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Daniel Wegmann 27.04.2017

Die Zukunft berechnen

In Los Angeles gibt es nur an einigen Tagen im Winter messbaren Niederschlag, und auch dann meist nur kleine Mengen. Regnete es ausnahmsweise etwas stärker, fiel in meiner Wohnung jeweils das Warmwasser aus, weil der Boiler ungeschützt im Freien stand. Da es aber meine Vermieterin nicht als nötig erachtete, wegen der wenigen Regentage ihr undichtes Dach zu sanieren, wagte ich es nicht, mich über eine kalte Dusche zu beschweren. Über das Wetter sprach man sowieso im Allgemeinen wenig in Los Angeles, es war ja auch meistens genau gleich: schön und warm.

Anders hier bei uns in der Schweiz, da ist das Wetter Gesprächsthema Nummer eins. Zugegeben, es regnet in Freiburg im Durchschnitt auch an jedem dritten Tag, und das Wetter ist selten sehr beständig, gerade zu dieser Jahreszeit. «April! April! Der weiss nicht, was er will», schrieb Heinrich Seidel gegen Ende des 19. Jahrhunderts, und trotz der anhaltenden Klimaerwärmung traf diese Einschätzung auch heuer genau zu: Obwohl viele meiner Nachbarn vor zwei Wochen die Grillsaison einläuteten, gab es letzte Woche Schnee bis ins Flachland.

Im Vergleich zu den Berufskollegen aus Los Angeles sind da die Schweizer Meteorologen nicht zu beneiden. Nicht nur liegt die Schweiz auf einem turbulenten Breitengrad auf dem im Frühling die bereits sommerlich warme Luft aus dem Mittelmeerraum auf die immer noch winterlich kalte Luft aus Nordeuropa trifft, sondern dank ihrer ausgeprägten Topografie unterscheidet sich das Wetter zwischen verschiedenen Regionen und Orten oft sehr deutlich.

Dennoch werden Wetter­prog­nosen konstant besser. Die Voraussagen des regionalen Luftdrucks fünf Tage in die Zukunft sind heute so genau, wie sie vor 20 Jahren über drei Tage waren. Und wie eine Auswertung des deutschen Wetterdienstes zeigt, liegen die Voraussagen lokaler Temperaturen an mehr als 95 Prozent der Tage weniger als 2,5 Grad daneben, was vor 20 Jahren an weniger als 75 Prozent der Tage gelang.

Neben einem immer engmaschigeren Netz an Messstationen und Wettersatelliten haben die Entwicklung und Anwendung von komplexen mathematischen Modellen entscheidend zur Verbesserung der Prognosen beigetragen. Diese Modelle beschreiben die relevanten physikalischen Prozesse und erlauben das zukünftige Wetter aufgrund von aktuellen Beobachtungen zu berechnen. Die Genauigkeit dieser Berechnungen hängt dabei direkt von der verfügbaren Rechenkapazität ab, und die ständig wachsende Leistung moderner Computer erlaubt daher eine immer bessere Auflösung der Vorhersage. Trotz diesem Fortschritt bleiben Prognosen über mehrere Tage hinweg aber nach wie vor schwierig. Der durchschnittliche Fehler der Temperaturprognose über fünf Tage ist zum Beispiel doppelt so hoch wie bei einer Prognose über einen Tag.

Langfristige Prognosen sind generell sehr schwierig, nicht nur beim Wetter. Dies liegt unter anderem daran, dass sich Prognosefehler über die Zeit anhäufen. Die oben erwähnten mathematischen Modelle berechnen jeweils aus einem Wetterzustand den erwarteten Zustand nach einer kurzen Zeit und verwenden dann diesen, um wieder den nächsten Zeitpunkt zu berechnen. Eine Prognose wird deshalb durch die Fehler in jedem kleinen Zwischenschritt beeinflusst und wird um so unsicherer, je ferner in der Zukunft sie liegt.

Dies lehrt uns zwei wichtige Dinge: Erstens, dass eine Prognose, deren Unsicherheit wir nicht kennen, eigentlich nutzlos ist. Aufgrund unserer Erfahrung können wir alle die Verlässlichkeit der Wettervorhersage abschätzen. Oder wer verlässt sich bei der Ausflugsplanung für das Wochenende in zehn Tagen schon gänzlich auf die Wettervorhersage von heute? Von all den vielen Prog­nosen und Einschätzungen in den Medien gehören aber die Wettervorhersagen mit Abstand zu den genausten. Eine Studie in den USA hat zum Beispiel gezeigt, dass politische Experten in mehr als 25 Prozent der Fälle falsch liegen, selbst wenn sie ihre Aussage als «absolut sicher» bezeichnen.

Zweitens, dass sich selbst im Zeitalter von Big Data und ungeahnter Rechenleistung vieles nur sehr ungenau voraussagen lässt. Klar, eine genaue Prognose von meteorologischen Extremereignissen hilft, Menschenleben zu retten. Aber ich finde es dennoch beruhigend, dass die Zukunft auch in Zukunft Überraschungen bereithalten wird, ob beim Wetter oder in allen anderen Belangen. Und so wurde mir das immer gleiche schöne Wetter in Los Angeles mit der Zeit auch ganz schön langweilig.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig natur­wissenschaftliche Themen bearbeitet­.

 

«Selbst im Zeitalter von Big Data lässt sich vieles nur sehr ungenau voraussagen.»

 

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Sus Heiniger 20.04.2017

Sugar Baby

Dieses Bild: Leicht nach vorne geduckt, mit erhobener Hand, kommt sie über die Strasse auf den Kinderspielplatz zu. Ein dünnes Stäbchen hält sie in der Hand, darauf wippt eine riesige, rosa Zuckerwatte. Das kegelförmige, federleichte Ding ist so gross, dass sie ihr Gesicht dahinter verstecken kann, und so schleicht sie sich lachend an das spielende Kind heran, bis dieses bemerkt, dass es gemeint ist. Ein Freudenschrei und ein Griff nach der süssen Herrlichkeit. Die kleine Geschichte des Zupfens, des Klebens und Schleckens beginnt. Andere Kinder ringsum schauen zu und wollen auch. An der Strasse steht das Zauberding von Zuckermaschine. Bloss ein Häufchen Zucker mit einem Tropfen Lebensmittelfarbe lassen sich mit etwas Hitze zu einem wattigen Kegel spinnen. Seit mehr als hundert Jahren ist für Tausende Kinder und Erwachsene diese knallig farbige Watte ein Moment der Wonne.

 

Auch du bist natürlich ein Sugar Baby! Nicht, weil du eventuell Zuckerwatte auch magst, ich sage das auch nicht, weil dich vielleicht jemand «Schatz», «Honey» oder ähnlich nennt, was als Name sicher in die Zuckervariante fallen würde. Ich behaupte es einfach, weil wir alle den Liebes­tätern ausgeliefert sind, mehr und mehr. Lebensmittelhersteller bestimmen längst unseren Zuckerkonsum. Es gibt den Ausdruck «drug food», da Zucker auch Abhängigkeit schaffen kann und wir Zucker in Mengen zu uns nehmen können, ohne jegliche Beschaffungsprobleme. Keine Spritze, kein Rauchen oder Sniffen.

Zucker macht glücklich. Dich, mich, das Kind. Für eine Weile. Über ein quengelndes Kind wird irgendeine Süssigkeit gestülpt, und es gibt Ruhe. Für eine Weile. Eine neuere Untersuchung behauptet, dass Babys mit Zucker zufriedener und ruhiger würden als mit Muttermilch. Die Aussicht auf ein Stück Patisserie oder bloss Schokolade aus dem Schrank zu Hause erfüllt viele mit Freude, davor und danach. Für eine Weile. Manchmal kommt es mir vor, als sei überall Zucker beigemischt. Die Lebensmittelhersteller als Geschmacksdespoten am Werk. In Getränken, Glacen, Suppen, Schinken, Broten, Joghurts, Saucen, gerösteten Nüssen, Hot Dogs … zudem natürlich in Zigaretten, um auch Tabak milder und feiner zu machen.

Ein zu hoher Zuckerlevel, der unsere Geschmacksnerven vom charakteristischen Gout eines Nahrungsmittels ablenkt. Ich muss das alles nicht kaufen, aber auch mit «nature» Angeschriebenes ist einfach süss bis sehr süss. Anstelle einer geschmacklichen Aufwertung.

 

Zucker ist zauberhaft und vom Teufel und erzählt Geschichte. Aufgrund des kleinen Watte-Erlebnisses habe ich mich umgesehen, wie das so kam mit dem Zucker. Von der vorchristlichen Wildpflanze bis zum heute bekannten raffinierten, weissen Zucker. Und später dann auch bis zu unserer Runkelrübe. Das Zuckerrohr hat eine globale Bedeutung bekommen, als sich herumsprach, dass sein süsser Saft Heil bringt. Die Pflanze blüht nicht mehr, da die Vermehrung mit Stecklingen sehr einfach ist und sich mit den Jahren Blüten und Samenentwicklung zurückgebildet haben. Auch Bienen braucht das Zuckerrohr nicht. Ich las, dass mit ausgedehnterem Handel der Zucker bei uns zuerst als Heilmittel in die Apotheken kam, bevor die Konditoreien ihn auch verwendeten. So gesehen hat eine Schwarzwäldertorte vielleicht auch etwas Heilendes?

 

Ein Freund, Maschinenentwickler und -bauer, erzählte mir von einem Auftrag, den er Ende des letzten Jahrhunderts von den Briten erhielt. Als grösste Kolonialmacht waren sie auch gross im Zuckerhandel und hatten plötzlich einen Überschuss an Zucker. Die Maschine produzierte dann eine Zeit lang aus Zucker Waschmittel. Und momentan führen wir einen Kampf gegen Übergewicht und Diabetes. Und der Wunsch nach einer Zuckersteuer für Softdrinks wird laut. Werden wir die Melancholie des Ungesüssten aushalten?

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

«Zucker macht glücklich. Dich, mich, das Kind.»

 

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Thomas Vaucher 13.04.2017

Von Zeitfressern und 27-Stunden-Tagen

Wer kennt‘s nicht? Man sitzt am PC und sollte arbeiten. Die Versuchung ist gross und man startet schnell das Internet und blättert die News durch. Nur ganz kurz, danach kann man ja weiterarbeiten. Nach den News schaut man noch schnell auf Facebook vorbei – soziale Kontakte pflegen und so – ehe man weiterarbeitet. Aber halt – wie hat eigentlich Roger Federer gestern gespielt? Nur noch rasch die Tennisresultate durchgehen – oder vielleicht schnell die Spielzusammenfassung anschauen? Darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an. Moment – auf Facebook kommt gerade eine Chatanfrage von einem guten Kumpel rein. Er zockt gerade ein Online-Game und sucht einen Mitspieler. Warum nicht? Nur ganz kurz …

 

Ehe man sich’s versieht, sind eine oder gar mehrere Stunden weg. Eine Stunde weniger Arbeit, weniger Zeit mit der Familie oder manchmal des Nachts weniger Schlaf.

Ich werde häufig gefragt, wie ich meine Arbeit als Lehrer, meine Familie und all meine Hobbys unter einen Hut bringe (und jetzt auch noch Kolumnen schreiben …). Ob mein Tag mehr als 24 Stunden habe.

Manchmal stelle ich mir dies vor: Die Zeit steht für mich drei Stunden lang still, ehe der neue Tag beginnt. Ganz schön praktisch! Was ich nicht alles mit drei zusätzlichen Stunden pro Tag anfangen könnte. Das wären 1095 Stunden pro Jahr oder 26 Arbeitswochen zu 42 Stunden pro Jahr. Fantastisch!

Aber nein, leider hat auch mein Tag nur 24 Stunden. Nur habe ich mir angewöhnt, die lästigen Zeitfresser, die uns vor allem in Form von Bildschirmen auflauern, weitgehend zu eliminieren: Fern schaue ich nur noch bewusst und reduziert, zappen habe ich mir längst abgewöhnt. Skype habe ich vor langer Zeit deinstalliert und die Chatfunktion auf Facebook ausgeschaltet. Ich habe alle PC-Games deinstalliert und kaufe mir keine neuen dazu. Facebook und überhaupt das Internet sind geschlossen, während ich arbeite, das Handy auf stumm geschaltet, so dass WhatsApp mir nicht reinfunkt.

Wenn ich am PC sitze und arbeite, sind diese Zeitfresser verboten. Nicht von irgendeinem Chef, der mich kontrolliert, sondern von mir selbst. Und vor mir kann ich nichts verstecken …

Ich nenne diese Übeltäter Zeitfresser – denn genau das tun sie: Sie nehmen uns unsere Zeit, ohne uns einen nachhaltigen oder nennenswerten Gegenwert zurückzugeben. Sie fressen ein Loch in unseren Tag, ein Loch, das nie wieder aufgefüllt werden kann, denn die Zeit kennt nur einen Weg: vorwärts.

Und vielleicht hat mein Tag dadurch, dass ich diese Zeitfresser eliminiert habe, nun tatsächlich mehr Stunden, als die Tage derer, die sich von den Zeitfressern verführen lassen? Denn wo bei anderen grosse Löcher im Tag prangen – Löcher kreiert von erbarmungslosen Zeitfresserbildschirmen – da läuft bei mir die produktive Zeit weiter. Sekunde um Sekunde. Minute um Minute. Stunde um Stunde.

Doch halt: Ganz so einfach ist es leider nicht, wie ich gestehen muss. Während dem Schreiben dieser Kolumne bin ich einmal in mein Mailprogramm gegangen (weil ich auf eine Mail gewartet habe) und einmal auf Facebook (ja, einfach so …), habe einige Posts gelesen, auf einen externen Link geklickt und eine Buchrezension gelesen. Die Zeitfresser haben zugeschlagen – auch bei mir. Ohne sie wäre dieser Artikel wohl früher fertig geworden …

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN- Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Patrick Buchs 06.04.2017

Zürich zeigt uns den Weg

In meiner letzten Kolumne habe ich über die Wichtigkeit des Sports für die Gesellschaft geschrieben. Zur Erinnerung nenne ich nachfolgend einige Beispiele von positiven Auswirkungen, die durch regelmässiges Sporttreiben nachweislich erreicht werden: bessere Lernfähigkeit dank erhöhter Hirnaktivität; weniger Krankheitstage dank erhöhten Herz-Kreislauf-Aktivitäten; höhere Stressresistenz dank besserer physischen und psychischen Belastungsfähigkeit; geringeres Unfallrisiko dank besseren koordinativen Fähigkeiten; bessere Karrieremöglichkeiten dank ausgeprägter Selbst- und Sozialkompetenz; bessere soziale Integration durch Mitgliedschaft in einem Verein.
Diese erwiesenen Fakten können dazu beitragen, einige gesellschaftsrelevante Herausforderungen zu lösen. So könnte zum Beispiel den stetig steigenden Gesundheitskosten langfristig entgegengewirkt werden. Zur Erinnerung: Haben die Krankenkassen nicht schon wieder eine Erhöhung der Prämien angekündigt? Oder haben uns medizinische Studien nicht aufgezeigt, dass unserer Kinder wegen des steigenden Bewegungsmangels und neumodischen Ernährungsgewohnheiten die erste Generation sein werden, die wieder eine tiefere Lebenserwartung haben werden als wir?
Meiner Meinung nach könnte der Sport noch viel mehr als wirksame Ressource zur Stärkung unserer Gesellschaft genutzt werden. Allerdings hat der privatrechtliche Sport selbst auch einige Herausforderungen zu meistern: Am Beispiel des Freiburger Leichtathletik-Verbandes (vgl. FN vom 1. Februar) wird klar, dass das Ehrenamt an seine Grenzen stösst. Das Gleichgewicht zwischen Beruf, Familie und persönlichen Engagements zu halten, wird immer schwieriger. Ein anderes Beispiel ist das Abwandern von Talenten in andere Kantone, wo sie bessere Rahmenbedingungen vorfinden, um Schule und Sport professionell zu kombinieren. Unser «Hockeygott» Slawa Bykow hat hierzu auch schon öffentlich seinem Ärger Luft gemacht («La Liberté» vom 17. Januar). Diese Probleme müssen sehr ernst genommen werden, weil sie weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen.
Die Frage ist nur, wer den Lead für eine systematische Erschliessung dieses Potenzials übernehmen müsste. Die Realität zeigt, dass der privatrechtliche Sport (Vereine, Verbände, private Anbieter) im Kanton zu schwach ist, weil er einerseits zu wenig finanzielle Ressourcen hat und andererseits von der Politik, im Vergleich zu anderen Kantonen, wenig Unterstützung erhält. Da bleibt nur noch der öffentlich-rechtliche Sport (Kanton, Gemeinden), der wegen der beschriebenen positiven Auswirkungen ein Interesse haben müsste, dieses für mich strategisch wichtige Feld zu besetzen. Apropos Vergleich zu anderen Kantonen: Am 25. November 2015 hat der Regierungsrat des Kantons Zürich entschieden, neu 30 Prozent anstatt wie bisher 21 Prozent der Lotteriegelder in den Sportfonds fliessen zu lassen. Er unterstreicht damit die Wichtigkeit des Sports für die Gesellschaft und setzte ein starkes politisches Zeichen. Es gibt also durchaus Positives an Zürich …
Patrick Buchs (44) kennt die Schweizer Sportszene bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Danach war der ehemalige Diskuswerfer kurz Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes. Heute ist er als selbstständiger Berater in Sportfragen tätig.

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Katharina M. Fromm 23.03.2017

Forschergeist – forscher Geist

Wer kennt sie nicht, die Kinder eines bestimmten Alters, die einem stundenlang Löcher in den Bauch fragen können, indem sie nach jeder Antwort einfach noch mal ein «Warum?» einwerfen. Irgendwann beendet der Erwachsene das Gespräch dann meist mit einem «Darum – basta.» Und meist endet es auf diese Weise, weil wir – sind wir ehrlich – die Frage aus wissenschaftlichen Gründen nicht beantworten können, oder weil wir schlichtweg noch nie über diese Frage nachgedacht hatten oder gerade keine Lust oder Zeit zu weiteren Diskussionen haben.

Ich selbst freue mich über die Kinder, meist zwischen acht und zwölf Jahren, die zu uns an die Uni kommen im Rahmen des Programms «Goûters scientifiques» oder «KidsUni». Aufgeregt und mit leuchtenden Augen können sie dann kaum den Beginn des Programms erwarten, welches zuerst mit einer kleinen Einführung in die Chemie im grossen Hörsaal beginnt. Dort musste ich auf die harte Tour lernen, dass man Kindern dieser Altersgruppe besser nicht mit rhetorischen Fragen kommt – sonst gehen alle Finger hoch und jeder will eine Antwort geben. Am Ende des Tages, nachdem die Kinder dann etwa Slime hergestellt oder Filzstifte in ihre Farbkomponenten zerlegt haben, holen die Eltern ihre aufgeregten Sprösslinge wieder ab und sehen sich konfrontiert mit der Forderung, zu Hause doch bitte gleich ein Labor im Keller einrichten zu dürfen. Der junge Mensch also: Ein Forscher und Entdecker!

Sofern der Forschergeist die Pubertät überlebt – leider bleibt nur bei wenigen Jugendlichen die Freude an den Naturwissenschaften erhalten – kommt der eine oder andere junge Mensch zu uns zum Studium an die Universität. So richtig spannend wird es dann im Master und während dem Doktorat. Hier gehen wir an die Grenzen des heutigen Wissens: So werden tagtäglich in Freiburg neue Moleküle oder Materialien hergestellt, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Aber nicht nur an unserer Universität, überall, wo geforscht wird, entstehen neue Erkenntnisse, und so steht man einerseits in Konkurrenz, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen. In internationalen Publikationen, an Konferenzen, bei Vorträgen und Workshops wird die neue Erkenntnis geteilt und diskutiert. Forschung ist also auch eine Möglichkeit, Freiburg auf internationaler Ebene bekannt zu machen. Manchmal mündet die Forschung in Patenten, Start-ups und Produkten für uns alle.

Gibt es noch viel zu forschen? Nun, wir kennen über 100 chemische Elemente, die wie die Buchstaben eines Alphabets fungieren. Im (lateinischen) Alphabet haben wir üblicherweise 20 bis 30 Buchstaben und können damit ganz schön viele Wörter bilden, jährlich kommen einige hinzu. In der Chemie können wir mit 100 Elementen Moleküle in Analogie zu Wörtern bilden. Die Kombinationsmöglichkeiten dafür sind quasi unendlich. Und aus Wörtern entstehen Sätze, Kolumnen, Bücher – aus Molekülen entstehen zum Beispiel Materialien oder Medikamente, aus Materialien komplexe Apparate. Tagtäglich «arbeiten» wir indirekt oder direkt mit rund 80 der über 100 Elemente, sei es in unserem Körper, den Lebensmitteln, unseren Kleidern, dem Auto oder dem Natel, das wir bei uns tragen. Der forsche(nde) Geist, egal welchen Alters, geht immer neugierig durchs Leben, indem er Fragen stellt, Dinge hinterfragt, bis er versteht. In diesem Sinne: Wieso, weshalb, warum?

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Gustav 16.03.2017

Backstage mit Helene Fischer

Eigentlich hätte der Titel dieser Kolumne «Die Komplexität der Dinge» heissen sollen. Aber seien wir ehrlich, eine Kolumne mit so einem sperrigen Titel hättet Ihr garantiert nicht gelesen. So leid es mir tut, es geht in diesem Text nicht direkt um die prickelnde Begegnung mit der erfolgreichsten Schlagersängerin seit Rex Gildo – obwohl ich tatsächlich neulich Backstage aus der gleichen Gummibärchenschale gegessen habe wie sie – uuuhhh, das war aufregend. Nein, es geht um eine verworrenere, undurchschaubarere und rätselhaftere Dame, als die alleinige, allmächtige und alleinherrschende Göttin des Schlagerhimmels. Es geht tatsächlich um Frau «Komplexität», mit Nachname «der Dinge». Deshalb: Sorry, Freunde, ich habe Euch reingelegt! Aber Ihr lasst Euch ja täglich von politischen Brandrednern, reisserischen Kurzfutternews und nackten Halbwahrheiten verarschen. Also nehmts easy. Da ich genau so doof bin wie Ihr, versuche ich mal, etwas Licht in unsere dunkle Einfalt zu bringen. Vielleicht seid Ihr ja gleicher Meinung, wie ich … Höre ich da ein leises Murren am Frühstückstisch? Okay, okay, vielleicht schaff ichs ja, da und dort die Helene in mein Traktat einzubauen. Ich habe genau eine Zugreise von Bern nach Freiburg Zeit, alles niederzuschreiben. Also los gehts.

 

Die Reduktion und das Herunterbrechen eines komplexen Themas ist die grosse Herausforderung des Songschreibens. Komplexe Harmonien werden weggelassen (ja, auch und vor allem die Helene macht das genau so und sogar viel mehr, als erlaubt). Man arbeitet mit wiederholenden Songstrukturen, mit einfachen, pulsierenden Rhythmen, mit einer aussagestarken, sinnbildlichen Sprache, mit eingängigen Melodien. Man schafft durch die Reduktion Raum für Interpretationen. Ich biete meist viel zu viel Raum, die Helene gar keinen – ergo, sie ist erfolgreicher als ich. Oder sehe ich das zu einfach?

Aber wartet, ich krieg da schon noch die Kurve … Ein Song will eine Reaktion hervorrufen: Am liebsten die Verbundenheit des Zuhörers, Ablehnung ist auch okay, alle Emotionen sind irgendwie willkommen, keine Reaktion ist schlimm. Traurig. Ja, es ist sogar ein sehr gutes Motiv, um mit dem Songschreiben aufzuhören … Es ist in letzter Zeit eine grosse Kunst geworden, den dauerunterhaltenen Mitbürger geistig und emotional zu stimulieren, ihn aus seiner Lethargie aufzuwecken und ihn mit mehr als nur Uh- und Ah- und Lalala-Melodien hinter seinem Thujahag hervorzulocken. Es kommt mir manchmal vor, als müsse ich an meinen Konzerten wie ein hyperaktiver Fitness-Vorturner Halbtote zum Halbleben erwecken; als lägen die Leute eingeschlossen in ihrem inneren Fondue-Stübli, gesättigt und vollgesogen mit allerlei Inhalten, die man ihnen im Sekundentakt in ihre Köpfe, Herzen und Rachen stopft. (Ihr könnt übrigens im Absatz oben das Wort «Song» auch mit Politik oder Werbung oder Schlagzeile etc. ersetzen, würde auch stimmen.)

Oder sehe ich das zu einfach? Sind wir wirklich gesättigt? Ich für meinen Teil brauche immer wieder neue Inhalte, neue Herausforderungen, neue Berge, die es zu überschreiten gilt. Ich bin nicht gesättigt oder abgestumpft. Ich bin vielleicht etwas verunsichert; denn wie soll ich mich für etwas entscheiden, wenn jede Möglichkeit drei andere hervorbringt? Vielleicht bin ich auch etwas abgelenkt, denn wie soll ich mich auf etwas konzentrieren, wenn mich gleichzeitig zwischen zwanzig E-Mails noch zehn Verpflichtungen ins Gewissen kneifen?

Es kann natürlich auch sein, dass ich einfach nur Angst habe: All die Panik-Parolen und Höhenfeuer und Themen, die derart komplex sind, dass ich sie mir von anderen erklären lassen muss. Ich bin abhängig. Abhängig von Fachleuten. Und diese Fachleute sind abhängig von anderen Fachleuten, und diese wiederum von anderen, und und und und … da brummt schon bald das Gehirn, weil am Schluss dieser Kette irgendeine Verschwörungstheorie steht: Kim Jong-un wird von Putin bezahlt, dieser wiederum von China unterstützt, und Chinas Wirtschaft gehört Trump, und der ist ein Alien oder so ein Scheiss … Die Welt verästelt sich wie eine Bronchie in immer mehr Details. Neue Zusammenhänge entstehen. Alles wird so verdammt komplex, dass auch kein Googeln mehr hilft.

Die gesamte Menschheit fällt ja bekanntlich bei jeder Abstimmung mindestens einmal in sich zusammen. Wir haben Angst. Das muss es sein: Angst, immer und überall. Angst vor Allergien, Unfällen in Wellnessbädern und selbstfahrenden Kinderwagen, Flugzeugentführungen und eingeschleppten Tigermücken, die aus genmanipulierten Reiskörnern schlüpfen, Angst vor der politischen Elite, vor Demagogen, Populisten und Präsidenten, Angst vor den Flüchtlingsströmen, Terroranschlägen und ungewaschenen Pouletbrüschtleni auf dem Grill. Angst, überall. Und immer. Ich habe schon Angstzustände, wenn ich an das Ende dieses Textes denke: Wohin führen mich all diese Überlegungen? In den Tod??!!! Muss ich mich aus dem Zug stürzen, bevor er auf der Grandfey-Brücke entgleist und in die Saane stürzt, der Koffer vom Zugnachbarn mir das Gesicht wegreisst und der Computer unter meinen Fingern meine Gedärme aufschneidet? Ahhhhh!!!!!!!

«Prochain arrêt Fribourg» … Danke liebe SBB, du reisst mich gerade zur rechten Zeit aus meiner Negativspirale heraus. Lasst mich einen kurzen Schlusssatz formulieren.

Liebe Freunde, in dieser komplexen Welt müssen wir uns auf das Wesentliche reduzieren: ein gesunder Menschenverstand, etwas Liebe für unsere Mitmenschen und ein guter Refrain zum Mitsingen: «Atemlooos, durch die Nacht …!»

 

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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«Wir haben Angst. Angst, immer und überall.»
«Alles wird so verdammt komplex, dass auch kein Googeln mehr hilft.»
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Franz Engel 09.03.2017

«Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber»

Nun also auch ich. Ich weiss nicht, welcher Teufel mich ritt, der freundlichen Stimme am Telefon zuzusagen. «Herr E. hätten Sie nicht Lust für unsere Tageszeitung (der bekanntlich einzigen deutschsprachigen unserer Region) ab und zu eine Kolumne zu schreiben?» Während ich krampfhaft überlegte, wie ich ein klares NEIN überzeugend formulieren könnte, kam der nächste Satz: «Wir sind überzeugt, Sie können das (yes, you can), beziehungsweise Sie schaffen das!» Fühlte ich mich geschmeichelt? Auf jeden Fall wurde mein Nein schon schwächer, möglicherweise bin ich ja wirklich ein bisher zu Unrecht verkanntes Genie und hier böte sich nun eine einmalige Gelegenheit. Und überhaupt, man kann doch einer so freundlichen Stimme nicht einfach absagen? Um mein Gesicht zu wahren, stotterte ich die üblichen Phrasen, wie «Zeit zum Überlegen», «schwer beschäftigt», «darüber schlafen» und so weiter. «Kein Problem», klang es aus dem Hörer, «haben Sie vielen Dank, ich schicke Ihnen schon mal den Einsatzplan, wir zählen auf Sie.»

 

Und so gehöre ich nun ebenfalls zur berühmten Gilde unserer Kolumnenschreiber, gehöre zum erlauchten Kreis jener Menschen aus Wissenschaft, Politik, Sport und Wirtshaus, äh, Wirtschaft, die sich für so wichtig halten, ihren Mitmenschen mehr oder weniger kluge Ratschläge zu erteilen, zu erklären, warum und wie die Welt sich dreht, und was man dagegen tun kann.

Auf der Suche nach einem «würdigen» Einstieg kam mir obgenanntes Sprichwort in den Sinn: «Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.»

Ein bekanntes Sprichwort (es soll von Bertolt Brecht stammen), jeder hats schon mal gehört, gelesen oder gar selbst angewandt. Mir wurde es zum ersten Mal in der Rekrutenschule so richtig um die Ohren gehauen, bloss weil ich es wagte, zu unserer, damals noch unfehlbaren und alleinselig machenden Armee einige kritische Fragen zu stellen. Eine Bemerkung für die jüngere Generation: Zur Zeit meiner RS (1970) war unsere Welt aufgeteilt in Gut und Böse. Wir im Westen waren die Guten und im Osten, sprich Sowjetunion, war das Reich des Bösen, die Kommunisten, die Russen. Die Schweiz war eine Insel der Glückseligkeit, ohne Frauenstimmrecht und als militärischer Beitrag zur Bewältigung antisemitistischer Tendenzen stand auf dem Menüplan der Armeeküche regelmässig «gschtampfta Jud».

Und wer auch immer an diesem Selbstverständnis zweifelte oder es gar kritisch hinterfragte, galt als Nestbeschmutzer oder im übertragenen Sinn als allerdümmstes Kalb, das den Metzger (die Kommunisten) selber auswählte, und die harmloseste Empfehlung für solche «Defätisten» war, sich ein Billett «Moskau einfach» zu lösen. Ich muss sagen, ich war beeindruckt von der Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit des Kompanie-«Führers». Allerdings fragte ich mich schon damals: «Was machen denn die klugen Kälber?» So wie ich die Lage der Kälber einschätze, endet ihr Schicksal früher oder später sowieso beim Metzger. Ist es unter diesem Gesichtspunkt wirklich nur dumm, wenn das Kalb den Metzger selber wählt, und wieso ist es ein Zeichen von Klugheit, nicht zu wählen und sich irgendwohin prügeln zu lassen? Na ja, offensichtlich haben die Kälber ja keine echte Alternative, aber das eine als dumm und das andere als klug zu bezeichnen, zeugt auch nicht gerade von grosser Klugheit.

Wie dem auch sei, inzwischen hat die Sowjetunion samt kommunistischer Doktrin Schiffbruch erlitten, der Vorsitzende der letzten kommunistischen Grossmacht wurde in Bern mit allen (auch militärischen) Ehren empfangen, die Russen durchbrachen trotz ausgeklügelter Strategien die schweizerischen Verteidigungslinien (zumindest im Eishockey), und unsere in der Zwischenzeit etwas ratlosen und orientierungslosen Strategen schauen immer noch nach Osten und suchen verzweifelt nach Argumenten, um ihre geliebte Armee in dieser Form aufrechtzuerhalten. So gesehen muss es in dieser Denkweise beinahe ein Glücksfall sein, wenn Flüchtlinge von Osten her versuchen, in die Schweiz einzureisen. Auch wenn die Abwehr von Flüchtlingen bei weitem nicht so ehrenvoll sein kann wie die Welt vor dem Bösen zu retten.

Und ich, seinerzeit allerdümmstes Kalb, weiss immer noch nicht wirklich, was ich tun muss, um ein kluges Kalb zu werden … wer hilft mir?

 

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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Andreas Kempf 02.03.2017

Cross Country – nicht nur im Langlauf oder Mountainbike

In drei Tagen ist es soweit. Am Sonntag finden im Spiegel bei Bern die Schweizer Cross-Meisterschaften statt. Vielleicht fragen Sie sich nun, was genau ist Cross? Und weshalb schreibt ein Läufer über Cross Country? Den Begriff bringt man doch eher mit Langlauf (engl. cross-country skiing) in Verbindung, wo aktuell gerade die Weltmeisterschaften im finnischen Lahti ausgetragen werden. Oder eventuell kennen Sie den Ausdruck vom Mountainbike, denn dort wird die offizielle olympische Disziplin Cross Country genannt.

Nun, Cross Country wird gemeinhin mit querfeldein oder Gelände übersetzt. Und cross country run bedeutet demnach Querfeldeinlauf, was gemäss Duden ein Langstreckenlauf durch unbefestigtes Gelände ist. Durchgesetzt hat sich jedoch im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung Crosslauf. Diese Laufdisziplin war von 1912 bis 1924 sogar olympisch und ist es als Teil des Modernen Fünfkampfs bis heute noch. Crossläufe werden in Europa meistens in den Wintermonaten, parallel zur Hallen-Leichtathletiksaison, auf einer Wiese oder in einem Wald durchgeführt. Die Streckenlänge beträgt bei internationalen Rennen für die Frauen normalerweise sechs bis acht Kilometer, während sich die Männer über zehn bis zwölf Kilometer messen dürfen.

Den Organisatoren und den Zuschauern zuliebe werden die Wettkämpfe häufig auf einer 500 bis 2000 Meter langen Runde, welche nicht selten kleine Hindernisse wie Baumstämme, Strohballen oder kleine Hügel beinhaltet, ausgetragen. Der Untergrund bedingt meistens das Tragen von Nagelschuhen (sogenannten Spikes), um einen besseren Halt zu haben. Die Länge dieser Nägel, die von Hand ausgewechselt werden können, variiert dabei zwischen 9 und 18 Millimetern. Zum Vergleich: Auf einer Tartanbahn wird mit nur 6 Millimeter langen Spikes gelaufen.

Es gibt jährlich offizielle Cross Europa- und Weltmeisterschaften, die jeweils im Dezember und im März veranstaltet werden. Auch Freiburger Meistertitel werden im Crosslauf vergeben. Diese kantonalen Meisterschaften finden jedes Jahr abwechselnd entweder Anfang Januar im Rahmen des Düdinger Cross oder Mitte Februar beim Cross in Farvagny statt. Neben den Nachwuchs- und Seniorenkategorien gibt es auf kantonaler und nationaler Ebene sogar zwei offizielle Distanzen: den Kurz- und den Langcross.

Wenn Sie also am Sonntagnachmittag an die frische Luft gehen wollen, dann kommen Sie doch an den Fuss des Berner Hausbergs Gurten. Dort können Sie den besten Crossläuferinnen und -läufern des Landes zuschauen, wie sie auf einer Ein-Kilometer-Runde ein bisschen im Dreck herumrennen. Ob ich beim Langcross über zehn Kilometer oder beim Kurzcross über drei Kilometer starten werde, verrate ich noch nicht. Auch ein Doppelstart ist nicht ausgeschlossen!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat im Sommer an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen. Er schreibt für die FN regelmässig Gastkolumnen.

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Beat Brülhart 16.02.2017

Man

Menschen sind von Natur aus Unternehmer und Kreativitätsbündel. Nicht? Dann beobachten Sie mal ein Kind. Unternehmertum pur, Kreativität in Reinform. Innovation? Und wie. Aufgeben? Nein. Neugierde? Immer. Schmollen? Nicht länger als fünf Minuten. Ich weiss, was ich will. Sicher. Das dauert allerdings nicht lange. Mit jeder Dosis Erziehung geht ein Stück davon flöten. Und spätestens in der Schule ist Schluss mit dem Zauber. Erziehung und Schule haben schliesslich andere Aufgaben, als freie, eigenständige, unternehmerische, kreative und innovative Menschen hervorzubringen. Wo kämen wir da hin! Das System kann solche Typen nicht gebrauchen, kreative Querdenker schon gar nicht. Angepasste, Gleichförmige, Standardisierte, Gehorsame sind gefragt, regierbar, manipulierbar und sich ein- und unterordnend, so müssen sie sein. Normalos, eben. Das geht ganz einfach, indem die Kinder früh genug – und unter Androhung von Liebesentzug – darauf konditioniert werden, was man tut und was man nicht tut. Das sitzt ein Leben lang. Obwohl niemand diesen «Man» je gesehen hat, wird er zum Massstab des eigenen Handelns. Und es gibt nichts Schlimmeres, als etwas zu tun, das man nicht tut.

Tja, und unsere Schulen tragen das Ihre bei. Obwohl zig Mal reformiert, wurzeln sie immer noch im 18. und 19. Jahrhundert, als es darum ging, möglichst viele fleissige Zombies für die Wirtschaft hervorzubringen. Das ist bis heute die Aufgabe der Schulen geblieben, und sie funktionieren immer noch wie damals eine Dampfmaschine. Taxonomie-Stufen hin oder her. Man stopft oben was rein und unten kommt was raus. Aus dieser Epoche stammen auch die nach politisch-wirtschaftlichen und nicht nach pädagogischen Aspekten erstellten Lehrpläne. Ein Einheitsmenü aus Sprachen, Lesen, Rechnen und Schreiben, Jahreszahlen, Vokabeln, binomischen Formeln und Naturkunde im klimatisierten Schulzimmer. Aussergewöhnliche Blickwinkel und Regelbrüche sind nicht vorgesehen, gar verpönt.

Nach welcher Regel ist die folgende Zahlenreihe aufgebaut, und was ist die nächste Zahl? 2, 4, 6, 8, ? Die meisten werden 10 sagen, weil sie glauben, dass die Regel besagt, dass die nächste Zahl um 2 grösser sein muss. Ich sage 9, weil die Regel ja auch sein könnte, dass die nächste Zahl nur grösser sein muss. Klar, dass in der Schule die 10-Sager den 6er bekommen, denn da werden tendenziell Konformität und Anpassung belohnt.

Der Preis dafür ist hoch. Nur äusserst selten werden 6er-Schüler später Unternehmer, Künstler oder Erfinder und Innovatoren oder Sieger an Berufsmeisterschaften. Interessanterweise sind die brillantesten und innovativsten Köpfe dieser Welt allesamt Schulversager. Dass das niemandem zu denken gibt, gibt mir zu denken. Statt mit Steuergeldern finanzierte Innovationszentren und Denkfabriken – was zum Teufel ist eine Denkfabrik ? – aus dem Boden zu stampfen, sollten wir den Mut haben, endlich unser Schulsystem auf den Kopf zu stellen. Statt die Gehirne mit immer mehr (lebensfremdem) Wissen zu füllen, sollten wir uns von einem andern Prinzip leiten lassen: «Weniger in die Köpfe reinstopfen, und alles aus den Menschen herausholen.»

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

 

 

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Claudine Brohy 10.02.2017

Von Wörtern und Unwörtern

In verschiedenen Ländern und Sprachregionen wird seit einigen Jahren das Wort und auch das Unwort des Jahres gekürt. In der deutschsprachigen Schweiz ist «Filterblase» das Wort des Jahres 2016, das Unwort ist «Inländervorrang light». Der Satz des Jahres 2016 lautet: «Vielleicht müssen wir die Granaten in Zukunft ohne Logo liefern, damit niemand weiss, woher sie stammen» – der Satz entstand aus der Diskussion um die Ausfuhr von Schweizer Kriegsmaterial. Alternativ dazu gibt es auch das Mundartwort, das Jugendwort und das Finanzwort des Jahres. Die Rätoromania wählt ihre eigenen Wörter, so gab es 2014 das verschmolzene Wort «chillvosa», ein Portemanteau-Wort oder Kofferwort aus «chillen» und «gervosa» (Bier).

 

Aber es gibt auch inoffizielle Unwörter, und solche, die es sicher werden könnten. Das Bandwurmwort «Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz» (kurz: RkReÜAÜG) galt lange als das längste Wort der deutschen Sprache. Nun ist das Wort – Internet sei Dank – zwar nicht ganz verschwunden, aber das deutsche Gesetz wurde doch 2013 aufgehoben.

Dank Trumps Wahl gibt es nun eine «post-truth», auf Französisch eine «post-­vérité», womit man euphemistisch ausdrückt, dass objektive Fakten zur Meinungsbildung weniger beitragen als emotionsgesteuerte persönliche Eindrücke, welche vor allem über die sozialen Medien verbreitet werden. Halbe Wahrheiten und ganze Unwahrheiten werden dabei dank den sprachlichen Spitzfindigkeiten des neuen US-Präsidenten und seiner Gefolgsleute zu «alternative facts», sicher ein Kandidat für ein Unwort. Aber die Präfixe «Post-» und «Un-» haben eigentlich schon eine lange Karriere hinter sich. So habe ich in Berichten vom Anfang des 20. Jahrhunderts in Zusammenhang mit Statistiken zum regelmässigen Schulbesuch und Schuleschwänzen in Biel den interessanten Begriff «Schulunfleiss» gefunden, und die Termini «Postindustrialisierung», «Postkapitalismus», «Postmaterialismus», «Postmoderne» (was kommt denn eigentlich nachher?) gehören schon lang zum politischen und sozialen Jargon. Aber vielleicht gibt es bald das Wort «Unwort» als Unwort, und wir sprechen in absehbarer Zeit von «Postpost»?

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Sie interessiert sich für die verschiedenen Aspekte der Zweisprachigkeit und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet. Die Autorin tut dies auf Wunsch der Redaktion mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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