Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

«Opfer haben Fragen, die nur der Täter beantworten kann»

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Frau Christen, in der Restaurativen Justiz bringen Sie Opfer teils schwerster Straftaten mit den Tätern zusammen. Spüren Sie selbst nie Abscheu gegenüber den Tätern?

Nein. Ich arbeite mit Tätern zusammen, die an dem Prozess freiwillig teilnehmen. Es handelt sich also um eine spezielle Gruppe, die bereit ist, über ihre Taten zu sprechen. Ich versuche, die Menschen zu sehen und nicht nur die Tat.

Der Begriff Restaurative Justiz kommt von «wiederherstellen». Was wollen Sie nach einem Mord oder einer Vergewaltigung wiederherstellen?

Nach einem schweren Verbrechen werden Leben – dasjenige des Opfers oder seiner Angehörigen und dasjenige des Täters – nie mehr so sein wie davor. Viele Dinge können nicht in den Originalzustand versetzt werden, sondern das Leben bleibt geprägt von der Tat. Deshalb passt der Begriff Restauration sehr gut.

Was bezweckt die Restaurative Justiz bei Opfern und Tätern genau?

Die Opfer sollen die Chance erhalten, das Erlebte zu verarbeiten und in ihr Leben zu inte­grieren, um in die Zukunft blicken zu können. Bei den Tätern geht es oft um ein Aufarbeiten: Wie konnte es so weit kommen? Oft werden sich die Täter erst bei der Konfrontation mit dem Opfer bewusst, was sie wirklich angerichtet haben. Dieses Bewusstwerden unterstützt die Abkehr von der Kriminalität.

Das tut auch der normale Strafvollzug, der auf die Wiedereingliederung der Täter ausgerichtet ist. Wie unterscheidet sich die Restaurative Justiz?

Durch die direkte Konfrontation. Den Opfern oder ihren Angehörigen gegenübertreten zu müssen, ist für die Täter schwierig. So etwas erleben sie in einer rein psychiatrischen Therapie nicht. Zum Beispiel bei Raubüberfällen sagen die Täter vor der Konfrontation oft: Niemand wurde verletzt, das Geld gehörte nur der Bank – es ist doch eigentlich nichts passiert. Erst nach der Konfrontation mit einem Opfer des Überfalls realisieren sie, dass Menschen nach einem solchen Erlebnis ein Leben lang Angst haben, etwa vor jeder Person, die dunkel angezogen ist oder eine Kapuze trägt.

Traumata zu überwinden, ist aber auch Aufgabe der psychologischen Opferhilfe. Was macht die Konfrontation anders?

Opfer haben oft Fragen, die ihnen nur der Täter selbst beantworten kann.

Was fragt jemand, der vergewaltigt wurde, seinen Täter?

Warum ich? Warum ist mir das passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich etwas anders machen können? Diese Fragen bleiben in einem Gerichtsverfahren meist ungeklärt.

Wie läuft ein restaurativer Prozess typischerweise ab?

Zuerst müssen beide Par­teien bereit sein für den Dialog. Und wir müssen uns aus professioneller Sicht sicher sein, dass der restaurative Prozess hilfreich für das Opfer sein wird. Und auch für den Täter.

Zu welcher Einsicht kommt ein Täter im restaurativen Prozess?

Zu sehen, dass seine Tat Schaden angerichtet hat. Einmal betreute ich einen jungen Täter, der bereits seit zwölf Jahren kriminell war. Er hatte nie das Gefühl, Opfer zu hinterlassen, weil er nur im Milieu agiert hatte. Als er dann aber Opfern von Raubüberfällen gegenübersass und ihre Geschichten hörte, brach seine Welt zusammen wie ein Kartenhaus.

Der Prozess ist freiwillig. Die richtig harten, uneinsichtigen Verbrecher erreichen Sie damit also nicht.

Die Schwere des Verbrechens hat nichts damit zu tun, wie einsichtig ein Täter ist. Ich habe schon mit Schwerstverbrechern zusammengearbeitet, mit Mehrfachmördern, Mördern und solchen, die schwere Körperverletzung zu verantworten haben. Wenn ein solcher Täter die Bereitschaft hat, sich auf den Prozess der Restaurativen Justiz einzulassen, kann wirklich eine Veränderung passieren. Nicht nur kurzfristige Einsicht, sondern eine langfristige Veränderung.

Wie viele restaurative Prozesse haben Sie in der Schweiz bereits durchgeführt?

Gruppenprozesse haben wir in der Schweiz bisher drei durchgeführt. Einen direkten Dialog habe ich nach einem schweren Verbrechen gemacht, und einen weiteren nach einem Delikt im familiären Umfeld. Daneben sind noch ein paar weitere Prozesse in Vorbe­reitung.

Das ist noch nicht gerade viel.

Die Restaurative Justiz steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Wir haben mit dem Forum für Restaurative Justiz erst 2017 begonnen.

Stimmen aus dem etablierten Strafvollzug bezeichnen Sie als Laiin, die sich im Gegensatz zu einem Gefängnispsychiater nicht auskenne mit der Psyche von Straftätern.

Es gibt Gefängnisdirektoren und -psychiater, die sich für die Restaurative Justiz einsetzen, und solche, die wenig davon halten. Für uns sind hohe professionelle Standards das ­ A und O. Nur so können wir beispielsweise verhindern, dass ein Opfer durch den Prozess erneut traumatisiert wird.

Kritisiert wird ja gerade, dass Sie eine solche erneute Traumatisierung als Nicht-Psychiaterin gar nicht erkennen könnten.

Das stimmt, ich bin keine Psychiaterin. Aber eine Traumatisierung kann ich erkennen, da ich auf Traumaarbeit ausgebildet wurde.

Welches Ziel setzen Sie sich für die Restaurative Justiz in der Schweiz?

Wir wollen genügend Moderatoren und Moderatorinnen ausbilden, so dass für jedes Opfer, jeden Angehörigen und jeden Täter, das oder der einen restaurativen Prozess wünscht, jemand zur Verfügung steht, der dafür speziell ausgebildet ist.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Talk-Reihe «Wissenschaft persönlich» in der Stadtbibliothek Winterthur. Das ganze Gespräch ist als Video und Podcast verfügbar auf www.higgs.ch

Kommentar (0)

Schreiben Sie einen Kommentar. Stornieren.

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die Pflichtfelder sind mit * markiert.

Mehr zum Thema