollen Überraschungen, die uns die Forschung liefert, aber auch den dazugehörigen Frustrationen. Denn wenn etwas nicht so klappt wie geplant, steckt manchmal eine kleine Entdeckung dahinter. Und schliesslich lernt man ganz allgemein, wie man (neue) Lösungen auf Fragen aus dem Alltag findet. Die Konfrontation mit dem Unbekannten und dessen Erforschung macht aus Lernenden schliesslich kreative und innovative Köpfe – die, auf die die Schweiz stolz sein kann und die mithelfen, dass die Schweiz in Sachen Innovation international kompetitiv bleibt, was wiederum auch der Wirtschaft zugutekommt.

Am 4. Oktober 2017 wurde der Chemie-Nobelpreis an den Schweizer Biophysiker Jacques Dubochet sowie zwei weitere Kollegen verliehen. Er erfand in den 1980er-Jahren eine wichtige Methode, wie man Biomoleküle so einfrieren und analysieren kann, dass sie ihre Gestalt nicht verlieren und intakt bleiben. Auf die Frage eines Journalisten, ob es denn nun durch den Nobelpreis für die Forschung mehr Geld gebe in der Chemie, ist zu sagen, dass es bei uns keine Sieg- oder Torprämien gibt wie im Fussball. Dennoch sieht man an diesem Nobelpreis deutlich mehrere Faktoren, die eine gute Grundlagenforschung ausmachen: 1. Forschung ist sowohl geografisch wie auch fachlich grenzüberschreitend und international; 2. Es lohnt sich, in wissenschaftlichen Nachwuchs zu investieren; 3. Um Grundlagenforschung zu betreiben, braucht man Ausdauer und Zeit – die Ernte der daraus erwachsenden Früchte erfolgt oft erst nach Jahrzehnten; 4. Gute Forscher gibt es an allen Schweizer Hochschulen. Ich wage daher die Prognose, dass dieser Nobelpreis nicht der letzte für die Schweiz gewesen ist. In diesem Sinne: Frohes und erfolgreiches Forschen!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Franz Engel 05.10.2017

Unser täglich Brot

H eute stelle ich Ihnen eine Frage, verbunden mit einer nicht allzu schwierigen Aufgabe. Lesen Sie die unten stehende Liste sorgfältig durch, und dann beantworten Sie folgende Frage: Wo befinde ich mich?

Blei (Pb), Quecksilber (Hg), Cadmium (Cd), Caesium (Cs, radioaktiv), Aluminium (Al), Nitrat (HN03), Captafol, Dioxin und Dioxin-ähnliche (PcB), Chloramphenicol, Furazolidon, Fipronil, Glyphosphat, Tributylzinn, DDT, Trichloraethylen, Pentachlorphenol, Benzol, Lindan, Antibiotika. BSE, Salmonellen, Campylobacter, Listeriose.

Lassen Sie sich ruhig Zeit ... Ich helfe ein bisschen nach: Ich sitze nicht im Studienzimmer und büffle für die Maturaarbeit das Periodensystem der Elemente. Ich bin nicht in eine geheime Chemiewaffenfabrik der CIA oder des KGB eingedrungen, es ist auch kein Inventar aus Frankensteins Giftküche, nein, ich stehe an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts und habe, da ich heute Abend Gäste erwarte, grosszügig eingekauft. In meinem Einkaufswagen befinden sich: Fleisch, Poulet, Fisch (Süsswasser- wie auch Meerfisch, inklusive Zuchtlachs), Milch, Käse, Eier, Honig, Gemüse, Salat, Pilze und Früchte, Babynahrung inklusive Milchpulver (für die Enkelkinder), Kaffee in Kapseln, sauber verpackt.

Und jetzt kommen wir zur Aufgabe: Ordnen Sie die verschiedenen chemischen Substanzen den entsprechenden Esswaren zu (Mehrfachkombination möglich). Ja, ich mag übertreiben, und doch, alle diese Substanzen kamen und kommen zum Teil immer noch in unseren Lebensmitteln vor, in der Regel geschützt durch amtlich festgelegte Grenzwerte, die wohl eher einer gewissen Hilflosigkeit entsprechen, oder aber, viel schlimmer, ganz bestimmten Interessen dienen, letztlich mit unabsehbaren Folgen für unsere Gesundheit, denn die Natur kennt keine Grenzwerte. Und daher ist auch immer wieder erstaunlich, dass bei entsprechenden Veröffentlichungen rasch amtlich besoldete Mediensprecher (nicht selten legitimiert durch einen weissen Kittel) zur Stelle sind und steif und fest behaupten, dass für die Gesundheit der Bevölkerung keine akute Gefährdung bestehe, da ja die Grenzwerte eingehalten wurden. Das ist nicht gelogen, und doch, die jeweiligen Aussagen beziehen sich immer nur auf die gerade «aufgedeckte» Substanz, niemand fühlt sich für die Summe verantwortlich, kaum jemand kümmert sich um die Auswirkungen einer chronischen Vergiftung.

Der Fortschritt hat halt seinen Preis und macht auch bei der Herstellung von «Lebensmitteln» nicht halt, mag man sagen. Dabei geht es aber schon lange nicht mehr um eine genügende Versorgung der Bevölkerung, es geht auch hier wie in anderen Industriezweigen um gewinnbringende Produktion, möglichst günstig, möglichst viel, und das scheint ohne massiven Einsatz von «Chemie» nicht möglich.

Und doch stelle ich mir die Frage: Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren? Wie kann jemand so krank sein, dies mittels Grenzwerten zu legalisieren? Und dann kommt noch die Ausrede, dass es so schlimm gar nicht sein kann, da ja die Leute immer älter werden. So ein ausgemachter Blödsinn, genau um das geht es ja, gerade weil wir älter werden, kommen diese chronischen Vergiftungen überhaupt erst zum Tragen, unter anderem eben auch als Krebserkrankungen, und das ist auch im Alter nicht etwas, was wir uns wirklich ­wünschen.

Und jetzt? Was tun? Ist alles wirklich so schwarz? Findet nicht da und dort ein Umdenken statt? Doch, das gibt es, und dieses Umdenken lässt hoffen und verdient es von allen, von dir und mir, unterstützt zu werden. Und haben wir auch den Mut, unsere Politiker in die Verantwortung zu nehmen, und messen wir sie an ihren Taten ...

Ich wünsche allen, die jetzt am Herd stehen oder vielleicht schon am Tisch sitzen: «Vo Härze a Gueta!»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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«Was zum Teufel haben diese zum Teil extrem gefährlichen Gifte in unserem Essen, auf unseren Tischen verloren?»
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Andreas Kempf 28.09.2017

Berlin, Berlin

 

B

erlin scheint für mich ein gutes Pflaster zu sein. Im Frühjahr 2016 konnte ich in der deutschen Hauptstadt die Limite für die Europameisterschaften sowie den Freiburger Rekord im Halbmarathon unterbieten. Nun gelang mir am vergangenen Sonntag an selber Stätte trotz teilweise windigen und regnerischen Verhältnissen das gleiche Kunststück äusserst knapp auch über die doppelte Distanz.

 

In 2:19:22 Stunden verbesserte ich bei meinem Marathon-Debüt den Kantonalrekord, welcher fast 25 Jahre lang von Jean-François Cuennet gehalten wurde, um 13 Sekunden. Zudem erfüllte ich somit auch den Richtwert von Swiss Athletics (2:19:30) für die Leichtathletik-Europameisterschaften im August 2018. Zusammen mit einer gewissen Portion Wettkampfglück spielten viele Faktoren eine wichtige Rolle, dass ich am entscheidenden Tag diese Leistung erbringen konnte.

Einerseits wählte ich bewusst den Berlin-Marathon aus, weil die Strecke überaus flach und schnell ist, eine einzigartige Stimmung am Strassenrand herrscht, das Teilnehmerfeld um meine gewünschte Zielzeit jeweils sehr dicht besetzt ist und normalerweise das Wetter gut mitspielt. Andererseits versuchte ich seit den Schweizer Meisterschaften Ende Juli auf der Bahn alles dem Marathon unterzuordnen. Das heisst, ich stellte das Training um, verbrachte vier Wochen auf dem Berninapass auf 2300 Metern über Meer und testete die optimale Wettkampfverpflegung mehrmals aus. Dabei konnte ich auf die volle Unterstützung meines Umfelds und auf erstklassige Trainingspläne meines langjährigen Coaches Erwin Grossrieder zählen. Nach dieser (eigentlich zu) kurzen zweimonatigen Marathonvorbereitung reduzierte ich einige Tage das Training stark. Daneben ernährte ich mich ab 72 Stunden vor dem Start besonders kohlenhydratreich und ballaststoffarm, was vor hohen sportlichen Belastungen von über 90 Minuten von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird. Nach dieser sogenannten Tapering- und Carboloadingphase steht man dann möglichst erholt und mit vollen Speichern an der Startlinie. Bei mir reichten zum Glück die Energiereserven und die mentale Willenskraft, um den Freiburger Rekord sowie die EM-Limite in extremis zu knacken.

Sofern ich bis zum Selektionsentscheid im Frühling weiterhin den schnellsten sechs Schweizern angehöre und gesund bleibe, steht einem weiteren Einsatz im Nationaldress also nichts im Weg. Und wo finden diese nächsten kontinentalen Titelkämpfe statt? Genau, in Berlin!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

 

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