04.10.2019

«Inzwischen kenne ich den Weg ganz gut»

Zum 55. Mal startet Arnold Bertschy am Sonntag beim Murtenlauf. Der 74-Jährige aus Alterswil erzählt den FN von seinen Anfängen beim Gedenklauf und was sich in den letzten fünf Jahrzehnten alles verändert hat.

Arnold Bertschy, woher kommt Ihre Passion für den Laufsport?

Joggen war schon immer mein Hobby. So wie andere Musik machen, bin ich gerne gelaufen. Ich habe in einem Büro gearbeitet und das Laufen war für mich immer der ideale Ausgleich zu meiner beruflichen, mehrheitlich sitzenden Tätigkeit. Ich war in verschiedenen Vereinen Mitglied und habe früher regelmässig Bahnrennen über 1500 m, 5000 m und 10 000 m gemacht. Ich bin auch Marathons gelaufen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Murtenlauf?

Das war 1965, ich war gerade 20 geworden. Damals musste man mindestens 20 Jahre alt sein, um beim Murtenlauf von Murten aus starten zu dürfen. Sonst musste man als Junior in Courtepin starteten oder beim St.-Leonhard-Stadion. Mein damaliger Trainer war Willy Neuhaus vom Sportverein Giffers-Tentlingen. Er kam eines Tages zu mir und sagte: «Die Bahnsaison ist zu Ende, jetzt gehst du an den Murtenlauf.» Erst bereitete mir das etwas Kummer wegen der langen Distanz, aber es ging dann ganz gut.

Wissen Sie noch, wie viele Läufer damals am Start waren?

Es waren etwa 800 Läufer. Damals war der Murtenlauf noch nicht so populär. Bekannt geworden ist er erst durch Werner Dössegger, der das Rennen von 1965 bis 1973 neun Mal in Folge gewonnen hat, und durch Markus Ryffel Ende der Siebziger- und anfangs der Achtzigerjahre. Bis 1977 war die Teilnahme den Männern vorbehalten. Ich erinnere mich noch gut, wie sich 1973 eine Frau (Marijke Moser, Red.) unter einem Männernamen angemeldet hatte und als erste Frau am Murtenlauf teilnahm. Kurz vor dem Ziel hinderten sie Männer mit Gewalt am Weiterlaufen. Die Aktion zeigte aber Wirkung: Vier Jahre später durften die Frauen offiziell am Gedenklauf teilnehmen. Auch dadurch ist die Teilnehmerzahl in den Folgejahren kontinuierlich gestiegen.

Was hat sich in den 55 Jahren Ihrer Teilnahme am meisten verändert?

Da gibt es einiges, zum Beispiel das ganze Startprozedere. Zu meinen Anfangszeiten gab es einen einzigen Startschuss und alle sind gleichzeitig losgerannt. Ich durfte einige Male bei der Elite mitlaufen. Die startete jeweils von der Rathausgasse aus, während die Volksläufer in der Hauptgasse losliefen. Beim Startschuss mussten wir immer einen Mega-Sprint hinlegen, damit wird vor den anderen in die Bahnhofstrasse einbiegen konnten und nicht im Gerangel der Volksläufer aufgehalten wurden. Heute werden die Läufer entsprechend ihrem Leistungsvermögen gestaffelt auf die Strecke geschickt.

Stark verändert hat sich auch die Zeitmessung.

Und wie! Früher hatte man bei der Anmeldung zwei Metallplatten erhalten, fünf auf zehn Zentimeter gross. Die eine musste man die der Startzone abgeben und die andere im Ziel. So wurde die Zeit gemessen und kontrolliert, ob jemand die ganze Strecke gelaufen war. Irgendwann wurde die Zeiterfassung elektronisch. Dann musste man sich einen Knopf an den Schuhbändeln befestigen. Heute ist ein Chip in den Startnummern eingebaut, der die Zeit erst dann zu messen beginnt, wenn man die Startlinie überquert. Früher begann die Zeit mit dem Startschuss für alle gleichzeitig zu laufen, auch wenn man noch gar nicht losrennen konnte. Bis die vielen Läufer in Bewegung waren, hat das immer ein paar Minuten gedauert.

Die Murtenlaufstrecke war ursprünglich 16,4 Kilometer lang, seit 1977 müssen die Läuferinnen und Läufer 17,2 Kilometer bewältigen.

Die Strecke hat sich im Verlauf der Jahre immer wieder etwas verändert. Anfangs war das Ziel unten bei der Murtenlinde und nicht oben auf dem Georges-Python-Platz. In Courtepin führte der Lauf noch mitten durchs Dorf über zwei Bahnübergänge. Da hat es immer wieder heikle Situationen gegeben, wenn ein Zug gekommen ist und Läufer noch schnell über die Geleise gesprungen sind, damit sie nicht an den Bahnschranken warten mussten. Die Autobahnbrücke in Granges-Paccots hat es zu meinen Anfangsjahren auch nicht gegeben. Da musste man ins Loch hinab- und auf der anderen Seite wieder hinauflaufen. In den letzten Jahren haben einige neue Kreisel die Strecke etwas verlängert. Aber das ist kein Problem: Inzwischen kenne ich den Weg ganz gut (lacht).

Nicht nur die Laufstrecke ist länger geworden, auch die Teilnehmerzahlen steigen regelmässig. Begrüssen Sie diese Entwicklung?

Für mich ist es ein Zeichen, dass die Leute heute mehr Sport treiben. Insofern sehe ich das positiv. Der Murtenlauf ist ein Volkslauf und wenn er den Hobbyläufern als Ziel und Motivation dient, um wöchentlich zu trainieren, dann ist das eine gute Sache. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die Läufer heute besser vorbereitet an den Start gehen als früher.

Inwiefern?

Früher gab es immer wieder solche Läufer, die sich spontan angemeldet haben. Sie konnten sich danach zwei Wochen lang nicht von den Strapazen erholen. Für den Körper ist das nicht gut. Es ist wie in der Musik, da geht es auch nicht von selbst, man muss dafür üben. Diese Einstellung ist heute mehr in den Köpfen der Leute.

Wie haben Sie sich auf den diesjährigen Murtenlauf vorbereitet?

«Mässig, aber regelmässig» ist mein Trainingsmotto. Pro Woche absolviere ich normalerweise zwei Läufe à sechs bis acht Kilometer. Vor drei Wochen habe ich einmal zwölf Kilometer gemacht. Das stimmt so für mich. Wenn man regelmässig trainiert, hat man eine gewisse Grundkondition, mit der man auch den Murtenlauf meistern kann. Hätte ich zwei, drei Monate nicht trainieren können, dann würde ich nicht teilnehmen. Allerdings trainiere ich ausschliesslich auf Naturstrassen und im Wald. 17  Kilometer auf dem Asphalt sind in meinem Alter nicht ohne. Mit den Segeltuchturnschuhen von früher mit ihren ganz dünnen Sohlen würde ich es heute nicht mehr machen. Mit den modernen Laufschuhen liegt aber ein Strassenlauf pro Jahr drin.

Was wünschen Sie sich für Ihren 55. Murtenlauf?

Schönes Wetter! Für einen Läufer ist es toll, wenn einen die Zuschauer anfeuern. Wenn das Wetter gut ist, bleiben die Leute länger am Strassenrand stehen und feuern länger die Teilnehmer an. Die späteren Läufer erbringen ja die gleiche Leistung wie die schnelleren und auch sie verdienen Aufmunterung und Applaus. Und wenn das Wetter schön ist, ist am Strassenrand mehr los: Ob Guggenmusik oder Alphornbläser, der Läufer freut sich über jede musikalische Unterstützung.

 

Denken Sie schon an Ihrem 56. Murtenlauf?

Meine Gesundheit hat es mir erlaubt, 55. Mal am Murtenlauf teilzunehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Wenn ich weiterhin dieses Glück habe, kann ich mir durchaus vorstellen, auch nächstes Jahr den Murtenlauf zu machen. Mal schauen, was das Leben mir noch bereithält.