Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Kritische Fragen zur frühen Sprachförderung

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Beginnt ein Kind die obligatorische Schulzeit, wird von ihm erwartet, dass es die Schulsprache beherrscht. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Kinder sprachliche Defizite aufweisen und damit schlechtere Bildungschancen haben. Um in diesem Bereich eine Chancengleichheit zu erreichen, legen Politik und Wissenschaft seit mehreren Jahren den Fokus auf die frühe Sprachförderung. Nun hat die lange an der Universität Freiburg tätige Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm ein Dossier publiziert, in welchem sie diese Massnahmen kritisch hinterfragt.

 

 Margrit Stamm, was möchten Sie mit dem Dossier zur frühen Sprachförderung erreichen?

Vor etwa fünf Jahren gab es grossen Widerstand gegen die Frühförderung. Dieser ist nun fast einem Hype gewichen. Viele Kitas bieten Sprachförderung an. Nur langsam und deutlich mit einem Kind zu reden, ist jedoch alles andere als Sprachförderung. Ich möchte, dass dieser Begriff mehr reflektiert wird und dass kritische Fragen zur Anwendung und zum Nutzen gewisser Massnahmen gestellt werden.

 

 Was genau ist frühe Sprachförderung?

Sprachförderung ist alles, was mit der Ausbildung der sprachlichen Kompetenzen zusammenhängt. Die frühe Förderung beginnt bei Kindern ab etwa drei Jahren. Zum einen gibt es die ganzheitliche, integrierte Sprachförderung. Diese umfasst nicht spezifische Tätigkeiten, sondern die Erzieherinnen legen während des gesamten Tagesablaufs ein besonderes Augenmerk auf die Sprache: Sie reden mit den Kindern deutlich und in vielfältiger Art und Weise. Zum anderen gibt es auch Kitas, welche spezifische Massnahmen anbieten, zum Beispiel Sprachförderung in kleinen Gruppen. Und schliesslich gibt es eine dritte Variante, welche die Eltern miteinbezieht.

 

 Warum ist die Förderung bereits in jungem Alter wichtig?

Die Beherrschung der deutschen – beziehungsweise der französischen oder italienischen – Sprache ist eine Voraussetzung für den schulischen Erfolg. Eine frühe Sprachförderung sollte dazu beitragen, dass alle Kinder zu Beginn der obligatorischen Schulzeit optimale Startchancen haben.

 

 Sind es also vor allem die fremdsprachigen Kinder, die gefördert werden müssen?

Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erlernen müssen, haben sicherlich einen erhöhten Förderbedarf. Jedoch gibt es auch Kinder deutscher Muttersprache, die Defizite aufweisen. Kommunizieren die Eltern nicht mit ihnen und sitzen sie dauernd vor dem Fernseher, können diese Kinder ein schlechteres Niveau aufweisen als Kinder mit Migrationshintergrund, die aus Familien mit einem anregenden Umfeld stammen. Und schliesslich ist auch bei begabten Kindern eine Förderung erwünscht.

 

 Nationale und internationale Studien haben gezeigt, dass die Wirksamkeit der getätigten Fördermassnahmen begrenzt ist. Wo liegt das Problem?

Zum einen ist es so, dass die Kinder aus benachteiligten Familien, welche die frühe Sprachförderung am nötigsten hätten, oft keine Krippe oder Kita besuchen. Für diese Kinder wäre die frühe Förderung sehr wichtig, sie müsste jedoch qualitativ hochstehend sein. Und hier liegt das zweite Problem: Es gibt eine riesige Anzahl von Massnahmen. Deren Umsetzung werden jedoch zu wenig genau evaluiert. Wenn die Betreuenden oder die Eltern mit einem Programm zufrieden waren, bedeutet dies noch lange nicht, dass das Kind Fortschritte gemacht hat.

 

 Welche Massnahmen schlagen Sie vor?

Zunächst sollte besser geprüft werden, ob die vielen Angebote dem Kind etwas bringen. Meiner Meinung nach müssten fünf Prozent der für die Sprachförderung verwendeten Mittel in deren Evaluation gesteckt werden. Wichtig ist auch der Zeitfaktor. Viele Erzieherinnen haben so viele administrative und andere Aufgaben, dass für eine hochstehende Sprachförderung keine Zeit bleibt. Zum Dritten müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden. So braucht es Weiterbildungen des Personals und in den Kitas sollte die Möglichkeit bestehen, Sprachförderung in abgetrennten, ruhigen Raum zu betreiben. Und schliesslich muss die Familie besser integriert werden. Mit drei, vier Stunden Spielgruppe pro Woche kann man keine Wunder bewirken. Werden sich aber auch die Eltern ihres Umgangs mit der Sprache bewusst, erhöht dies die Wirkung der kindlichen Förderung.

 

 Sie sprechen die Rolle der Eltern an: Machen diese einen Fehler, wenn ihr Kind nicht in eine Krippe geht?

Ein «Ja» wäre hier eine verkürzte Antwort. Eltern können durchaus gut Sprachförderung betreiben. Dazu ist es aber wichtig, dass sie mit dem Kind reden – und zwar nicht in der Babysprache, sondern in einer deutlichen und anspruchsvollen Sprache. Sehr gut für die Entwicklung des phonologischen Bewusstseins sind auch Sprachspiele wie Reime, Verse oder Lieder. Und Eltern sollten ein Kind auch mal korrigieren, wenn es etwas Falsches sagt. Gerade benachteiligten Eltern ist dies aber oftmals nicht bewusst.

Zur Person

Von der Praxis in die Forschung

Margrit Stamm wurde 1950 geboren und arbeitete nach ihrer Ausbildung zunächst als Primarlehrerin. Von 1985 bis 1990 studierte sie Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Universität Freiburg und promovierte. Während mehrerer Jahre hatte Stamm den Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg inne. 2012 liess sie sich frühzeitig emeritieren, um sich ganz dem Aufbau ihres neuen Forschungsinstituts Swiss Education widmen zu können. Sie ist weiterhin an diversen Universitäten im In- und Ausland als Gastprofessorin tätig.rb

Mehr zum Thema