Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Kein Apfelschuss und kein toter Gessler

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

An einem lauen Sommerabend in Konstanz auf dem Münsterplatz sitzen – ist das nicht herrlich? Erst recht, wenn ein «Wilhelm Tell» über die Bühne geht. Diesen Sommer inszeniert das Theater Konstanz mit frischem Blick Schillers 1804 in Weimar uraufgeführtes Meisterwerk: Nahezu das gesamte 20-köpfige Konstanzer Theaterensemble und 50 Bürgerinnen und Bürger der Region haben vor dem Münster den Schweizer Nationalmythos um den Kampf gegen Willkür und Fremdherrschaft als grosse Freilichtaufführung in Szene gesetzt. «Tell» wird bis Ende Juli noch 16 Mal aufgeführt: ein Muss für Theaterfans und Kurzzeitreisende.

Der Mythos: Landvogt Gessler regiert mit eiserner Faust und Willkür. Der Erlass, dem auf dem Marktplatz aufgestellten Hut des Landvogts dieselbe Ehrerbietung zu erbringen wie dessen Besitzer, bringt das Fass zum Überlaufen. Widerstand regt sich: Auf dem Rütli gründen die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden die Eidgenossenschaft und schwören die Vertreibung der Habsburger Tyrannen. Einzig Wilhelm Tell aus Uri schliesst sich dem politischen Kampf nicht an. Er möchte Frieden und Ruhe für sich und seine Familie. Doch als Tell von Gessler gezwungen wird, den Pfeil gegen sein eigenes Kind zu richten, erkennt er, dass ein richtiges Leben im falschen keine Lösung ist.

Das Stück besteht aus drei Handlungssträngen: der Rütli-Geschichte, dem Berta-Rudenz-Plot – einer Liebes- und Gesinnungswandelsgeschichte – und der Tell-Story.

Wilhelm Tell ist auch ein Cowboy

Die Inszenierung ist voller Überraschungen. Nichts von Déjà-vu: Jung, frisch, beschwingt kommt das Spiel daher. Kein Tell mit Armbrust und Lederhose. Kein Gessler hoch zu Ross. Keine Krieger in silberner Rüstung. Sondern: ein einnehmender, humorvoller, eigenwilliger Tell à la Cowboy mit Westernhut, langhaarig und rauchend (Thomas Fritz Jung). Ein smarter, kahlköpfiger Gessler à la Yul Brynner (Ralf Beckord). Seine Gefolgsleute Mafiosi mit obligater Sonnenbrille. Der junge Arnold von Melchtal in gelber Lederjacke (Arlen Konietz). Oder die unterschiedlich agierenden Frauen, die ihre Rollen überzeugend spielen: Gertrud (Bettina Riebesel) wiegelt ihren Ehemann Stauffacher zum politischen Handeln auf. Die adelige Erbin Berta (Laura Lippmann) nutzt ihre Wirkung auf Attinghausens Neffen Rudenz, und Tells Frau Hedwig (Natalie Hünig) nörgelt aus Sorge um ihre Familie ständig an ihrem Gatten herum. Alles Frauen, die unabhängig denken und starke Prinzipien haben. Ein Abbild der Zeit?

Kein Eid und keine Armbrust

Auf bekannte Szenen wie Rütlischwur und Apfelschuss-Szene wartet der Zuschauer vergebens. Männer, die im Schein des Mondlichts die Schwerter zum Schwur erheben, sieht man nicht. Der Eid «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern» fällt nicht. Keine Armbrust zielt. Dafür fallen aus heiterem Himmel eine Unmenge Äpfel zu Boden. Dies zur Belustigung und Verwunderung des Publikums. Gessler stürzt nicht zu Boden, sondern setzt sich nach dem vermeintlichen Tellschuss auf die Bank und verfolgt gelassen das weitere Geschehen.

Aber auch das Bühnenbild ist weit weg von «Mittelalterkitsch» und verzichtet auf jegliche Schweizer Idylle: Vor den Münstermauern türmt sich eine rote Bänke-Landschaft auf, ein Gebirge fast. Gleichsam als Stadtbank dienend wie auch als schroffe Felswand, auf der die Waldstätter bankauf und bankab herumkraxeln. Mit einer überdimensionierten Cornetglace und einem Mikrofon, in das unter anderem am Ende der zweistündigen Aufführung eine «Ausländerin» das versöhnende Schlusswort spricht, bringt die Regisseurin Johanna Wehner ebenfalls Requisiten aus dem Alltag ins Spiel. Und nicht zuletzt wird das Geschehen untermauert mit packender Musik.

Wohlverstanden: Schillers Sprache ist anspruchsvoll und verlangt uneingeschränktes Dabeisein. Doch die gekürzte Fassung macht das Werk geniessbar. Und die Schauspielenden sprechen deutlich und fast alle mit einem Sprechtempo, das auch für Schweizerohren bekömmlich ist.

Dynamik des Zusammenlebens

Doch was gab dem Theater in Konstanz den Ausschlag, Schillers letztes Drama aufzuführen? Für die Regisseurin Johanna Wehner hat das Werk nichts an Aktualität eingebüsst: «Es geht bei Tell ganz viel um das Miteinander, um Prinzipien, die einen oder entzweien, um Dynamiken, wodurch und wann man sich ändert. Um die Frage nach Rollen in einer Gesellschaft und was diese an Möglichkeiten und Widrigkeiten mit sich bringen, um die Frage, wie wir miteinander leben können und sollen.» Parteiparolen, SVP, Personenfreizügigkeit, Flüchtlinge, Ausländerfeindlichkeit: Für all das öffnet die Inszenierung den Blick. Eine höchst eigenwillige und ansprechende Aufführung.

Hintergrund

Wilhelm Tell hat es nicht gegeben

Die Sage vom Scharfschützen Wilhelm Tell stammt aus dem Norden Europas. Ein dänischer Mönch soll um das Jahr 1200 den legendären Apfelschuss niedergeschrieben haben. Doch nicht die hohle Gasse in Küssnacht ist der Schauplatz, sondern ein Waldstück, auf dem der Held «Toko» sich seines Unterdrückers entledigt, als dieser gerade seine Notdurft verrichtet. Friedrich Schiller begeisterte sich für den Stoff. Er wollte dem lokalen Sujet, so heisst es im Programmheft, «die Weite des Menschengeschlechts abtrotzen» und verpflanzte das Geschehen in die Schweizer Berge, die er zeitlebens nie gesehen hat. Schillers erklärte Absicht war, die deutschen Bühnen mit diesem Werk zu «erschüttern». Freiheit, Menschenrechte und Republik galten ihm als die höchsten aller erstrebenswerten Ziele.

il

 

Tipps und Infos

Freilichtspiel, Radtour und Stadtführung

Anreise: SBB Freiburg–Konstanz, 2 Stunden und 54 Minuten.

Aufführung: Bis Ende Juli noch 16 Mal. Tickets: 35 Euro. Reservation unter Telefon 0049-7531-900150 oder per Mail an theaterkasse@konstanz.de

Infos: www.theaterkonstanz.de

Radtour: Das Freiluft-Spektakel lässt sich bestens mit einem Kurzaufenthalt verbinden. Zum Beispiel mit einer Kultur-Radtour entlang des Untersees mit den vielen landschaftlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten zwischen Konstanz und Stein am Rhein. Auch geführt möglich. Informationen: www.konstanz-info.com

Sehenswürdigkeiten: Empfehlenswert ist eine Stadtführung. Im Rahmen des 600-Jahr-Jubiläums des Konstanzer Konzils (2014–2018) hat die Stadt punkto Museen und Aktivitäten einiges zu bieten.

il

 

Meistgelesen