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Eine Kindheit im Versteckten

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Kommt der Padrone zu Besuch, der polternde Chef des Vaters, verkriecht sich das Kind mucksmäuschenstill unter der Kredenz. Klingelt der Abwart oder die Fremdenpolizei, muss es sich blitzschnell im Kleiderschrank im hintersten Zimmer verstecken. Und wenn es von Fieber und Hustenanfällen geschüttelt wird, bauen ihm die Eltern eine Höhle aus Kissen und Duvets, damit niemand im schäbigen Mietshaus sein Husten hört. Denn das Kind darf gar nicht hier sein, im «Gastland» Schweiz, wo der Vater auf dem Bau krüppelt und die Mutter putzt. Ihr Kind haben sie über die Grenze geschmuggelt. Jetzt lebt es im Versteckten. Illegal. Wenn man es finde, trichtern ihm die Eltern, müssten alle drei zurück nach Italien.

Tausende versteckte Kinder

Die Geschichte dieser klandestinen Kindheit, die Vincenzo Todisco in seinem Roman «Das Eidechsenkind» auf eindrückliche Art erzählt, spielt in einer Schweizer Stadt der 1960er- und 1970er-Jahre. In einer Zeit also, als man Arbeitskräfte rief, aber Menschen kamen, wie es Max Frisch formulierte. Familiennachzug war den Gastarbeitern nicht erlaubt. Viele Italiener holten ihre Kinder trotzdem in die Schweiz. 10 000 bis 15 000 versteckte Kinder dürfte es in der Schweiz laut Schätzungen gegeben haben.

Kleine Fluchten

Todisco fokussiert in seinem Buch ganz auf das namenlos bleibende Kind – «ein Kind, das nicht sein darf». Wie eine Eidechse versteht es das Kind, unbemerkt zu bleiben und sich bei drohender Gefahr blitzschnell zu verkriechen. Eine normale Kindheit bleibt dem Jungen verwehrt; statt in die Schule zu gehen, verbringt er Stunden alleine vor dem Fernseher. Aber er wagt mit zunehmendem Alter auch kleine Fluchten aus seinem einsamen Gefängnis. Er erkundet das Treppenhaus, richtet sich im Estrich einen Zufluchtsort ein und schliesst im Haus heimliche Freundschaften, etwa mit einem geistig behinderten Jungen und mit Emmy aus dem dritten Stock.

Beklemmendes Ende

Nur vorübergehend sei das Ganze, reden die Eltern dem Kind und sich selber immer wieder ein. Hätten sie erst genug Geld beisammen, kehrten sie nach Italien zurück und bauten ein eigenes Haus.

Doch das Provisorium wird zum Dauerzustand, der auch die Eltern zerschleisst. «Sie geben sich Mühe, das Gastland gern zu bekommen, aber das Gastland liebt sie nicht zurück.» Der Vater stirbt ausgelaugt in der Schweiz. Ein entzündeter Blinddarm lässt auch die Schattenexistenz des Eidechsenjungen auffliegen, der inzwischen im Versteckten zum Teenager herangewachsen ist. Ob das nun seine Rettung ist oder sein Untergang, lässt Todiscos beklemmendes Buch offen.

Vincenzo Todisco: «Das Eidechsenkind», Edition Blau/Rotpunktverlag, 220 Seiten.

Stephan Moser ist Journalist und freier Rezensent.

«Denn das Kind darf gar nicht hier sein, im Schweiz, wo der Vater auf dem Bau krüppelt und die Mutter putzt.»

Zur Person

Sein erstes Buch auf Deutsch

Vincenzo Todisco ist 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren worden. Heute lebt er als Dozent und Autor in Rhäzuns. Bisher schrieb er auf Italienisch. «Das Eidechsenkind», sein erstes Buch auf Deutsch, ist für den Schweizer Buchpreis nominiert.

mos

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