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Daniel Wegmann 25.04.2019

Ein ganz normaler Tag in Venedig

Hinter Mestre beginnt der Sumpf. Reiseführer reden ihn als «Lagune» schön, doch nur rund zehn Prozent davon sind dauerhaft vom Wasser bedeckt. Der Rest ist ein kaum passierbarer Matsch, in den die Venezianer im 5. Jahrhundert vor den einfallenden Germanen und Hunnen flüchteten. Mit Erfolg: Venedig wurde 1300 Jahre lang nie erobert, auch wenn es nicht wenige versucht haben. Zum Beispiel der König der Lombarden, Pepin, der 810 nach sechsmonatiger Belagerung vom Sumpf, respektive den darin hausenden Krankheiten, in seine Schranken gewiesen wurde.

Die Venezianer sorgten lange aktiv dafür, dass die Lagune ein ekliges Hindernis blieb. Um die fortschreitende Verlandung einzudämmen, leiteten sie im 15. und 16.   Jahrhundert kurzerhand alle Flüsse um, die in die Lagune mündeten. Das half, bis Napoleon die Stadt 1797 als Erster besetze.

Der Todesstoss aber kam 1846 in Form der Eisenbahnbrücke, auf der ich an diesem Bilderbuchfrühlingstag komfortabel der Wasserstadt entgegen­gleite. Wobei komfortabel eine eher unglückliche Beschreibung ist: Der Zug ist zum Brechen voll mit Touristen, die das erstbeste Ruderboot als Gondola erkennen wollen. Hätten die Venezianer die Brücke gebaut, wenn sie das geahnt hätten?

Doch trotz der Touristenhorden ist Venedig atemberaubend, nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Kanalisation. Da hilft nur die Flucht in die Höhe: Auf dem Campanile der Kirche San Giorgio Maggiore bilde ich mir ein, die zahlreichen Boote bei der Piazza San Marco würden auch heute noch Waren aus Dalmatien löschen und feilhalten. Doch der Schein trügt: Die Hektik rührt alleine daher, dass nur ein Selfie vor der Seufzerbrücke glaubhaft beweisen kann, dass man in Venedig war. Zum Glück datiert das unsere von einem früheren Besuch. Beim heutigen Gedränge auf dem Ponte della Paglia müssen sich die meisten mit einem Schnappschuss über fremde Köpfe hinweg zufriedengeben.

Dass der Ponte della Paglia überhaupt noch steht, ist erstaunlich, denn Venedig ist in wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut und versinkt unaufhaltsam im Meer. Ein Grund sind die Flussumleitungen, wodurch heute mehr Sedimente aus der Lagune geschwemmt werden als nachfliessen. Venedig liegt bereits 23 Zentimeter tiefer als noch 1900 und sinkt um weitere ein bis zwei Millimeter pro Jahr. Kein Wunder, stehen die meisten Gebäude schief oder drohen gar einzustürzen. Der berühmte Campanile auf der Piazza San Marco krachte zum Beispiel bereits 1902 zusammen. Beim Wiederaufbau wurden seine Fundamente verstärkt, aber gegen die durch den Klimawandel steigenden Fluten wird das wenig ausrichten.

Ich geniesse den letzten Blick auf das untergehende Juwel beim Mittagessen auf der Guidecca. Die Vaporettofahrt über den Kanal kostet unglaubliche 7.50 Euro, genau so viel wie mein angeblich typisch venezianisches Essen. Wie genau der Wirt auf die Idee kommt, mir eine Pizza alle Melanzane als typisch venezianisch zu verkaufen, ist mir ein Rätsel. Auberginen kamen erst im frühen Mittelalter nach Europa, und Tomaten wurden in Italien nicht vor 1800 gegessen! Aber ich lasse mir den traumhaften Blick über den ausgebaggerten Canale auch von den laut stinkenden Vaporetti nicht vermiesen.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof umgehe ich den Rialto geschickt, und doch erfasst mich bei der Kirche San Roco eine Welle Kreuzfahrttouristen. Trotz aktiven Gegenmassnahmen der Regierung wird die Stadt nach wie vor vom Massentourismus überschwemmt. Die wenigen verbliebenen Einwohner sehen wenig Nutzen in Besuchern, die nur für ein paar Stunden durch die Stadt rennen, billiges Essen konsumieren und neben verwackelten Fotos höchstens eine Plastikgondola made in China mit nach Hause nehmen. Der Tourismus droht aber nicht nur historische Städte wie Venedig in Vergnügungsparks zu verwandeln, er gefährdet auch ganz akut unsere Umwelt. Während ich mir meinen Weg durch die wilde Horde bahne, die der mitgereiste Führer gerade auf die bevorstehenden Tintoretto-Bilder einschwört, verwünsche ich alle Touristen nach Rimini.

Doch dann dämmert es mir: Ich bin keinen Deut besser. Und ich habe noch nicht mal eine Plastikgondola gekauft!

Beschämt überquere ich den Rio de le Muneghete Richtung Bahnhof und erhasche einen letzten Blick auf den Canale Grande. Der nächste Zug zurück nach Padova fährt in sieben Minuten. Doch so einfach lässt mich Venedig nicht gehen. Ewig stehe ich Schlange beim Ticketautomaten. Endlich bin ich an der Reihe und kann den von mir favorisierten Zug auswählen. Ich klicke auf «pagare biglietto» und schiele auf die grosse Uhr: Es müsste reichen. Doch der Automat streikt: Der gewählte Zug fährt in weniger als drei Minuten, informiert er mich höflich. Sind Sie sicher, dass Sie diese Fahrkarte kaufen möchten? Ja! «Attendere prego» … Zum Glück haben italienische Züge immer Verspätung! Verschwitzt mische ich mich unter die andern Touristen im hoffnungslos überfüllten Zug. Ja, Venedig, ich komme wieder.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.

Gastkolumne

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Sus Heiniger 18.04.2019

Die Tanne

Nicht, dass man dem Kind besonderes Wissen zu Bäumen erzählt hätte, ausser natürlich, dass sie über Jahre wachsen, dabei die einen höher, andere breiter werden. Nichts Kurzlebiges, ein Baum, das wusste das Kind schon. An einem Tag sprach man von den Höhen. Und dieser Tag, ein gewöhnlicher, wie andere, wurde zum Baum-Tag, zum Erlebnis, so gross wie traurig zugleich für das Kind.

 

Wir müssen vernünftig sein, hatte der Grossvater gesagt. Das Dach unseres Hauses leidet, es beginnt das Holz zu faulen, das ist diese Tanne, sie ist zu hoch, sie legt ihre Äste schon auf die Ziegel. Sie muss weg, es geht nicht anders. Das Haus des Grossvaters war drei-stöckig, die Tanne wundervoll, so hoch gewachsen. Weg!, hatte das Kind gehört und sich gefragt, was damit gemeint sein könnte. Solange es sich erinnern konnte, stand die Tanne da, gleich neben dem Hauseingang. Dunkel, immergrün und mächtig. Über Generationen war sie vielen Familienmitgliedern bekannt, einem Hüter gleich. Haus und Baum waren eins, Garten- und Baumspiele ebenfalls, ganz zu schweigen von den Einflüssen dieses wundervollen Baumes auf des Kindes Zimmer. So heftig wie sanft war sie dort zu hören und zu riechen, je nach Witterung und Jahreszeit. Und ihr Licht! Das hatte es dem Kinde angetan. Einem stets bewegten Licht- und Schattenspiel gehörte eine Hälfte des Zimmers. Wiegendes, peitschendes, flirrendes, schwungvolles Tun filterten des Kindes Gedanken, und besonders bei schwierigen Geschehnissen brachte dies wieder Ruhe und ­Geborgenheit.

Kein Gedanke jemals, das Licht-, Klang-, Schattenleben könnte sich nicht mehr in diesem Zimmer abspielen. Die Tanne muss weg! Das kann nicht wahr sein! Die Tanne fällen. Fällen! Nein! Nie! Bitte nicht! Ich werde kämpfen, sagte das Kind. Mit wachsender Gewissheit spürte es in den nächsten Tagen seine kindliche Hilflosigkeit gegenüber der vernünftigen Übermacht der Erwachsenen. Wir werden vernünftig sein.

Dann war der Tag gekommen. Drei orangefarben gekleidete Männer stapften selbstsicheren Schrittes über den Gartenweg zum Haus unter die riesige Tanne. Schwere Maschinen trugen sie, enorme Sägen, Beile, Metallkabel, das Kind erstarrte in Weh und Wut: Die werden meinen Baum umbringen … Die nächsten Stunden waren erfüllt von Geheul und Lärm, Äste segelten wie schwere grüne Flügel zu Boden, Holzspäne spritzten, Beile wurden geschwungen, der Gitterzaun des Gartens zum angrenzenden Feld war fallvorbereitend aufgerollt worden … Das Kind hatte schon einmal gesehen, wie ein Grab geöffnet wurde. Im Wald gibt’s noch viele Tannen, weisst du, wir müssen vernünftig sein.

Und dann fiel sie! Erst nur ein leises Knacken, ein ungläubiges, schien dem Kind, als würde selbst der Baum nicht glauben wollen, dass man ihn umlegte, dann ein lautes Knacken, der Schrei der Tanne, dachte das Kind und schrie auch.

Und dann fiel sie! Langsam, als wäre sie noch angebunden, wo? Und plötzlich sausend, stöhnend, mit tausend Ästen wehend, schlagend, krachend auf das Nachbarfeld. Das Kind starrte auf das lange grosse Wesen am Boden.

An jenem Tag habe ich, das Kind, einiges gelernt: Dass es Mächte gibt, die grösser sind als man selbst. Dass es Unwiederbringliches gibt, als wie einer Ordnung angehörend, es ist und es ist nicht mehr. Dass ein einziger Moment wichtiger wird als tausend vorhergegangene. Dass Natur gross ist.

Vernunft ist die Mutter aller Dächer. Der Welt.

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig zu selbst gewählten Themen.

 

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Katharna M. Fromm 04.04.2019

Autofahrertypen

 

Es war gerade neulich mal wieder so weit: Ich wurde mit dem Auto zur technischen Fahrzeugprüfung aufgeboten. Also habe ich drei Tage vor dem Termin den fahrbaren Untersatz zwecks Generalüberholung in die Werkstatt gebracht. Das Auto bekam neben einigen Ersatzteilen auch eine Unterbodenwäsche und eine Lackpolitur. Das Auto frisch geputzt, blitzend und innen wohlduftend fuhr ich nach Hause. Es sah richtig schick aus!

 

Dann kam der Prüftermin … und es setzte dann, wie «bestellt», gleich morgens ein ordentlicher Schneesturm ein, der neben schwerem Räumgerät auch reichlich Salz auf die Strasse brachte – ich mittendrin. Statt der üblichen zehn Minuten Fahrt brauchte ich eine knappe halbe Stunde. Das reichte, um die untere Autohälfte und die gesamte Rückseite total zu vermatschen – seufz – die Unterbodenwäsche war wohl schon mal umsonst. Auf dem Parkplatz des Automobilbüros warteten schon andere Autofahrer auf ihre Fahrzeugprüfung. Allein schon an den unterschiedlichen Autos und deren Besitzern konnte man verschiedene Autofahrertypen zuordnen.

Zum Beispiel der ältere Herr, der sein Auto nur sporadisch fährt und nicht genau weiss, wie die Motorhaube aufgeht. Er fährt eng hinter das Lenkrad geklemmt, hoch konzentriert und deutlich zu langsam durch die Landschaft. Auf der hinteren Ablage des Autos erkennt man klar die umhäkelte Toilettenpapierrolle und/oder den Wackeldackel, der beim Fahren zustimmend mit dem Kopf nickt. Da sind wir in der Klasse der «Schleicher».

Warum ein Schleicher schleicht, kann verschiedene Ursachen haben: Tagträumen, intensive Gespräche mit dem Beifahrer, während derer man alles andere vergisst (auch das Gaspedal), Dunkelheit, Müdigkeit oder gar Trunkenheit am Steuer. In den letzten beiden Fällen kommt zum Schleichen auch noch das Zickzackfahren hinzu.

Es gibt natürlich auch die Dame um die 40, die auf der Autobahn stets auf der rechten Spur und höchstens 80 km/h fährt. Wenn man sie überholt, schaut sie schuldbewusst rüber, und man versteht auch warum: Sie telefoniert!

Langsam fährt womöglich auch die Familienkutsche, vorne die Eltern, die Hälfte der Zeit nach hinten zu drei Kindern gedreht, das Auto vollgepackt bis unters Dach, auf dem Weg in die Ferien.

Die Businessfrau hingegen fährt einen zackigen Reifen, schläft nicht und kommt daher an jeder auf Grün umschaltenden Ampel zügig weg. Sie fährt umsichtig, und auch das Einparken klappt bei ihr auf Anhieb. Was man vom Fahranfänger nicht behaupten kann, bei dem das Auto erst mehrfach quer steht, bevor es endlich zwischen die Parkbegrenzungen passt.

Der Belehrende hält sich immer und überall strikt an alle Verkehrsregeln, und auch seine Umwelt zwingt er zum Einhalten derselben. Das zeigt sich dann meist auf der Überholspur der Autobahn, wo strikt 119.5 km/h eingehalten werden, ganz egal, ob man damit gefühlt eine halbe Stunde braucht, um den LKW zu überholen, der mit 119 km/h unterwegs ist.

Im Gegensatz dazu steht der smarte Mittfünfziger im Anzug, Hemd und Krawatte, der mit Kabeln in den Ohren einhändig wild gestikulierend auf der Überholspur knapp über dem Limit unterwegs ist. Gesteigert wird dies durch den jungen Mann mit den gegelten Haaren, cooler Sonnenbrille auf der Nase und erheblichen Bizepsen, die aus dem T-Shirt quellen. Er hat seine neue Freundin neben sich sitzen und gibt jedem vor ihm auf der Überholspur Lichtsignale, um dann aufbrausend und deutlich zu schnell an einem vorbei zu ziehen, sobald man ihm Platz macht.

Und welcher Typ sind Sie? Ich hoffe, dass es auch beim nächsten Prüftermin nicht heisst: «Das Problem ist grösser, als ich dachte. Ihre Batterie braucht ein neues Auto!»

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

 

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Gustav 28.03.2019

Pizza-Face

Nachdem ich immer wieder Sätze gehört habe wie «Das darfst du nicht sagen!» oder «Das ist frech und verletzend!» oder «Schäm dich!», habe ich mir angewöhnt, meinen derben, manchmal etwas zu ungefilterten (schwarzen) Sarkasmus bis zur Hirnrinde zu formulieren, aber weiter nicht. Es gibt einfach Themen, da verstehen die Leute keinen Humor oder erst dann, wenn sie besoffen sind oder in der Herde mitgrölen dürfen. Zum Beispiel Religion.

 

Ich habe jetzt gerade zwei Taufen, eine Beerdigung, einen nicht enden wollenden Einkehrnachmittag für Firmpaten, einen Erstkommunionsvorbereitungsgottesdienst – ist das das längste Wort im Duden? –, also insgesamt fünf Gottesdienste innerhalb einer Woche hinter mir. Ich wollte diese Kolumne zuerst dem christlichen Martyrium widmen – muss denn da immer so gelitten werden, herrgottnochmal? Noch zwei Messen mehr, und man müsste mir die Knie­scheiben transplantieren und die Hostien vom Gaumen kratzen. Aber über Religion macht man (laut Friends, Fans & Family) keine fiesen Sprüche. Nur fünfjährige knuddelige Töchter dürfen das. Tochter zeigt während der zweistündigen Messe auf den Jesus am Kreuz, der von seinem Künstler einen wirklich sehr ausgeprägten überdimensionalen Kranz auf den Kopf geschmiedet bekam, und sagt halblaut: «Papi, ist das da vorne die Freiheitsstatue?»

 

Ja, lacht nur. Die halbe Kirche gab daraufhin nur noch ein holperiges «Vater unser» von sich. Hätte ICH oder IHR diesen Witz gemacht, hätten alle den Kopf geschüttelt und sich dabei den Bussgürtel enger geschnürt. Ich habe hierfür noch andere Beispiele – keine Angst, alle Beispiele sind völlig frei von Blasphemie:

«Papi, ist der Mann behindert?» – Papi nimmt beschämt dem schielenden Pöstler das Zalando-Päckli ab.

Im Bus: «Papi, isst diese Frau nur Bigmäc?» – Papi grüsst verlegenen sein (hoffentlich französischsprachiges) dickes Gegenüber.

Frage der attraktiven Kinderärztin an die Tochter wegen akutem Verdauungsproblem: «Welcher Pups stinkt von deinen Geschwistern und dir am meisten?» – «Papis.»

Bin ich der Einzige, der denkt, dass Kinder immer eins mehr dürfen als Erwachsene?

 

Das letzte Fischstäbli? Gehört dem Kind. Der letzte Schluck Rivella? Gehört dem Kind. Das neue trockene Tüechli? Kind. Letzter Sitzplatz? Kind. Letztes Darvida, letztes Chicken Nugget, letztes Stück Kuchen von VATERS Geburtstagskuchen? ES GEHÖRT DEM KIND!!! Kinder haben mehr Ferien, mehr Freunde, mehr Fun, und zwar solange sie süss und schnuselig und unschuldig sind – wie kleine Kätzchen. AAAABER: Kommt die Metamorphose, inklusive Akne, Schweissgeruch, Gekrächze und Gemotze, dann kommt die Rache für all das Wegfressen und Leersaufen im Katzenkörbchen. Ab diesem Zeitpunkt wird einem kein fieser Witz mehr verziehen. No Ferien, no Friends, no Fun. Gewöhn dich daran, mein Sohn. Das Leben ist hart. Verdammt hart. «Yes, Sir!» Ich kann dich nicht hören? «YES SIR!» SPRICH LAUTER, PIZZA-FACE! «YEEESSSSS, SIIIIR!!!»

 

So ist’s gut. Kannst das letzte Fischstäbli haben.

 

And now, something completely different. (Monty Python)

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regel­mässig über selbst gewählte Themen.

 

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Franz Engel 21.03.2019

Anleitung für einen Aprilscherz

Vor nicht allzu langer Zeit bat mich ein guter Freund, zu «Ehren des ersten Aprils» seine wahrhaft und wirklich erlebte Geschichte zu Papier zu bringen.

«Es sind nun doch schon einige Jahre her», so begann er seine Erzählung, «da wollte ich einem befreundeten Ehepaar einen spontanen Besuch abstatten. Wie ich mich dem Haus näherte, wurde ich dank dem offenen Küchenfenster unfreiwillig Zeuge einer äusserst lebhaften Unterhaltung.

Sie: «Woher sind diese Fische?»

Er: «Du weisst genau woher.»

Sie: «Doch nicht etwa?»

Er: «Woher denn sonst?»

Sie: « Fischen ist dort verboten!»

Er: «Na und?»

Sie (gut hörbar): «Wie oft habe ich dir gesagt, dass ich das nicht will. Was du tust, ist illegal! Stell dir vor, du wirst erwischt, angezeigt oder gar verurteilt. Das ganze Dorf würde mit Fingern auf uns zeigen, sich hinter meinem Rücken das Maul über mich zerreissen. Du wärst vorbestraft, der Ruf der ganzen Familie in den Schmutz gezogen. Ich traute mich kaum mehr aus dem Haus, die Kinder würden verspottet. Ich, die Frau eines Kriminellen.»

Er (kaum hörbar): «Aber, Schatz …»

Sie (sehr gut hörbar): «Kein Aber, und Schatz schon gar nicht! Verschwinde mit den Viechern, ich will sie nicht mehr sehen, und dich im Moment auch nicht!»

Ich verzichtete auf meinen Besuch und trat den Rückzug an. Auf dem Heimweg «het mir z Tüüfeli guslet» und brachte mich auf eine Idee, wie ich dem ehelichen Streit «no as Schittli» drauflegen könnte.

Noch am gleichen Abend, der Kalender zeigte Ende März, schrieb ich in etwa folgenden Brief:

Briefkopf: Oberamt

Sehr geehrter Herr  …

Gegen Sie läuft eine Anzeige wegen Wilderei (im engeren Sinne Fischfrevel). Dieses Schreiben gilt als Vorladung.

Ort: Oberamt

Datum: 1. April …, Zeit: 7.00 Uhr

Lokal: Untersuchungszimmer Nr. 371, 4. Stock (wie viele Zimmer und Stockwerke hat unser Oberamt?).

Nicht-Erscheinen zieht automatisch schwere strafrechtliche Konsequenzen nach sich.

Unterschrift: Der Oberamtmann

Dieser Brief ging per Einschreiben an die Adresse meines Freundes. Zufällig war an diesem Tag niemand zu Hause, und so lag eine «Abholeinladung» im Briefkasten. Zufällig kam mein Freund etwas früher nach Hause, weil man noch einkaufen wollte. So fuhren sie gleich noch beim Postamt vorbei, um besagten Brief abzuholen. Er stieg aus, bekam den Brief, öffnete ihn und erstarrte. Offensichtlich war sein schlechtes Gewissen so gross, dass er weder den ersten April, noch die unmöglichen Angaben betreffend Oberamt bemerkte. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich ins Auto und fuhr weiter. Nach einer gewissen Zeit kam es zu folgendem Gespräch:

Sie: «Was stand in dem Brief?»

Er: «Nichts.»

Sie: «Was nichts?»

Er: «Nichts Wichtiges.» Dann wieder Schweigen. Sie konnte förmlich spüren, dass etwas nicht stimmte.

Sie: «Du hast etwas.»

Schweigen.

Er: «Sie haben mich, ich habe eine Anzeige wegen Wilderei!»

Was jetzt folgte, kann kaum originalgetreu wiedergegeben werden. Es begann mit «Ich glaube es nicht, wie oft habe ich dir …» und endete mit «Du fährst jetzt sofort zurück, rufst beim Oberamt an und bringst die Sache in Ordnung!» Die Worte dazwischen können im «Senslerdeutschen Wörterbuch» im Kapitel Schimpfwörter nachgelesen werden ...

Wieder zu Hause, Telefon ans Oberamt, es wurde der Oberamtmann persönlich verlangt.

Er: «Was soll das?»

Oberamtmann (OA): «Was soll was?»

Er: «Tu nicht so scheinheilig, spiel nicht den Unschuldigen, es geht um deine Anzeige.»

OA: «Anzeige?»

Er: «Genau, und du hast unterschrieben, Herrgottnochmal, ich hab den Brief vor mir.» Der Oberamtmann verstand überhaupt nichts mehr und befahl, unverzüglich samt Brief im Amt zu erscheinen. So raste mein guter Freund unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln zum Oberamt. Mit zittrigen Händen, Herzklopfen und Schweissausbruch überreichte er den Brief. Unser Oberamtmann, bekannt für seinen Scharfsinn, bemerkte nach mehrmaligem(!) Durch- lesen, dass das Ganze aus der Luft gegriffen war. Erst jetzt sah auch unser Freund das Datum 1. April. Endlich fielen ihm sämtliche (Fisch-)Schuppen von den Augen, und augenblicklich war ihm auch klar, wer das inszeniert hatte. Mit zittriger Stimme verlangte er den Brief zurück, doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt bzw. den Oberamtmann gemacht.

OA: «Kommt nicht in Frage, dieser Brief gilt als Beweismittel, ist sozusagen das corpus delicti. Hier handelt es sich nicht bloss um einen dummen Scherz, wir haben es hier mit einem schweren Fall von Amtsanmassung, Dokumenten-, Urkunden- und Unterschriftenfälschung zu tun. Eine Straftat, die laut StGB Paragraf 267 et al. mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden kann. Ich persönlich leite unverzüglich ein Verfahren gegen Unbekannt ein, und ich versichere dir, ich werde alles daran setzen, diese unverschämten Straftaten aufzudecken. Ich lasse mein Amt von niemandem ins Lächerliche ziehen. Hast du vielleicht eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte?»

Er hatte natürlich keine Ahnung, verliess fluchtartig das Amt und stürmte in mein Büro. Es kam zu einer längeren Aussprache, eigentlich wollte ich alles aufklären, aber dann wäre ich in die unbarmherzigen Gesetzesmühlen geraten. So liessen wir es beim Schwur ewiger Verschwiegenheit und besiegelten das Versprechen im nahe gelegenen Wirtshaus.

Und was lernen wir: Hat jemand ein schlechtes Gewissen, so ist er leicht zu täuschen.

Mit unseren Beamten ist nicht zu spassen, selbst wenn es um einen Scherz geht, kennen sie keinen Humor.

Eine Krise kann eine Beziehung festigen: Mein Freund und seine Ehefrau («die beste von allen») fanden sich wieder, und weil sie nicht gestorben sind, so lieben und streiten sie sich noch heut.

Und nach einigen Bieren kamen wir zur Erkenntnis, dass am ganzen Chaos, wie so oft, die Frauen schuld sind. Nachdem wir auch dies geklärt hatten, umarmten wir uns und bestellten noch eine Runde.»

Mein Freund verabschiedete sich, nicht ohne noch einmal zu betonen, dass alles sich wirklich so zugetragen habe.

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

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Andreas Kempf 14.03.2019

High Performance Lifestyle

Der Nationaltrainer Lauf bei Swiss Athletics, Louis Heyer, predigte uns Nachwuchsläufern bereits im Jugendalter in den Trainingslagern einen sogenannten High Performance Lifestyle. Das hatte weder mit einer bestimmten Moderichtung noch mit unseren schulischen Noten zu tun. Es ging darum, bei uns ein Bewusstsein zu schaffen, dass sportliches Talent allein nicht ausreicht, um an die Spitze zu gelangen. Nur mit einem Lebensstil, der 24 Stunden am Tag auf den Sport ausgerichtet ist, würden wir internationale Höchstleistungen in der Leichtathletik erbringen können.

Logischerweise gehört dazu das seriöse Einhalten des Trainingsplans, der bestenfalls von einem ausgebildeten und erfahrenen Coach vorgegeben wird. Genauso entscheidend ist allerdings, wie die restliche Zeit verbracht wird. Am besten viel und regelmässig schlafen, sich ausgewogen ernähren und einen möglichst stressfreien Alltag verbringen. Ganz im Sinne der Devise: Train, eat, sleep (and repeat). In den Trainingslagern gelang es meinen Laufkollegen und mir problemlos, dem disziplinierten Profisportlerleben mit viel Freude nachzugehen. Allerdings zu Hause mit Schule/Arbeit, Familie, Freunden und den sonstigen Verlockungen des süssen Lebens gingen wir bewusst oder unbewusst immer Kompromisse auf Kosten des Sports ein.

Einer der seit der Matura kompromisslos auf die Karte Laufsport setzt und den High Performance Lifestyle konsequent verfolgt, ist Julien Wanders. Der bald 23-jährige Genfer schrieb seine Maturaarbeit über die Dominanz der kenianischen Läufer. Spätestens da kam er zur Einsicht, dass er, wenn er einmal zu den besten Läufern der Welt gehören will, auch so leben muss wie sie. So entschied sich Wanders, nach nur einer Woche das Wirtschaftsstudium an der Universität Genf abzubrechen und seinen Lebensmittelpunkt nach Iten, der Läuferhochburg in Kenia, zu verlegen. Seither verbringt er etwa 8 Monate im Jahr dort und reiht Erfolg an Erfolg. Erst kürzlich schnappte er sich in 59:13 Minuten über die Halbmarathon-Distanz den Europarekord vom grossen Mo Farah. Auch den Europarekord über 10 Kilometer auf der Strasse (27:32 Minuten) ist seit letztem Herbst in seinem Besitz. Man darf gespannt sein, ob er diesen Sommer auch auf der Bahn über 5 000 und 10 000 Meter den Durchbruch in die Weltspitze schafft.

Und wie verbringt Wanders seinen Alltag? Er widmet seine Zeit wie die meisten kenianischen Läufer vor allem dem Trainieren, Essen und Schlafen. Und sowieso läuft in Ostafrika, abgesehen vom Lauftraining, alles «Polepole», was so viel bedeutet wie langsam, nur kein Stress. Die Menschen dort wissen zwar nicht, was mit High Performance Lifestyle gemeint ist, aber sie leben ihn.

 

Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halbmarathon- sowie Marathondistanz. Bereits mehrmals verreiste er nach Kenia ins Trainingslager und absolvierte dabei die eine oder andere Laufeinheit mit dem Europarekordhalter über 10 km und im Halbmarathon, Julien Wanders.

 

 

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Daniel Eckmann 07.03.2019

Goalie bleibt man ein Leben lang

Sie kennen das: Ein Klischee geht so lange um die Welt, bis es als wahr gilt. Da ist nichts einfältig genug: Frauen können nicht parkieren, Männer reden nicht über Gefühle, Engländer trinken andauernd Tee, Fussballer sind Mimosen und Torhüter haben einen Flick weg. Nun, ich kann Frauen am Steuer nicht gültig beurteilen. Ich weiss nicht, worüber Männer nicht reden oder was Engländer wirklich trinken. Ich habe keine Ahnung, wie die weltweit 265 Millionen Fussballer im Schnitt so sind. Aber ein Klischee kann ich einschätzen. Jenes über Goalies. Der Befund ist kompliziert. Aber fangen wir am Anfang an.

Was macht den Sport aus? Was unterscheidet ihn von der Oper, vom Film, von einem industriellen Produkt? Vieles natürlich, aber eines sticht heraus: Ein Match folgt keinem Drehbuch, das Resultat ist bis zuletzt offen, das Produkt «Sport» lässt sich nur bedingt planen. Sport entsteht live im Stadion, es kann so oder anders herauskommen. Sport ist in hohem Masse emotional geprägt, vieles kommt auf die Tagesform an, auf Glück oder Pech, auf das Publikum und den Schiedsrichter, manchmal sogar auf das Los. Sport ist die Welt der Duelle, zum Drama verdichtet beim Penalty. Da ist alles drin: Können, Zufall, Kaltblütigkeit, Nervenflattern. Man sagt, bei solchen Duellen könne der Goalie nur gewinnen und der Feldspieler nur verlieren. Weil das Tor das erwartete Ende sei und nicht die Abwehr. Weil beim Penalty die Verantwortung nicht beim Torhüter liege. Ist das so?

Von wegen Verantwortung: Die Welt des Goalies ist eine Welt voller umgekehrter Vorzeichen. Hinter ihm ist bloss noch die Linie, dann das Netz. Seine Fehler kann keiner mehr ausbügeln. Im Tor trägt man die letzte Verantwortung, oft im entscheidenden Moment, in dem ein Spiel ins Gute oder Schlechte kippt. Ganz hinten vor der Linie gibt es nichts zu delegieren – keine Querpässe, Rückgaben oder Tändeleien. Keine Fleissleistung, kein Alibispiel, kein zweiter Versuch. Der Ball steht nie kurz still, damit du überlegen kannst, was zu tun ist. Jede Aktion ist ein Ernstfall. Torhüter sind das, was an Hoffnung übrig bleibt, wenn der Ball in der Luft ist. Entweder du hältst, dann bist du der Held. Oder du hältst nicht und hast versagt. Vor aller Augen. Es gibt keinen schlechteren Ort, sich zu verstecken, als im Tor. Dort bist du allein. Umringt, aber allein.

Sind Goalies denn überhaupt Mannschaftssportler? Schon ihr Dress grenzt sie aus – er hat eine andere Farbe. Sie kämpfen letztlich gegen den Ball und nicht gegen einen Gegner. Torhüter sind eine Art Endstation. Und doch sind sie Teamplayer! Nicht nur, aber auch, weil Verteidigung und Goalie ein eingespieltes Ganzes bilden. Weil man zusammen trainiert, schwitzt, rennt, leidet, hofft, bangt, jubelt, weint. Weil man sich bis ins Innerste kennt. Weil man gemeinsam gewinnt oder gemeinsam verliert. Und doch ist der Posten zwischen den Pfosten speziell. Handball könnte man statt mit sechs auch mit fünf oder sieben Feldspielern spielen, Fussball mit neun oder zwölf, Eishockey mit vier oder sechs. Einen Feldspieler könnte man im Regelbuch weglassen oder einen weiteren dazugeben – aber ohne Goalie geht es nicht. Es braucht diesen hintersten Mann oder diese hinterste Frau, sonst ist das Spiel unspielbar. Es braucht diese Wächter vor dem Netz, die ihren Körper in die Schussbahn werfen. Dieses Vetorecht im Angriffswirbel.

Egal, ob im Hand- oder im Fussball: Ein Goalie-Dasein beginnt schon auf dem Pausenplatz, mit aufgeschundenen Knien und zerrissenen Hosen. Mit Schimpfis zu Hause und dem Klischee vom Flick weg, den man ihnen so gerne nachsagt. Goalies sind unverstanden. Wer über sie spricht und selber keiner ist, weiss nichts von der Unmöglichkeit, dass einem andere einen Fehler noch ausbügeln. Stand nie blamiert im Rampenlicht. Wurde nie eine Flasche genannt. War andersherum aber auch nie der siegrettende Held. Vielleicht gibt es deshalb unter Torhütern einen Kitt, den man unter Flügeln, Verteidigern oder Linkshändern nicht findet. Vielleicht ist es auch diese unteilbare Verantwortung für den letzten Zentimeter. Dieses «Entweder-oder». Dieser Zwang, im entscheidenden Moment alles oder nichts zu bringen, ohne Chance zum Nachbessern. Vaclav Havel hat das so gesagt: «Einen Abgrund kann man nicht in zwei Sprüngen überspringen.» Das prägt einen dann. Jede Karriere findet irgendeinmal ihr Ende, Goalie bleibt man hingegen sein Leben lang. Es ist eine Aufgabe und nicht bloss ein Job. Denn es gibt immer einen letzten, alles entscheidenden Zentimeter zu verantworten. Das hört nicht nach sechzig Minuten auf.

 

Daniel Eckmann ist Jurist, Partner im Beratungsunternehmen Klaus-Metzler-Eckmann-Spillmann sowie Lehrbeauftragter für strategische Kommunikation an der Universität Bern. Zuvor war er Stellvertretender Generaldirektor des Medienunternehmens SRG SSR und zwölf Jahre Delegierter für Kommunikation von Bundesrat Kaspar Villiger. Eckmann war von 1969–1981 Goalie des BSV Bern und 95-facher Internationaler. 1975 lehnte er dem Studium zuliebe ein Profi-Angebot von Atletico Madrid ab.

 

 

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Beat Brülhart 28.02.2019

Immer schlimmer

Wenn es um die Zukunft geht, scheinen viele zwei Programme im Kopf zu haben: «Es ist schlimm» und «Es wird immer schlimmer». Was ist denn so schlimm und wird noch schlimmer? Der zerstörerische Zyklon, der Klimawandel, ekelhafte Kriege, Vierfachmörder, Kinder missbrauchende Geistliche, Überschwemmungen, Manager im Knast, endlich viel Schnee, Lawinenabgänge? 2019 ist bisher ein Jahr der Ungeheuerlichkeiten, wie jedes andere Vorjahr, wenn man es von den Nachrichten her betrachtet. Alles andere lief aber bis jetzt normal. Die Totalpräsenz von Nachrichten über das Abscheuliche gibt uns das Gefühl, das Schreckliche sei die Normalität und uns umgebe nichts als Gefahren. Dabei ist die schlimmste Gefahr, in unseren Städten von rücksichtslosen Radlern angerempelt zu werden, das einzig Abscheuliche ist die Ausdünstung der Mitfahrer in Zug und Tram, und das einzig Schreckliche ist die Steuerrechnung.

Die allermeisten Flugzeuge stürzen nicht ab, die meisten Menschen sind keine Mörder, viele Politiker sind nicht korrupt, in den meisten Ländern herrscht Friede, der CO2-Hype wird verschwinden, die Natur wird uns überleben, und der Weltuntergang ist vorläufig noch kein Thema.

Natürlich passieren Dinge, die nicht passieren dürften. Aber sie sind die Ausnahmen und nicht die Regel. Da die Medien nur über die Ausnahmen berichten, werden Ausnahmen in den Köpfen schnell zur Regel, die Geburt des Glaubens an eine schlimme Welt, die immer schlimmer wird. Und dieser Glaube bestimmt unsere Wahrnehmung. Es stimmt nämlich nicht, dass wir nur glauben, was wir sehen, wir sehen vielmehr nur, was wir glauben. Und so sehen wir vieles nicht, selbst wenn es vor unseren Augen liegt. Beispielsweise sehen viele die enormen Chancen und Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, nicht mehr. Das ist traurig.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

 

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Hubert Schaller 21.02.2019

Eine Rote Liste für bedrohte Tugenden

Bedrohte Tiere und Pflanzen werden auf einer Roten Liste erfasst. Die Arten sterben schneller, als die Liste aktualisiert werden kann. Experten schätzen, dass pro Tag zwischen 50 und 150 Pflanzen- und Tierarten von der Erde verschwinden.

Obwohl viel darüber geschrieben wird, sind offensichtlich nur Tier- und Pflanzenfreunde besorgt. So viel zur ernüchternden Wirkungslosigkeit von Roten Listen im öffentlichen Raum.

Trotzdem bin ich dafür, dass wir auch eine Rote Liste für von dem Aussterben bedrohte zwischenmenschliche Pflänzchen einführen. Da kommen mir gleich drei solcher Pflänzchen in den Sinn, die es in unserer rüpelhaften Zeit immer schwerer haben, nämlich Dankbarkeit, Höflichkeit und Humor.

Kaum jemand setzt sich für deren Überleben mit der gleichen inneren Überzeugung ein, wie sich Tier- und Pflanzenfreunde für ihre Sache einsetzen. Deshalb reizt es mich, hier jetzt mal als Tugendritter aufzutreten und eine Lanze zu brechen für etwas, das ich als sozialen Kitt für ebenso wichtig halte wie Arbeit, Geld oder die Sozialwerke.

 

Nehmen wir mal nur die Dankbarkeit. Der Philosoph André Comte-Sponville bezeichnet sie als eine «mozartische» Tugend. «Und das nicht nur, weil Mozart sie in uns erweckt, sondern weil er sie singt, weil er sie verkörpert, weil in ihm diese Freude ist, diese überschwängliche Dankbarkeit für etwas, das sich nicht näher bezeichnen lässt.»

Nur, wenn Dankbarkeit so mozartisch schön ist, warum tun wir uns dann so schwer damit? Warum gehört sie dann auf die Rote Liste der bedrohten Tugenden? Aufrichtige Dankbarkeit ist ein Ausdruck von Freude über empfangene Freuden, «ein Glück mehr für ein Mehr an Glück», wie Comte-Sponville sagt. Das Reservoir an Menschen und Dingen, die unsere Dankbarkeit verdienen, ist unerschöpflich: Wir können dem Partner dankbar sein, dass er uns liebt, den Eltern, dass sie uns das Leben geschenkt haben. Wir können uns dankbaren Herzens vor der Sonne verneigen, dass sie uns bescheint, vor dem Schicksal, dass es uns vor Hunger und Krieg bewahrt. Monet verdient unseren Dank, weil er uns mit seinen Bildern bezaubert, Haydn, weil er uns mit seiner Musik erhebt usw.

 

Dankbarkeit bedeutet anzuerkennen, dass die Ursache der empfangenen Freude ausserhalb von uns selbst liegt. Ein Egoist bringt es darin nicht weit. Nicht, weil er ungern empfängt, sondern weil er sich nicht gerne eingesteht, dass er etwas von anderen geschenkt bekommen hat und dafür Dank schuldet. Weil er nicht gerne gibt. Weil er die Freude lieber für sich behält, als sie mit anderen zu teilen. Dadurch erhält seine Freude etwas Geringfügiges, Schäbiges. Auch der Habgierige wird nie zum Meister der Dankbarkeit heranreifen. Dafür steht ihm seine Anspruchshaltung im Weg. Er nimmt für selbstverständlich, was er besitzt. Er begnügt sich nicht mit dem Nötigen. Er hortet das Überflüssige. Überfluss aber ist der Dolchstoss in das Herz der Dankbarkeit.

 

Kein Wunder, dass uns die Ärmsten der Armen immer wieder eine Lektion erteilen in Sachen Dankbarkeit. Wer sich um eine einfache Mahlzeit sorgt, dem ist nichts selbstverständlich. Einfachheit ist der Humus, auf dem das Pflänzchen Dankbarkeit am besten gedeiht.

«Warum», frage ich meine Tochter, «fühlst du dich in Afrika so wohl?» – «Weil ich mich hier in einer Freude üben kann, die es bei uns kaum mehr gibt: die anspruchslose Freude, einfach da zu sein, hier und jetzt!»

 

Nostalgie klammert sich an die Vergangenheit. Hoffnung ist eingebildete Zukunft. Dankbarkeit hingegen ist reine, hellsichtige Gegenwart. Macht Zufriedenheit dankbar? Eher umgekehrt: Dankbarkeit macht zufrieden. Das wäre der Quantensprung von der Cartesianischen Seinsgewissheit in die postnarzisstische Glücksgewissheit, vom: «Ich denke, also bin ich» zum: Ich danke, also bin ich glücklich!

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

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Silvan Jampen 14.02.2019

Die Eigenmietwert-Debatte

Dem Hauseigentümerverband (HEV) und einigen Politikern missfällt die Besteuerung des Eigenmietwerts als ein fiktives beziehungsweise Naturaleinkommen auf selbst genutztem Wohneigentum. Entsprechend will der HEV schon seit Jahren den Eigenmietwert abschaffen. Das wäre nicht weiter problematisch, wäre der HEV konsequenterweise bereit, auch die Steuerabzüge für Zinszahlungen und Unterhaltskosten aufzugeben – das wäre ein echte Systemwechsel. Das wollte er aber bisher nicht.

 

Der Eigenmietwert ist zwar ein steuertechnisches Kuriosum, macht allerdings aus Sicht der Gleichbehandlung von Mietern und Wohneigentümern, aber auch aus Sicht der Gleichstellung zwischen (Natural-)Einkommen aus Wohneigentum und zu versteuerndem Einkommen auf sonstigen Vermögenswerten durchaus Sinn. Zudem ist er in Zeiten normaler Zinsen auch nicht gravierend, wiegen doch die Abzüge angesichts der traditionell hohen Hypothekarverschuldung in der Schweiz und des guten Unterhalts den Eigenmietwert auf. Gegen das aktuelle System wird aber ins Feld geführt, dass es nicht vorhandenes Einkommen besteuert, das Schuldenmachen fördert und ältere Eigenheimbesitzer bestraft, die ihre Hypothek abbezahlt haben.

 

Offenbar hat die seit mehr als zehn Jahren andauernde Tiefzinsphase den HEV nun zu einer Kehrtwende veranlasst: Er zeigt sich bereit, einem echten Systemwechsel zuzustimmen. Die zuständige Kommission des Ständerats wird nächstens einen diesbezüglichen Vorschlag in die Vernehmlassung geben.

Dabei geht zunächst einmal vergessen, dass eine Ausnahmesituation wie die aktuelle Niedrigzinsphase – und dauert sie noch so lange – nicht als Grundlage für langfristig orientierte Gesetzgebung taugen kann. Die Abschaffung der Eigenmietwert-Besteuerung würde nämlich unbeabsichtigte Nebeneffekte zeitigen. Das gut tönende Argument, das heutige System fördere das Schuldenmachen, ist billig, bedenkt man, wie sehr die Preise von Wohneigentum gerade durch die weitgehende Hypothekar­finanzierung gestützt werden. Das Hypothekargeschäft ist zudem für die Banken sehr bedeutsam und bietet Anlagemöglichkeiten und Diversifikation für Versicherungen und Pensionskassen. Schliesslich unterstützt die Abzugsfähigkeit der Unterhaltskosten werterhaltende Investitionen in den Wohnimmobilienpark. Dies wirkt sich positiv auf das Bauhaupt- und -nebengewerbe aus. Können Unterhaltskosten nicht mehr abgezogen werden, erhöht dies den Druck, solche Dienstleistungen günstiger – unter Umständen im Schwarzmarkt – zu erwerben, was zu weiteren Ausfällen bei Steuern und Sozialversicherungen führen kann.

Ein traditionelles Anliegen der Politik ist es auch, jungen Menschen und Familien den Erwerb von Wohneigentum zu erleichtern. Im Rahmen des Systemwechsels schlagen die Parlamentarier vor, Ersterwerbern den Zinsabzug weiterhin zu ermöglichen. Allerdings zeigt die vorgesehene Befristung auf zehn Jahre, dass die Politiker wenig von der Situation junger Familien verstehen: Eine substanzielle Amortisation von Hypothekarschulden braucht wohl eher 20  Jahre. Ein solcher Systemwechsel droht also den Einstieg ins üblicherweise fremdfinanzierte Wohneigentum zu erschweren.

Stutzig machen sodann weitere Forderungen, die schlecht zu einem echten Systemwechsel passen. So sollen etwa Zins- und Unterhaltsabzüge im Umfang des allenfalls vorhandenen sonstigen Vermögenseinkommens zugelassen werden. Mit anderen Worten sollen jene, die aus ihrem sonstigen Vermögen Einkommen generieren, belohnt werden, indem sie davon Zinsen und Unterhaltskosten abziehen können. Wer wie die überwiegende Mehrheit der Wohneigentümer kein solches Vermögenseinkommen erzielt, kann keine Immobilienabzüge tätigen.

Als am nachhaltigen Gesamtwohl interessierte Person stellt man sich unweigerlich die Frage: Ist das System der Eigenmietwert-Besteuerung derart kaputt, dass es repariert werden muss? Wozu dieser Polit-Aufwand, angestossen durch einen Verband, dem bislang eher der Fünfer (EMW-Abschaffung) und das Weggli (Beibehaltung der Abzüge) vorschwebte als ein echter Systemwechsel? Weshalb gesamtwirtschaftliche Risiken eingehen, wenn sich die Wohneigentümer mit dem aktuellen System grossenteils arrangieren können?

Die Eigenmietwert-Besteuerung ist ein Nicht-Problem, dem auf der Basis aussergewöhnlicher Umstände mit zweifelhaften Argumenten und unausgegorenen Vorschlägen eine Lösung aufgezwungen werden soll. Es gibt im Jahre 2019 eigentlich genügend Herausforderungen – Altersvorsorge, Energieversorgung, Umweltbelastung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen –, denen sich die Politik ernsthaft und mit der gebotenen Langfristorientierung und -einsicht widmen kann. Die Wählerin und der Wähler wünschen reinen Wein eingeschenkt, statt Klientelpolitik, ob rechte oder linke, vorgesetzt zu bekommen.

Silvan Jampen ist als Unternehmensjurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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